Rechtenfleth d. 25tn Aug 63.
Endlich erscheint einmal eine Stunde der Ruhe und Stille die denn auch sofort beim Schopf gefaßt werden soll um an Euch Ihr lieben prächtigen Menschen zu schreiben. Was mögt Ihr gedacht haben, daß ich erst jetzt dazu komme. Sind über Deine kußgesegneten Lippen schon verschiedene brummende Laute geflossen? Sind auf der a frühlingumstrahlten Stirne der kleinen Frau Professorin schon einige Wölklein des Unwillens entstanden? Ich muß es fast glauben. Aber Ihr Lieben habt keine Ahnung davon welche Wirbel ud Wogen plötzlich über mich zusammenschlugen u mich verschlangen b sobald ich nur die Heimat betreten hatte. Da war an kein Schreiben mehr zu denken.
Ich weiß nicht ob in Deinem vonc Liebesglück ud Darwinismus erfüllten Leben Dir die Kunde geworden vom wilden Kampfe zwischen den Mächten der Finsterniß u des Lichtes, zwischen Orthodoxie ud der freien Anschauung welcher d in letzter Zeit die Gemüther meines engeren Vaterlandes bewegt mir ist auch nicht klar ob Du weißt daß e wir hier im Königreiche daran sind || das alte verrottete muffig undf zu eng gewordene Gebäude unsrer Landeskirche durch eine neue gänzliche Umgestaltung mit neuem frischen Leben zu erfüllen, zu erweitern daß Alle Anschauungen Raum darin haben und es aufs Neue zu begründen auf Freiheit, Wahrheit ud Schönheit. So wird denn noch im Laufe dieses Herbstes eine aus den Wahlen des Volkes u desg h Clerus i hervorgegangene Vorsynode in Hannover zum Werke zusammentreten. – Schon in Göttingen erfuhr ich durch die Weser Ztg. daß mich meine Heimatsgenoßen j trotz allen Gift u Geifer speienden Orthodoxen mit großer Majorität 126 gegen 53 zum Wahlmann unsres Bezirkes erwählt hatten. Wie gesagt ich k sah mich plötzlich in das bewegteste Gewühl u Treiben der Parteien versetzt ud das eigentliche Hauptwühlen ging nun erst recht los. Gestern endlich ist die Hauptwahlschlacht geschlagen ud auch aus ihr bin ich, freilich nach hartem Kampfe als l constituirendes Mitglied der Synode zum furchtbarsten Ärger unsrer sämmtlichen Pfaffen, aber vom || herzerschütternden Jubel der übrigen Bevölkerung begrüßt m siegreich hervorgegangen ud habe bereits meine erste Standpauke über die freie Kirchen der Zukunft gehalten. Daß Ihr beiden Menschen o aufs Innigste an dieser Wendung Theil nehmt, seis aus Liebe zu mir, wie p im Intresse der Glaubensfreiheit und Alles was sich daran knüpft, Darwinismus insbesondre, – davon bin ich von vornherein überzeugt.
Ich verspreche Euch muthig u treu auszuharren im Kampfe wider die schwarze Garde der Finsterniß, vor Allem ihr die Herrschaft über die Schulen mit entreißen zu helfen, dann ist schon Viel gewonnen. – r
Und nun werdet Ihr nicht mehr zürnen daß ich noch nicht geschrieben. Genug denn jetzt davon. –
Über all diesem Dunst u Qualm der Gegenwarts aber strahlt int ruhiger sonnenumglänzter Schönheit die jüngste Vergangenheit, das Bild der Tage von Jena von der Jubelouverture meiner Ankunft an bis zur ruhmgeschmückten Stunde des Scheidens ud mir zittert das Herz von Wehmut u Freude wenn ich daran u zurück denke ||
Die schöne Hufeisenwanderung, der Kunitzer Eierkuchen, die köstlichen Horizontalstunden, die v Rast auf den Trümmern der Lobedaburg, das Abendbrot bei rauschendem Wehr und Mondenglanz in Burgau die von Dir so schön beleuchtetenw Zähne des Mastodonten u Mammuth, die leckeren Rostbrätchen, dasx kühle y Naß von Lichtenhayn, die traulichen Morgenstunden beim häuslichen Caffe, die beiden schönen Augen im bewußten Album, die Bäder in der klaren Saalefluth u endlich die herzerhebende Soiree scandaleuse – das z sind die strahlenden Lichtpuncte die noch lange wie helle Sterne aus dem allgemeinen Bilde mir in die Seele strahlen werden. So empfangt denn nochmals Dank, tiefsten Herzensdank Ihr lieben lieben Menschen für so Viel Freundliches u Schönes! könnt ichs nur einmal recht vergelten, ich wäre dann erst recht glücklich aa dadurch gemacht.
Einen genußreichen Tag verlebte ich in Weimar besuchte den alten Genelli u Preller der gleich nach unsrer Abreise von Capri dort angekommen war ud mein Caprilied abgeschrieben ohne mich zu kennen. Ich besah das Schloß u war entzückt von der bb erquickenden Schönheit seiner Räume ud der Fülle seiner Kunstschätze. Auch außerdem habe ich in Weimar noch viel Schönes gesehen; dann reiste ich Nachmittags nach Eisenach war Nachts u am andern Morgen auf der Wartburg deren märchenhafte Pracht abermals mein Herz mit cc unsäglicher Freude erfüllte, dann schenkte ich Kassel ein paar Stunden u sah die Ausstellung von Prellers || großen Landschaften (Cartons) zur Odyssee ud langte Sonntag Abends in Göttingen an wo ich andern Morgens gleich Keferstein u Ehlers aufsuchte ud von Beiden mit dd erfreuender Herzlichkeit aufgenommen ward wenn gleich sofort ein großer Abstand zwischen jenenser u göttinger Professorenthum zu merken war. K. rüstete sich grade um am nächsten Tage nach Norwegen zu ee reisen, dennoch gab er mir noch Abends eine kleine höchst nette Gesellschaft ud zwar von lauter Leuten die unter Palmen gewandelt u aus der Trevifluth getrunken hatten. Da wurden Zeichnungen u Photographien besehen, ich mußte ein paar Dichtungen z.B. den Alten vom Pincio vorlesen u K. kleine gemüthliche Frau sang mit anmuthiger Stimme ff die kleinen Lieder von Napoli, Sorrent u Amalfi ud den Schluß mußte gar der Garibaldi Marsch bilden den eine andre Dame spielte; genug ich hatte wieder, gg wie so oft auf dieser Reise, die lebendigsten Anklänge an den lieben Süden. Bei Tische wird auch im Kefersteinschen Hause gebetet. Die kleine Frau betet vor, die andern still nach. Wie wohl sein Gebet gelautet haben wird. hh Lieber barmherziger Gott bewahre unser gutes Göttingen || doch vor allem Übel, insbesondere aber vor dem jetzt so bedenklich um sich greifenden Darwinismus. – So dachte ichs mir, denn ich hatte ihm eben vorher von der Richtung in Jena erzählt. – Ehlers mit dem ich andern Tags da K bereits fortgereist war noch viel verkehrte war mir durch sein offnes frisches u kräftiges Wesen wieder recht lieb ud erzählte höchst intressant von seinem Aufenthalt in Fiume u der Natur des Quarnerobusensii. Endlich war noch der junge Archaeolog Conze (ein Mitglied unsrer römischen Colonna) mein Umgang. Er jj nimmt eine Professur in Halle an um wie er sagte einmal ein wenig schönes Haidenthum kk in die fromme Christenherde einzuführen. Der liebe Gott wolle ihm dabei behülflich sein, denn sie habens dort nöthig. Conze selbst ist ein frischer fröhlicher lieber Kerl, in seiner Art fast ein wahrer Haeckel besser kann ich ihn Euch nicht bezeichnen.
Den Schluß der Reise bildeten zwei Tage bei meinen Freunden in Hannover wo ich ll zugleich die herrliche Privatsammlung des mm in Rom nn verstorbenen hannov. Gesandten Kestner (Terracotten, Gemmen, Vasen Bronçen u Bilder) recht genossen habe. ||
Dann erst kehrte ich heim und ward ehrwürdiges Mitglied der heiligen Synode als welches ich zu meiner Freude, nebst vielen andern wackren Männern, auch Rudolf von Bennigsen zum Mitkämpfer habe. Zu Anfang Octobers beginnt das Streiten, wie lange es aber währen mag, weiß Gott. Ich freue mich daß die Sitzungen doch in die Wintermonate fallen ud will mich nebenbei schon an den Genüßen der Residenz, Theater Concerten usw. weidlich ergötzen, überdies giebt’s auch noch 3 Thaler Diäten, dabei kann man trotz allem Gift u Geifer mit dem einen die Pfaffen überschütten werden schon fröhlich ud guter Dinge sein. Daß oo auch auf politischem Felde nicht gefeiert wird kannst Du denken. An Bennigsen hoffe ich mich recht anschließen zu können, falls || mir seine Natur zusagt. Jetzt ist er zum Abgeordneten-Tage nach Frankfurt, der bei obwaltenden Umständen sicherlich eine hohe Wichtigkeit hat. Jetzt muß seinen Fürsten gegenüber auch das deutsche Volk einmal seine Stimme abgeben, nichtpp bloß qq hinnehmen was die Fürsten ihm zuwerfen sondern auf wahre Vereinbarung dringen. Welch eine Wendung plötzlich in allen Gemüthern! Und wie ist Preußens Regierung auf einmal so gänzlich um jeden Credit beim deutschenrr Volke. Nur Eins kann jetzt noch geschehen um die verlorenen Sympathien wieder zu erlangen u das Vertrauen wieder zu heben. Der König muß abdanken, der Kronprinz die Reichsverfassung von 1849 proklamiren. Was ist Deine Ansicht? –
Und nun lebt wohl Ihr beiden lieben prächtigen u glückseeligen Leutchen u vergeßt auch nicht in Eurem Glück
Euren treuen
Hermann.
a gestr.: frühlingstra; b gestr.: wie ich; c eingef.: von; d gestr.: seit; e gestr.: eine neue Verfaß; f gestr.: u eng, eingef.: muffig und; g korr. aus: der; h gestr.: Gei; i gestr.: zusammen; j gestr.: mit, k gestr.: kann; l gestr.: Mit; m gestr.: hervorgeg; n gestr.: Religion, eingef.: freie Kirche; o gestr.: dabei; p gestr.: es; r gestr.: doch jet das; s eingef.: der Gegenwart; t Dittographie (in) gestr.; u gestr: den; v gestr.: Augenblicke; w gestr. erklärten, eingef.: so schön beleuchteten; x korr. aus: die; y gestr.: Fluth von; z gestr: seh; aa gestr.: darüber; bb gestr.: Schönheit; cc gestr.: herz; dd gestr.: herz; ee gestr.: reisen; ff gestr.: unser klein; gg gestr.: den; hh gestr.: xxx; ii korr. aus: Quarneromeeres; jj geht als Pro; kk gestr.: unter; ll gestr.: die; mm gestr.: römischen; nn gestr.: residierenden; oo gestr.: es; pp gestr.: Welch, eingef. nicht; qq gestr.: hinneh; rr eingef.: deutschen