Rechtenfleth d. 25tn Apr 63.
Mein lieber treuer Häckel.
Dein Brief war lieb und freundlich, wie immer und doch hat er mir das Herz schwer gemacht. Wie gern a hätte ich gleich zu Deiner Einladung Dich Pfingsten zu besuchen b und dann mit Dir den lieben Thüringer Wald wieder zu schauen ein freudig jubelndes Ja ausgerufen wenn ichs nur mit c voller Bestimmtheit gekonnt hätte, aber mit dem allerbesten Willen kann ichd dies e Ja höchstens zu einem „wahrscheinlich“ machen; denn eine Menge Angelegenheiten stehen bevor, die mir jetzt durchaus noch nicht gestatten genau die Zeit anzugeben, wo ich abkommen kann. Unter diesen nun steht in erster Linie || Etwas höchst Prosaisches, nämlich eine Steinkohlenladung, die wahrscheinlich grade gegen die Zeit von England für meine f Ziegelfabrik eintreffen wird. Ein Anderes aber ist dagegen etwas ganz Herrliches, – der alte Willers und ein paar jüngere Freunde aus der Künstlerwelt wollen in der ersten Hälfte des Juni g hier eintreffen um die Wandmalereien in meinem Hause zu beginnen ud Du kannst denken mit welcher Freude ich dem Tage entgegen sehe.
So kann ich Dir denn für jetzt nur ankündigen, daß ich auf jeden Fall im Laufe dieses Sommers dort komme ud zwar entweder um die Pfingstzeit oder h im Juli ud dann könnte es auch sehr leicht möglich sein mit Dir i zu Anfang August nach Leipzig zum Turnfest zu reisen, denn auch dahin habe ich bereits verschiedene Einladungen von meinem Freunde Andresen (Kunsthistoriker) u von Masius. Die Pfingstreise mit Dir in den Thüringer Wald ist zwar auch lockend || indeß noch lieber denn als Wanderer (in welcher Eigenschaft ich Dich ja genugsam kenne) sähe j und hörte ich Dich einmal als gelahrter Professor auf hohem Katheder, auch Freund Klopffleisch, Hase u Schleiden hörte ich gern und überhaupt eine Universität will ich auch am liebsten wirklich als solche genießen. Auf der Hinreise denke ich denn auch ein paar Tage in Göttingen zu bleiben um Keferstein, Ehlers u Kontze zu besuchen, daß ich also drei Universitäten u ein Heer lieber Menschen u Genossen vergangener schöner Tage genießen werde.
Nun aber bitte ich k aufs allerdringendeste, daß sich Deine lieben Eltern mit der Zeitwahl l ihres Dortkommen’s meinetwegen durchaus nicht incommodiren. Sie sollen ganz thun als ob ich nicht existirte. Treffe ich sie bei Dir, um so besser dann weil ich sie kennen lerne. Ich wohne dann in der Sonne, im Monde, in irgend einem Sterne oder sonst wo, das ist eine Nebensache. Also noch einmal kommen werde ich u es Dir auch früh genug anzeigen, so bald ich nur mit einiger || Sicherheit darüber bestimmen kann. Sehr lieb aber wäre mirs wenn Du mir vorher schriebst wann Deine Eltern u wie lange sie dort sein werden. Und nun genug davon .
Neues von mir u meinem Leben u Schaffen kann ich nicht Viel melden. Für das Bremer Sonntagsblatt habe ich eine Schilderung der römischen Katakomben geschrieben und in Bremen jüngst einen öffentlichen Vortrag „Die altchristliche Basilika u ihre Bedeutsamkeit als m Vorbild protestantischen Kirchenbaus“ gehalten, der n so gefallen hat daß ich ihn auf Verlangen mehrerer in Oldenburg und Bremen wiederholen soll. -
Auch ein Bild aus der römischen Campagna (in Sepia u Neutraltinte) ist jüngst fertig geworden u ein anderes gleicher Art, die Ruinen von Pästum angefangen. Manches davon bringe ich mit. –
Und so leb denn wohl Du lieber Junge ud verlebe mit Deinem holden Weibchen den köstlichsten u blüthenreichsten Frühling der je die Erde geschmückt hat.
Auf freudiges Wiedersehn Dein
treuerH. Allmers ||
Willst Du einmal recht lebendige Erinnerungen an Sicilien o heraufrufen so lies ja das herrliche Buch »Siciliana« von Gregorovius. Ich bin ganz entzückt davon ud möchte auch Dir die Freude gönnen.p
a gestr.: hätte ich; b gestr.: ein freu; c Dittographie (mit) korr.; d korr. aus: ichs; e gestr.: höch Ja zu einer; f gestr.: Fa; g bestr.: bei; h gestr.: gegen; i gestr.: nach; j gestr.: sähe ich; k gestr.: Dich; l gestr.: Ihres; m gestr.: protestantisches Kirche; n gestr.: sehr; o gestr.: auf; p Nachschrift vertikal am linken Rand von S. 1 vermerkt