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Rechtenfleth d. 21tn Dcbr 1862.
Mein lieber treuer Häckel
Das alte Jahr will ich nicht ins Meer der Ewigkeit sinken lassen ehe es Dir noch ein kleines Lebens- und Liebeszeichen von Deinem alten Gefährten u Mitgenossen des schönen Südens gebracht hat. Das Bewußtsein einer Briefschuld machte mir sonst viel peinvolle Gewissensbisse. Diesmal aber war ich in Betreff Deiner vollkommen ruhig. Wußt ich doch diesmal sicher Du habest weder Nachricht von mir erwartet noch sie irgendwie entbehrt. Wie wär das auch möglich in der Fülle des holden Glücks, das Dich jetzt umgiebt. Ich habe Phantasie genug mich aufs Lebendigste in die liebedurchsonnte a u glückdurchströmte Behaglichkeit Deines warmen neugebauten Nestchens hineinzudenken ud nehme es Dir nicht übel wenn Du mich auf eine Zeitlang vergessen solltest, sondern finde das vielmehr in aller Ordnung. Alle jungen Ehemänner sind im ersten halben Jahre nach ihrer Hochzeit vollkommen unzurechnungsfähig in dieser Beziehung. Also darum keine Feindschaft nicht. – Ich habe dafür auch häufiger an Dich gedacht ud bin oft genug im Geiste bei Euch eingekehrt. – Wenn b das erst in voller Wirklichkeit geschehen wird! das soll eine Lust werden. –
Die Feiertage wirst Du gewiß in Berlin im Kreise Deiner vielen Lieben zubringen, indeß will ich diesen Brief doch nur nach Jena senden, er mag Dich dann freundlich bei Deiner Rückkehr begrüßen. –
Wie meine Freunde in Bremen wollten sollte ich ebenfalls dort die Festtage genießen. Da ich aber Vogt von Rechtenfleth bin ud zwischen Weihnachten u Neujahr in öffentlicher Volksversammlung Rechnung u Rechenschaft von meiner Regierung || ablegen muß so blieb ich ruhig in der tiefen Einsamkeit meines stillen Dorfes, c das ich überhaupt den ganzen Winter hindurch nicht verlassen werde. – Meine früheren Pläne einen Theil des Winters in Berlin oder in München zu verleben habe ich für diesmal aus mancherlei Gründen aufgegeben u mir das für spätere Jahre vorbehalten. –
Neues von mir kann ich Dir kaum mittheilen, was hätte man auch aus solchem Stillleben wie ich es führe zu melden.
Unter einzelnen Ausflügen nach Bremen u Oldenburg zu lieben u intressanten Menschen unter Beschäftigung mit meinem kleinen Ackerbau u Fabrikgeschäft unter dem Lesen manches schönen Buches, d unter dem Schreiben u Empfangen manches Freundschaftsbriefes unter allen diesem ist auf schnelle Weise der Sommer ud Herbst vergangen. Das wahrhaft Erfreuendste u Schönste was das Jahr mir herbeiführte waren u blieben die Besuche lieber Freunde mit denen ich diesmal reich e vom gütigen Geschick beglückt wurde. Waren doch allein || von f den Mitgenoßen meiner herrlichen Tage von Rom nicht weniger als sechs dabei und unter diesen z.B. der alte prächtige Willers dessen Karl Vogt in seinem Ocean u Mittelmeer so rühmend gedenkt u endlich mein liebster römischer Freund, der junge Archäologe Detlefsen aus Holstein mit dem ich einzog in Italiens Schönheitswelt u einen ganzen glücklichen Winter in treuer herzinniger Gemeinschaft auf dem Capitol wohnte. Das war ein Schwelgen in der Wonne des Wiedersehens u der Erinnerung an vergangnes Glück, das waren wieder echte Sonnentage des Herzens.
Geschrieben hab ich Wenig; das letzte sind meine „Römischen Weihnachtsbilder“ die in diesen Tagen im g Bremer Sonntagsblatt erschienen; sodann bin ich mit einer kleinen kunstgeschichtlichen Arbeit beschäftigt: Die altchristliche Basilika als Vorbild des protestantischen Kirchenbaus, ein Thema, welches Dich aber nicht sehr erbauen wird obwohl ich es mit ganzer Seele h daran schreibe. Auch ein paar Dichtungen sind entstanden, die Du später erhalten wirst. Das Intressanteste der Art das ich Dir zu melden hätte wäre die bald i || auf der oldenburger Hofbühne stattfindende Aufführung meines Lustspiels „Herz u Politik“, zu welchem Zwecke ich jüngst schon dort war um mit den Darstellern der Hauptrollen mich über die Auffassung derselben zu besprechen. Ist Dir zufällig der Director der Handelsschule zu Berlin Professor Franz bekannt? Dessen Tochter nämlich, eine sehr begabte u tiefgebildete Künstlerin die j in Oldenburg k auch in den Kreisen der gebildeten Gesellschaft eine höchst geachtete Stellung hat ist Trägerin der bedeutendsten Rolle meines Stücks. Es macht mir doch diese Geschichte welche eigentlich von einigen Freunden angerichtet ist Viel Spaß. –
Hat Dir denn mein Ballet zu Deiner Hochzeit gefallen? Leider fielen mir l die schönsten Scenen erst ein, als ichs Dir schon zugesandt hatte. – Von Dir und den fröhlichen Stunden Deiner Hochzeit hat mir Focke erzählt, den ich endlich habe kennen gelernt. Seine lebendige Schilderung war fast im Stande ernste Reue über mein Nichterscheinen in meiner Seele wach zu rufen. –
Mein Atelier habe ich bis dahin noch gar nicht benutzen können, weil der Ofen rauchte. In diesen Tagen ist m erst durch einen Maurer gründlich abgeholfen. Mit Deinem Bilde wird es sich nun wohl etwas hinaus schieben, n vielleicht bis in den Frühling hinein. Ich denke aber mit großer Lust u Liebe dran. Eine sehr große (12 Fuß lange) Zeichnung von mir „Blick auf die Trümmer Roms vom Capitol aus“ war in Hannover bei Gelegenheit der Architectenversammlung ausgestellt u hat viel Intresse gefunden. In der Augsb. Allgemeinen Ztung. sah ich Dein Radiolarienwerk angezeigt. Gut Heil damit von ganzem Herzen. –
Mehr hab ich für jetzt nicht auf dem Herzen. Nimm denn freundlich vorlieb mit dem Wenigen, vor Allem aber wünsche ich Dir ein schönes herzerfreuendes Weihnachtsfest u einen gesegneten Anfang des neuen Jahres. Grüße mir von Herzensgrund Dein liebes trautes Weibchen ud neben diesem behalt auch ein Bischen lieb
Deinen treuen H. Allmers ||
Dies Blatt gehört Häckel dem Arzte.Ich habe seit einiger Zeit eine pathologische Merkwürdigkeit an meinem Körper die mir aber durchaus nicht sehr intressant ist. Hast Du je o von Leichdornen an den Fingern gehört? Ich bin p jetzt der unglückliche Besitzer solch eines verfluchten Rackers der sich grade auf der q Spitze r des Mittelfingers meiner rechten Hand niedergelassen hat und durch steten Schmerz mich nicht blos ärgert sondern auch sehr beim Schreiben s hindert indem er wirklich aufs empfindlichste schmerzt. – Und nun sage mir hochgelahrter hochweisester Magister Doctor Professor u Director wie mach ichs, daß ich den Satan los werde? Giebst Du mir ein Mittel an so bin ich gern bereit dieses intressante aber unangenehme Naturspiel Deinem Museum dort zu überlassen. ||
Noch immer stehe ich mit Rom u Neapel in Verbindung u erhielt noch jüngst vom jungen Rocholl aus Neapel wieder ein nettes Schreiben. Die Zustände bessern sich dort u werden sichrer solider u geordneter mit jeder Woche. t Bourbonismus wie Muratismus u haben gleich schlechte Aussichten sondern man freut sich, trotz so mancher Übelstände die v noch vorhanden sind doch aufrichtig des großen Umschwungs. In Pompeji werden die Ausgrabungen wahrhaft großartig betrieben u ein ganz neues Viertel ist zu Tage gelangt. Jüngst auch ward ein wundervolles Kunstwerk entdeckt die lebensgroße Bronçestatue eines Narciß welche schöner ist als alle bisherigen Broncen des Museums. Eine Photographie die er sandte läßt dies auch wirklich ahnen. w Alles u Jedes im Museo wird jetzt herrlich photographirt. Auch eins der Hefte über die Ausgrabungen Pompejis legte er bei davon alle 14 Tage Eins erscheint. Man merkt es ist doch jetzt wieder Leben dort.
a gestr.: Behagli; b gestr.: xxx; c gestr.: das; d gestr.: unt; e gestr.: gesegnet wurde; f gestr.: meinen; g gestr.: einem; h gestr.: niederschreibe; i gestr.: stattfindende; j gestr.: auf; k gestr.: in vielem Cr; l gestr.: noch; m gestr.: es; n gestr.: vielleicht; o gestr.: den; p gestr.: der; q gestr: Fing; r gestr.: des meines; s gestr.: incom; t gestr.: an; u gestr.: gle; v gestr.: sich; w gestr.: Auch er