Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 10. August 1862

Rechtenfleth d. 10t. Aug 1862.

Einen stillen einsam verlebten Sonntag benutze ich Dir, lieber treuer Junge, der Du jetzt wieder glückselig im Kreise Deiner Lieben sitzest a aus tiefster Seele einen Herzensgruß zuzusenden. Ich las eine halbe Stunde in den b Blättern meines Reisetagebuchs. Heut vor drei Jahren lebten wir auf Capri jenes freie u fröhliche, sonnige u wonnige Dasein an das ich nicht zurückdenken kann ohne daß mir das Herz aufgeht in Wehmut u Wonne zugleich. Du bist jetzt wohl abermals so glücklich ud voll Jubel ud freuest Dich vor Allen der nahenden Zukunft; ich dagegen schwelge vorläufig allein im Andenken an die Vergangenheit. Wann wird der Tag kommen, da wir solches in trauter Gemeinsamkeit thun werden? –

Es thut mir selber weh Deinen Wunsch mich auf Deiner Hochzeit zu sehen unerfüllt lassen zu müssen, das kannst Du mir zu [!] glauben; aber es ist nun einmal nicht anders, es sprechen zu viele ud zu triftige Gründe dagegen. Im Geiste werde ich an dem Tage bei Dir sein ud meine heißesten Segenswünsche sollen Dich Du liebster Kerl ud Dein trautes Weibchen begleiten. Im nächsten Jahre dann || komme ich sicher nach Jena c etwa in der schönen Pfingstzeit ud sehe wie Ihr lebt, wohnet u welch traulich Daheim Ihr Euch geschaffen habt.

So bald es die Geschäfte meines Hofes nur irgend gestatten beginne ich auch das für Euch bestimmte Bild zu malen ein Stück aus dem schönen Süden u freue mich schon sehr auf die Arbeit, denn mit aller Liebe werde ich malen ud würde glücklich sein wenn Dir ein Hauch davon beim Anschauen entgegen wehen sollte. – Ein andres Werk welches für meinen lieben römischen Gefährten den jungen Archaeologen Detlefsen d bestimmt ist naht sich nach vielen Unterbrechungen auch seinem Ende. Es ist eine e große genaue Zeichnung von 12 Fuß Länge ein Panorama der Trümmerwelt Roms, wie sich dasselbe von unserm herrlich gelegenen Hause ausf auf dem Tarpejischen Felsen darbot. Bis so weit ist mir die Arbeit weit über all meine Erwartung gut gelungen aber es sind auch glückliche Stunden in denen ich erinnerungsseelig in meinem stillen Atelier daran arbeiten kann. || Ich möchte wohl daß Du die Zeichnung sähest vor Allem aber den lieben treuen bescheidenen u scheußlich gelehrten Kerl kenntest g dessen Herz ich damit erfreuen will. h Wie mit dem i lieben Naturforscher aus Berlin der Sommer so ward mit dem wackeren Alterthumskundigen j in trauter täglicher Gemeinschaft k ein glücklicher Winter in Italien verlebt, später reiste ud arbeitete er für Napoleons Cäsarbiographie u ist erst jetzt aus Italien über Paris heimgekehrt wo er dem Kaiser die Resultate seiner Forschungen dargelegt hat ud auf die nächsten Tage hat er sich in

Rechtenfleth angemeldet. Daß mein Herz voll Jubel drüber ist kannst Du denken; doch nicht minder werde ich jubeln, wenn erst der liebe Sommergefährte in Italien einmal in meinem weltentlegenen Dörfchen am schilfumrauschten Weserstrom erscheinen wird. – Wann wird kommen der Tag? –

Wäre ich l ein recht routinirter Gelegenheitspoet so setzte ich mich jetzt gleich hin m sattelte meinen Pegasus ud verfaßte ein langes u höchst erbauliches Hochzeitscarmen für Dich. Aber leider ist mein Pegasus ein ganz verfluchter Racker der sich nur n satteln u reiten läßt wenn es ihm grade beliebt o selten aber wenn es mir eben paßt und mich schon mehr als einmal bei || ähnlichen Gelegenheiten wie Hochzeiten Polterabenden Geburtstagen u Jubiläen schändlich durch seine infame Störrigkeit im Stich gelassen hat. Ein Carmen brächte ich auch jetzt gewiß nicht zu Stande dagegen aber hatte ich eine wundervolle Idee zu einem großen Ballet zu Deinem Polterabend das ich wäre ich dort leicht mit Hülfe der weiblichen Garde des Herrn v. Hülsen glanzvoll in Scene setzen wollte. Es sollte heißen: Polypa die Radiolariennixe ud der Inhalt würde ungefähr folgender sein.

Act 1. Korallengarten p beim Palast der Amphitrite in der Meerenge von Messina dicht vor dem Hafen. In einer Höhe von 10 Faden fährt grade der französische Dampfer von Messina ab nordwärts nach Neapel u Civitavecchia steuernd. Vonq Bord desselben beugt sich voll Wehmut ein abgehender deutscher blondhariger Jüngling von circa 40 Jahren r winkt scheidend mit dem Tuche u läßt einen alten theuern Strohhut genannt der Caprihut nebst diversen Thränen in die Flut fallen.

Man erblickt jetzt s in gleicher Höhe ein Boot mit einem noch nicht abgehenden deutschen blondhaarigen Jüngling erst in den Zwanzigern mit einem ähnlichen Hut. Auch er winkt wehmütig zu Scheiden t mit dem Tuche u ud läßt ebenfalls diverse Thränen aber keinen Hut ins Meer fallen. v Lange steht er still u schaut dem dahinrauschenden Dampfer nach. Plötzlich aber besinnt er sich, zieht sich rasch aus u springt kopfüber ins Wasser um sein dummes Herzeleid fort zu spülen. In diesem Augenblick schlägt eine Uhr im Palaste w Vier, die Tafel wird aufgehoben, die Königin Amphitrite erscheint mit ihren ersten Hofnixen Salpe, Beroe, Peronia, Berenice u Polypal || um ein Stündchen zu lustwandeln. Plötzlich erblicken sie hoch über sich den schwimmenden blonden Jüngling und stellen allerlei aesthetisch-anthropologisch-moralische Betrachtungen über ihn an, weß Stammes, Landes Glaubens ud Handwerks er sei ud vor Allem, ob er wohl schon verlobt sei. – Polypa die jüngste ud schönste der Hofnixen welche zugleich die Aufsicht über die Radiolarienzucht führt verliebt sich im Nu in den Jüngling u flehet Ihre Majestät ihr zu gestatten ihn sich bald möglichst zu fangen.

Ihre Bitte wird gewährt doch mit der Bedingung daß sie nur dann Macht über ihn bekommen soll wenn er innerhalb 24 Stunden an keine durch Lungen athmende Jungfrau gedacht hat und 3 Monate werden ihr als Jagdzeit gewährt. – Die alte Oberhofmeisterin Salpe, welche vor langen Jahren schon mit beim Raube des Hylas thätig gewesen ud Beroe dieselbe welche auch Göthe’s Fischer mit umgebracht haben soll versprachen ihr Rath u Beistand beim Fange Haeckels. Polypa ist ohne Maßen froh darüber u tanzt ein Passeul. Plötzlich Geräusch aus dem Palaste. Se. Majestät der Meerbeherrscher Poseidon erscheint nach gethanem Mittagsschlafe noch gähnend u gelangweilt mit großem Gefolge.

Man setzt sich in eine Fucuslaube, der Caffe wird servirt während der schwimmende Jüngling für den sich jetzt auch Poseidon intressirt wieder ins Boot steigt u abfährt.

Die beiden Majestäten beschließen, wie bei jedem Ballet üblich sich etwas vortanzen zu lassen. Ein Orchester von Tritonen beginnt mit x seinen Muschelhörnern eine schauderhafte Musik, eine Schaar Meerweibchen theils mit theils ohne Fischschwänze tritt auf u beginnt eine Art Fischreigen.

Unter häufiger werdendem Gähnen Poseidons fällt endlich der Vorhang. – ||

Das also wäre der erste Act, den ich Dir deshalb etwas umständlicher geschildert habe, damit Du siehst was sich draus machen ließe.

Der Zweite spielt im geheimen Cabinet des Meerbeherrschers. Es ist grade vertrauliche Ministersitzung ud Debatte über die Frage wie sich gegen die Zudringlichkeiten des submarinen Ingenieurs Bauer zu verhalten sei ferner ob man das überhandnehmende Anlegen von untermeerischen Telegraphenkabeln länger dulden dürfe. Große Opposition von Seiten des geheimen Kriegsraths Copticus. Man einigt sich endlich dahin letzteres nur unter der Bedingung zu gestatten daß auch untermeerische Telegraphenbureaus angelegt u alle beförderten Nachrichten zuerst dem König Poseidon zur Einsicht vorgelegt würden. –

y Den dritten Act nimmt ein reizendes halb sub- halb exmarines Pas de deux z zwischen Polypa u dem fremden Jüngling ein, in welchem sie ihn auf alle Weise zu locken u zu fesseln sucht. Zuerst hält sie ihm kleine Krebse vor, dann Seesterne, endlich die zierlichsten u intressantesten ihrer Radiolarien ud jetzt beißt er an. Indeß mißlingt ihr fortwährend ihn dauernd zu halten. Jedesmal wenn sie glaubtaa ihn durch das Entdeckenlassen ihrer schönsten Radiolaria die ganze bb Vergangenheit vergessen zu machen cc und ihn schon sicher im Netze wähnt ruft er nach einer Weile jubelnd aus: „O Anna wie wirst du dich erst drüber freuen! und – der ganze Zauber dd Polypas ist im Nu zernichtet. – Ihrer Schwester Berenice die es mit einem Amphioxisköder auf zwei andre ee Jünglinge aus der Lüneburger Haide abgesehen hat geht es um kein Haar damit besser.

Die Frist der 3 Monate geht zu Ende, alle Wassernixen sind voll Ärger, Poseidon u Amphitrite aber werden gerührt von solch echt deutscher Treue. ||

Der vierte Act handelt im Sommer des Jahrs 1862 abermals in der Meerenge von Messina. Die Scene stellt eine angenehme Wiese von Seegras dar auf welcher schwere Seekühe umhüpft von fröhlichen Seekälbern weiden. Im Hintergrunde ein submarines Telegraphenbureau. Der Hof wandelt wieder Lust, nur Polypa erscheint bleich, abgehärmt u entstellt von Gift u Galle über den treuen Häckel, den sie gar nicht vergessen kann obwohl ihr der Leibartzt Sr. Majestät der Professor Gasterosteus auseinander zu setzen sucht daß die Verbindung mit Häckel sicher keine glückliche gewesen sein würde indem er durch Lungen sie aber durch Kiemen athme. Sein Bemühen hilft Alles nicht. Sie ist u bleibt wüthend. – Plötzlich erscheint eine telegraphische Depesche, die Sr. Majestät sofort überreicht wird. Sie lautet:

Jena d 6 Juni 1862. Dr. Haeckels großes Radiolarienwerk ist vollendet. ff Die ganze Gelehrtenwelt ist dadurch in freudigste Aufregung versetzt, Alles bewundert die Zierlichkeit u den nie geahnten Formenreichthum dieser wundersamen Meergeschöpfe. – Der so schnell berühmt gewordene Verfasser u Entdecker ist zum Professor u Director des zool. Museums hieselbst ernannt. In Merseburg, Berlin u Jena haben sich Comités gebildet um ihm an genannten Orten Reiterstatuen zu errichten. In kurzer Zeit feiert der Glückliche seine Hochzeit mit dem liebenswürdigen Fräulein Anna Sethe aus Berlin.“ So das Telegramm.

Großer Jubel in der ganzen Meerwelt mit Tanz ud Evolutionen. gg Selbst Polypa ist plötzlich versöhnt ud hoch erfreut daß ihre Radiolarien hh in Kupfer gestochen sind ud tanzt mit || dem alten Professor Gasterosteus einen wissenschaftlichen Pas de deux. – Der Vorhang fällt. –

Endlich im fünften Ackt, der in Berlin am Polterabend des treuen Paars spielt naht sich diesem plötzlich eine glänzende submarine posidonische Gesandschaft, überbringt die Glückwünsche Ihrer Majestäten, überreicht dem ii jungen Professor jj in schöner Muschelschaale den Rest der noch unentdeckten Radiolarien, sodann der jungen Braut einen kostbaren Schmuck von echten Perlen jede wie eine Kartoffel groß, die sämmtlichen Gäste endlich bekommen kk zum Schmause massenhafte Quantitäten von Hummern, Steinbutten, Austern ud für etwaige Zustände des andern Morgens – ein Faß voll Häringe. – ll Aus der Gesandtschaft tritt dann die versöhnte Radiolariennixe Polypa ud setzt der Braut als Siegerkranz ein Korallendiadem auf.

Allgemeiner Tanz, Gruppirung u Schlußtableau mm mit der Beleuchtung aus der Blauen Grotte zu Capri. Unter jubelndem Hoch u ohrenzerreißendem Tusch der Tritonen fällt endlich der Vorhang ––– aber nun ––––––

tritt in schwarzem Frack mit weißer Binde u dito Handschuhen unterm Arm aber den durch die obige Gesandtschaft wiedererhaltenem Caprihut – Hermann Allmers hervor küßt u umarmt nn seinen lieben Häckel (gleich wie er es jetzt im Geiste thut), küßt dann ehrfurchtsvoll der jungen Braut die Hand, ebenso den Eltern, wendet sich hierauf zur Gesellschaft und bittet um gütige Nachsicht und Recommendation bei ähnlichen Vorfällen des Lebens.

a gestr.: einen; b gestr.: meinen; c gestr.: und sehe; d gestr.: beschäftigt mich; e gestr.: Zeich; f eingef.: aus; g gestr.: für; h gestr.: Den einen xxx; i gestr.: Dir; j gestr.: da ein; k gestr.: da; l gestr.: jetzt; m gestr.: u xxx; n gestr.: reiten; o gestr.: nie aber; p gestr.: des Am; q gestr: An, eingef.: Von; r gestr.: ud läß; s gestr.: ein; t gestr.: ein Tu; u gestr. aber; v gestr.: plötzlich; w gestr.: 4; x gestr.: ihren; y gestr.: Im; z gestr.: ein; aa eingef.: glaubt; bb gestr.: Wel; cc gestr.: ruft; dd gestr.: ist; ee gestr.: deutsche; ff gestr.: Ge; gg gestr.: Auch; hh gestr.: so berühmt werden; ii gestr.: Pro; jj gestr.: den; kk gestr.: eine xxx massenhaftes Qua; ll gestr.: Schli; mm gestr.: bei; nn gestr.: den xxx xxx;

Brief Metadaten

ID
8621
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Hannover
Datierung
10.08.1862
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
8
Umfang Blätter
4
Format
13,9 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8621
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 10.08.1862; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8621