Rechtenfleth 7. Juli 1862.
Mein herzlieber Häckel!Treuer Wandergefährte!!Glückseligster Bräutigam!!!
Ruhmbelasteter Radiolarienergründer!!!!
Hochzuverehrender Herr Professor!!!!! –
Schmettre mich reuevollen Sünder nicht mit den Blitzen Deines gerechten Zornes zu Boden, daß ich erst jetzt dazu kommen [!] Deinen lieben freudedurchstrahlten Brief zu beantworten. Daß mein ganzes Herz aufs Allerinnigste an Deinem Glücke Theil nahm a brauche ich Dir nicht erst lange zu versichern. Du kennst mich einmal zu gut und weißt wie lieb ich Dich habe aber nimmermehr weißt Du, daß mein trauliches u beschauliches Stillleben nun seit dem Frühlinge ein Ende genommen und sich dagegen in ein reges Geschäftstreiben verwandelt hat, daß ich wieder eigenen || Haushalt führe, b daß wieder eigne Rosse in meinem Stalle wiehern, eigne Knechte u Mägde sich in meinem sonst so stillen Hause tummeln, während eine Verwandte meine engere Wirtschaft leitet u daß endlich auch noch die Gemeinde mich wiederum zu ihrem Vogt u Oberhaupte gewählt u damit alle Sorge für die res publica, für Polizei u Armenwesen, für Aufrechthaltung der c Straßen ud Canäle, Schleusen u Deiche auf meine Schultern gelegt hat und mir oft genug der Kopf von Geschäften brummt. – Genug, wenn Du es wüßtest, Du würdest nicht strenge richten sondern gern Gnade für Recht ergehen lassen, denn zu einem Briefe an meinen Herzensfreund muß ich nun einmal eine recht gehobene ud stille Stunde haben, sonst laß ich lieber das Schreiben.
In den letzten Zeiten habe ich täglich Deiner und der glückseligen freien sorglosen u schönheiterfüllten Tage gedacht, die ich mit Dir vor drei Jahren an Napolis blauem Golfe d durchschwelgen durfte ud je grauer trüber ud regenvoller gegenwärtig der Himmel meiner Heimat umfängt desto heftiger ud schmerzlicher wird die Sehnsucht nach jenem verlorenen Paradiese || voll Sonnenschein ud Herrlichkeit, dessen Glück mir erst jetzt in der Erinnerung recht vor die Seele tritt. Stundenlang sitze ich ud blättre voll unsäglicher Wehmut in meinem Tagebuche ud in den Briefen aus jener Zeit oder beschaue e meine Skizzen u Zeichnungen ud gäbe, ich weiß nicht was, darum könnt ich auch nur eine einzige Woche davon wieder von Neuem durchleben.
Wie sehr f darum in der Weltabgeschiedenheit meines Heimatdorfes mich Besuche von lieben Genossen jener Tage erfreuen kannst Du denken. Solch ein Besuch ist stetsg ein wahres jubelvolles Herzensfest für mich ud nicht weniger als viermal habe ich ein solchesh im Laufe dieses Frühlings u Sommers gefeiert. Indeß waren es stets römische Freunde, darunter auch der alte prächtige Maler Willers dessen Carl Vogt in seinem Ocean u Mittelmeer gedenkt. Er lebt jetzt für ein Jahr in seiner Vaterstadt Oldenburg, wo er im Schlosse des Großherzogs vier große Landschaften (Gegenden aus Griechenland) zu malen hat. Neapel war bisher noch nicht i in Rechtenfleth vertreten ud wirds auch wohl schwerlich anders als durch Dich mein Junge. Aber wann? – Lieber lieber Kerl, hätte ich Dich jetzt plötzlich hier, ich würde noch verrückt vor Freude.
Ich selbst dagegen habe in diesem Jahre die Heimat selten ud nur stets nur auf wenige Tage verlassen.
Das Osterfest habe ich in Gesellschaft des Bildhauers Krapp, || aus Bremen (eines römischen Freundes) einmal wieder so recht, wie ichs liebe, in einer alten katholischen Stadt j im uralten Bischofssitze Hildesheim gefeiert. Morgens k umfing mich Glockenklang u Orgelton, Kerzenglanz u Weihrauchduft u Nachmittags das bunte frühlingsfreudige Festgetriebe draußen vor denl alten Stadtthoren, Alles wie es im Faust so köstlich geschildert ist. – Und dann späterhin war ich zwei Tage mit demselben u anderen Freunden im alten prächtigen Urwalde Hasbruch ud bei den Trümmern der Abtei Hude, wohin ich auch mit Dir noch einmal zu wandern gedenke. Es ist das Schönste was ich hier aufzuweisen habe ud alle meine besuchenden Freunde schleppe ich dahin.
Im Übrigen ist mir der Frühling u der erste Theil des Sommers vergangen ich weiß selbst kaum wie. Bis Pfingsten war es Tag für Tag das köstlichste Wetter ud von da an bis heute graudüstrer Himmel, Wolkenzug, Regen ud Wind daß man selber schier trübsinnig zu Muthe davon wird. Fünf Wochen sind nun hin ohne einen einzigen Sonnentag gebracht zu haben ud mit dem Heu kann man nicht im mindesten vorwärts kommen, dabei istsm stets so kalt ud rauh; ein unbehaglich niederdrückendes Gefühl.
Daß man in solcher Stimmung nicht sehr productiv ist begreifst Du. Zwei Dichtungen, ein paar Schilderungen aus meinen römischen Tagen ein paar Kritikenn ud endlich eine Rohrfederzeichnung, (Sumpflandschaft) die der alte Willers sehr gelobt hat, ist Alles was ich n in diesem Jahre geschaffen habe. ||
Ältere Werke von mir aber haben in letzter Zeit Ehren genossen, die mich recht überrascht haben. So ist jüngst bei einem öffentlichen Festactus des Gymnasiums zu Hannover meine o Dichtung „Titanenschicksal“ p vorgetragen u mit großem Beifall aufgenommen, dann hat in Leipzig ein junger talentvoller Componist Wilhelm Fritze mehrere Lieder ud die Ballade „Bernolef“ q in Musik gesetzt u wird sie nächstens im Handel erscheinen lassen ud nun das Überraschendste von Allem – denke Dir auf Befehl der französischen Regierung wird jetzt r von meinem Marschenbuch eine genaue ud mit erläuternden Noten versehene Übersetzung s veranstaltet. Der Übersetzer ein Herr Michaut, der bereits auch im Auftrage der Regierung Riehls t kulturgeschichtl. Werke ins französische übertragen hat, machte eigends deshalb eine Fußwanderung durch die Marschen ud war auf derselben auch zum Besuche bei mir ud ich habe einen sehr liebenswürdigen Mann von gediegener Bildung in ihm kennen gelernt.
Du kannst denken, wie sehr mich aber das überraschte. Daß ich nun ein begeisterter Napoleonist werde, wirst Du doch nur natürlich u in der Ordnung finden. – Im Übrigen was Politik betrifft, so sind wir Beiden sicherlich in unseren Ansichten ein Herz und Sinn, so bedarfs denn keiner weiteren Auseinandersetzung unseres Standpunctes. Ich freue mich von ganzer Seele, daß Du trotz aller Gelehrsamkeit u Verliebtheit doch so frisches Leben ud Streben kund giebst. Ein herrlicher hoffnungsfreudiger Hauch durchweht die deutschen Herzen ud || wie klar u besonnen [sind] alle Köpfe dabei und das Alles sollte zu keinem u Ziele führen? Doch was schimpfst Du auf Kurhessen, was auf Hannover. Danke doch Gott dafür, daß er solche Dinge passiren läßt um auch den v allerletzten Rest von Vertrauensduselei zu vertreiben. Wer jetzt in Frankfurt wäre! Da muß eine kößtliche Luft wehen, so recht herzstärkend u seelenerquickend.
Nächsten Herbst beginnen bei uns die Kammerwahlen, ud schon jetzt reist unser Allerwerthester überfließend von Huld, Gnade u Leutseligkeit im Lande herum. In diesen Tagen w hat er bei den Bauern der Hadler Marsch Geschäfte zu machen gesucht, aber das übliche „begeisterte Hurahgeschrei“ ist trotz aller Leutseligkeit ud Gensdarmenrequirirung überall sehr klatrig ausgefallen. Hätte nur der König sehen können, würde er schon inne geworden sein, welch eine Bande es war, die x dann u wann y ihr Gegröhle erhob. Eine wahre Komödie ists gewesen. Aber der Ausfall unsrer Wahlen wirds ihm schon zeigen, z wie viel sein gnädigesaa Nicken u huldvolles Lächeln ihm genützt hat. –
Für Deine freundlichen Mittheilungen über unsere gemeinsamen Bekannten Binz, Keferstein Ehlers usw. meinen herzlichsten Dank. Im nächsten Jahre denkebb ich so Gott will eine eigne || Rundreise durch Deutschland zu machen um allen meinen cc lieben Menschen in Osten, u Westen u Süden wieder die Freundeshand drücken zu können u eine Hauptrast wird dann vor Allem im alten lieben Jena gehalten. Das sollen uns dann herrliche herzerhebende Stunden werden ud mein Herz bebt schon jetzt vor Freude wenn es daran denkt. In diesem Sommer aber kann ud kann ich dd mein Haus nicht auf längere Zeit verlassen so gern u voll Sehnsucht ich zu Dir eilen möchte. Liebster bester Junge Du mußt mir wirklich nicht zürnen, wenn ich wiederum Deine Bitten, so sehr sie mir durchs Herz gegangen sind, unerfüllt lassen muß. Mit allerlei Gründen will ich Dir diesmal nicht den Brief anfüllen, aber versichert magst Du sein, daß ich jedes Für u jedes Wider wirklich gewissenhaft geprüft habe ee und es mir selber nicht wenig weh thut die Freude Dich wieder einmal ans Herz schliessen zu können, abermals um ein ganzes Jahr hinausschieben zu müßen. So lass es denn gut sein lieber Junge in meinem Herzen will ich den Tag Deines endlichen Glückes auch hier ff feiern ud will vor Allem jetzt daran denken Dir für Dein trauliches Wohnzimmer, wie ich Dir schon in Neapel versprochen habe, ein Bildchen zu malen das Dich || zuweilen an jene glückseligen Tage ud an den gg mit welchem Du sie genossest erinnern soll. In dem Glücke der Gegenwart möchtest Du sonst leicht die schöne Vergangenheit vergessen. Noch schwanke ich in der Wahl des Motivs, doch wird wohl unser liebes Capri über Ischia den Sieg davon tragen. Und so wie ich mich hh für Eins entschlossen habe will ich gleich daran gehen die Farbenskizze zu machen, damit das Bild selber noch im Laufe dieses Herbstes fertig wird. Daß Du es weniger mit den Augen eines ätzenden u zersetzenden Kritikers als mit denen eines liebenden u erinnerungsfreudigen Freundes anschauen mußt ud auch wirst brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Genug für heut.
Glück und Segen denn über Dich in reichster reichster Fülle, Du lieber lieber Mensch, deßen ich gedenken werde voll Seligkeit so lang ich lebe; Herzensgruß Deinem Bräutchen, Herzensgruß all den Deinen.
Mit Herz u HandDein treuerHermann.
Sobald Du wieder mit Deinem kleinen Frauchen in Jena heim bist mußt Du mir aber schreiben. Glück ud Sonnenschein zur Reise. – | Wenn Du kannst melde mir doch noch vorher genau den Tag Deiner Hochzeit.ii
a gestr.: kannst xxx Du; b gestr.: und; c gestr.: Wege; d gestr.: wer; e gestr.: die; f gestr.: xxx; g eingef.: stets; h eingef.: solches; i gestr.: bei m; j gestr.: gefeiert; k gestr.: gab; l gestr.: vor, eingef.: vor den; m eingef.: stets; n eingef.: ein paar Kritiken; n gestr.: gesch; o gestr.: Ballad; p gestr.: mit gro; q gestr: componirt u wird; r gestr.: eine; s gestr.: veranstalte; t gestr: We; u gestr.: Re; v gestr. le; w gestr.: ist er; x gestr.: ihm; y gestr.: zujubelt; z gestr.: was; aa eingef. gnädiges; bb gestr.: werde, eingef.: denke; cc gestr.: zerstreuten; dd gestr.: nicht; ee gestr.: und laß es dir gut sein lieber Herzensjunge; ff gestr.: bei; gg gestr.: mich ihn [?]; hh gestr.: ent; ii Nachsatz („Melde […] Hochzeit.“) vertikal am linken Rand von S. 8 nachgetragen