Allmers, Hermann

Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 7. Januar 1862

Mein herzlieber Häckel.

Gestärkt und erquickt an Leib und Seele a wirst Du nun wohl wieder auf das Feld Deines Wirkens zurückgekehrt sein und darum eile ich Dir meinen wärmsten Herzensdank für die schöne intressante Weihnachtsgabe aus zu sprechen womit Du mich so freudig überrascht hast und welche grade am Christabend bei mir eintraf. Indeß erst nach dem Feste habe ich im Vogt gelesen, weil ich mich b einmal nicht in meiner wirklich christlichen Weihnachtsstimmung stören lassen wollte. Hernach aber hab ich mich weidlich ergetzt dabei und thu mir noch täglich was dabei zu Gute. So ward ich Beidem gerecht. Siehst Du, das ist die rechte Lebensphilosophie. – Du wirst schöne und glückselige Weihnachtstage verlebt haben. – Ich habe diesmal den heiligen Abend ganz still und einsam in tiefster Zurückgezogenheit verbracht c mit ernster Seele alter schöner Zeiten gedenkend.

Manche Freude hab ich indeß bereitet und manchem d gramverdüsterten Gemüthee einen kleinen freundlich en Sonnenblick zu Theil werden lassen. Das ist und bleibt denn doch die schönste Weihnachtsfeier. Deine Radiolarientafeln haben mir ebenfalls viel Spaß gemacht und ich sage hinfort nicht mehr daß Deine Entdeckungen nicht auch fürs practische Leben ohne Bedeutung sind. Eine Cousine von mir hat sofort beschlossen eine der abgebildeten Radiolarien für ihr Häkelmuster zu benutzen. Sie wird Dir wenn Du kommst ein gehäkeltes Beutelchen zeigen, das jeder Naturkundige für eine getrocknete Radiolarie halten soll.

Eben vor Weihnachten hatte ich gleichfalls eine rechte Überraschung. Der König Max von Baiern nämlich den mein Marschenbuch sehr angesprochen f zu haben scheint ließ mir durch seinen Gesandten in Hannover ein g schönes auf seine Kosten veranstaltetes Werk über die Natur und Bevölkerung Baierns übersenden, begleitet mit einem freundlichen Schreiben. Ich finde h ein solches Benehmen sehr nett und es hat mich nicht wenig amüsirt, wie Du denken kannst. –

Gleich nach Weihnachten erhielt ich den anliegenden Brief i von Buchhändler Rocholl aus Neapel, dessen Du Dich noch wohl erinnern wirst. Er war erster Geschäftsführer bei Detken und kam einigemale mit uns zusammen war aber ehe ich Dich fand mein einziger Umgang dort. Du mußt Dich sicher noch auf ihn besinnen, ein hoher schlanker Mensch mit schmalem intressanten Gesichte. Ich sende ihn Dir weil ich weiß daß es Dir gewiss von lntresse sein wird einmal direct || von dortigen Dingen zu erfahren. Hätten wir doch solchen Vesuvausbruch erlebt. Aber er war damals eine wahre Schlafmütze und hat uns trotzdem genug Ungemach bereitet. Den nächsten j versprochnen Brief über die neuesten Resultate der Ausgrabungen in Pompeji sollst Du auch haben, aber sende mir diesen bald wieder damit ich Anderen ihn k mittheilen kann und schreibe mir einmal ob Du Dr. Binz gesehen und was der über die politischen Zustände Neapels l für Meinung hat.

Keferstein ist vorigen Sommer in Paris und m am mittelländischen Meer gewesen, ich glaube in Nizza, und wird Ostern heirathen seine Braut heißt Ida Dietrich eine n Tochter der Dietrichschen Buchhandlung in Göttingen. Schreib auch ob Duo wirklich dazu räthst noch ein Vesuvrelief für p Jena anzufertigen. Ich thus von Herzen gerne und denke es dann noch richtiger zu machen. Ich glaube nämlich daß ich die Lage von Portici und Torre del Greco zu weit nach links gebracht habe (d. h. vom Beschauer am Meere). Hast Du auch darauf bezügliche Bemerkungen so schreibe sie.

Und so leb wohl lieber Junge.

Mit Herz und Hand

Dein treuer

H. A.

Wenn Du den jungen Klopffleisch, Privatdocent der Kunstgeschichte, siehst so grüße ihn herzlich und sage ihm daß ich q seit den Tagen von München (1858) ihm stets ein freundlich Andenken bewahrte. – Noch Eins. Lies doch einmal die Nr. 5 der geographischen Zeitschrift Globus. Du wirst Dich amüsiren, es sei denn Du habest den Artikel selber geschrieben. Aber was soll solche Lobhudelei. –

Rechtenfleth

den 7 Januar 1862.

a gestr.: wird; b gestr.: nie; c gestr.: aber; d gestr.: ke; e unleserl. gestr.; eingef.: Gemüthe; f gestr.: ha; g gestr.: auf; h gestr.: das; i gestr.: aus; j gestr.: Brief; k gestr.: zu; l gestr.: die; m gestr.: N; n gestr.: geborne; o gestr.: es; eingef.: Dir; p gestr.: die; q gestr.: ihn

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
07-01-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8619
ID
8619