HERMANN ALLMERS.
Rechtenfleth dn 24tn Nov. 61.
Bist du mit Freunden reich beglücktSo hast du Viel zu schreibenDoch schreibe nur wenns drängt ud drückt
Sonst laß es lieber bleiben.Denn drängt es nicht und drückt es nicht
So hilft es nicht, so glückt es nicht
Und Keinem ists zum Heile.Und schreibst du seis auch was es sei
Du hast nur Müh und Noth dabei
Und er nur Langeweile. –
Kennst Du diesen Vers lieber alter Junge? Nein Du kennst ihn nicht, denn ich habe ihn erst in diesem Sommer niedergeschrieben erfüllt von seiner innern Wahrheit und darum solltest Du erst in den Tagen meiner echten Winterruhe einen rechten Herzensbrief von mir haben, vielleicht wärs Weihnachten drüber geworden. Nun aber „drängt u drückt“ michs wirklich zu mächtig denn Du überhäufst mich ja mit Herzlichkeit ud Liebe wie ich es nicht verdiene. Heut Morgen langte Dein schöner herzenswarmer Brief an so soll denn nicht die Sonne untergehen bevor ich a ihn erwidere Du treue Seele Du; mag es gleich nicht besonders Viel u Bedeutsames sein was ich Dir aus meinem Stillleben mittheilen kann. – Freilich nicht immer konnte man es ein Stillleben heißen denn beim Künstlerfest in Köln das ich, wie Du ganz richtig gerathen hast, mitmachte ging es Nichts weniger als still her. Zuerst denn ein kurzer Rückblick auf die Zeit nach Absendung meines letzten vulkanbegleiteten Briefes. – Friedlich u angenehm ist mir der Sommer u Herbst hingeflossen. Meine Thätigkeit darin war freilich nicht stark zu rühmen. Ich vollendete meinen Bau, modellirte einige Köpfe malte Verschiednes schrieb ein paar Dichtungen nieder und las manches schöne tiefe Buch, denn in dieser Hinsicht hatte ich noch Viel b in den Wanderjahren Versäumtes nachzuholen. Mein Herz feierte ein Fest wenn irgend ein Brief c von || einem treuen Gesellen und Genoßen einstiger schöner Stunden eintraf und ein noch größeres wenn solch ein lieber Mensch selbst in Rechtenfleth anlangte. Und so unterbrachen denn auch im verflossenen Sommer dann und wann herzerquickende Besuche die einförmige Stille. So überraschten mich gegen Ende des August plötzlich meine beiden Berliner Freunde Dörnberg ud der Bildhauer Victor v. Meyenburg. Es war ein stiller sonnengoldiger Spätnachmittag. Ich saß vertieft in einem Buche auf demd Lieblingssitze meines Gartens unter einem alten epheuberankten breitkronigem Baum unter dem ein alter Steintisch steht. Plötzlich fühl ich mich rechts u links gepackt empor gerissen herumgezaust geküßt usw. daß ich schier kaum zur Besinnung kommen konnte. Da warens die beiden herzigen Jungen die eigends die Reise von Berlin hierher gemacht hatten um ihren Hermann aufzusuchen. Das war ein Jubel und nun folgten selige Tage. Fast zwei Wochen blieben sie bei mir. Da wurde Tag für Tag gemeinsam hingebracht geplaudert aus Herzensgrund, gezeichnet u gemalt z.B. malte mir Dörnberg lebensgroß das Bild meiner lieben seligen Mutter nach einer kleinen Photographie, da wurde gewandert Ausflüge gemacht, geschlendert am Ufer des Stroms, im Grase gelegen, gekneipt e gebadet u zur Physharmonika gesungen daß wir vor Glückseligkeit f oft fast aus Rand u Band gehn wollten. Es geht doch keine Freude über die am Menschengemüt. Als die g schönen Tage endlich um waren reiste Meyenburg nach B. zurück während ich mit Dörnberg nach Köln zur Ausstellung u zur großen Versammlung der deutschen Künstler u Kunstfreunde zog. Von diesem aber muß ich nun sagen daß Beides Ausstellung wie Künstlerfest so viel Schönes sie auch boten doch einst in München ungleich bedeutender war namentlich das Fest viel sinniger u poetischer wenn auch nicht so luxuriös. Aber in M. bestand das Festcomite auch aus Künstlern denen die Stadt eine gewisse Summe zur Verwendung angewiesen hatte ud hier in Köln aus Banquiers und Kaufleuten || So kannst Du denken was dabei heraus kam an Poesie. Aber Geld ließ man springen das merkte man auf Schritt u Tritt. Alle Tage der excellenteste Fraß, Ananaspunsch aus Eimern, Pauken u Trompeten daß einem Hören u Sehn verging u süperbe Illumination. Genug Alles magnifique aber das Herz hatte wenig davon. Mit einer Schilderung der bedeutendsten Bilder wird Dir Nichts geholfen sein, drum kein Raum hier damit verschwendet. Der Löwe der ganzen Ausstellung war u blieb Pilotys großartiger Nero (mit seinem Gefolge durch die Trümmer Roms schreitend) der Alles was ihm nahe kam schonungslos zusammen haute, so wohl durch Zeichnung wie durch Kunst der Farbe. –
Für mich war bei Allem natürlich die größte Freude das Wiedersehen so vieler lieber netter Kerle u trauter Genossen einstiger schöner Zeiten, welche denn auch Dutzend u Schockweise aus allen Himmelsgegenden zusammengeströmt waren, daß man schier den ersten Tag vor lauter Umarmungen ud Begrüßungen, Küßen u Aufjauchzen zu Nichts Anderem kommen konnte; hatte doch selbst das alte liebe Rom ein Contingent von fast einem Dutzend gestellt, das zur Hälfte sogar aus lieben Colonnagenossen bestand. Also kannst Du meine Freude ermessen. – Und kaum war ich acht Tage wieder heim gabs abermals Besuch. Max v . Gagern aus Wien der wie Du weißt eine Cousine von mir zur Gattin hat, kam mit Familie u wohnte bei mir. Es waren wieder angenehme u interessante Tage. Erst jetzt habe ich recht erkannt welch ein tiefer u geistvoller Mensch Gagern ist während seine Gattin, die ich von Jugend an verehrt habe wie kein andres Weib durchaus dieselbe geblieben war, ruhig schön klar und harmonisch in all ihrem Walten u Wesen Denken u Handeln, eine hohe wunderbare Erscheinung. Und entzückende Kinder hatten sie bei sich. – Später endlich sind noch der Bildhauer Kropp von Rom kommend, mein Architect Stock u Andre Freunde hier gewesen ud der alte prächtige Landschafter Willers der seit einem halben Jahre auch von Rom fort ist ud in Oldenburg lebt will mich im Laufe des Winters oder doch nächsten Frühling besuchen. – Da hättest Du also in Kürze mein Leben der letzten Monate. – ||
Also mein Vesuvrelief hat dort so gefallen? Hat auch Dir Freude gemacht? Ich kann Dir nicht sagen wie glücklich ich darüber bin. Hatte ich doch wirklich etwas Angst daß es nicht Gnade vor Deinen Augen u denen der übrigen dortigen Gelehrten finden würde. Auch ich habe jüngst einen Vortrag darüber gehalten im literarischen Verein zu Oldenburg nämlich, der grade sein jährliches Stiftungsfest beging. Dabei hatte ich aber auch die gesammelten Gesteine Laven, Tuffe und Aschen und hatte die Freude wahres u lebendiges Intresse dafür zu wecken, bei Herrn u Damen und zum Schluß d.h. bei Tische ward noch ein reizender Scherz daran geknüpft: Der Vorstand hatte nämlich scheinbar vergessen für Schmuck der Tafel u Nachtisch zu sorgen. Ein alter Major interpellirte etwas sehr derb denselben darüber. Dieser beleidigt erwiederte nicht minder derb ud schimpfte dann auf den Wirth, der Wirth schimpfte auf seine Kellner. Die Verlegenheit u Unbehaglichkeit der Anwesenden stieg aufs Höchste – da plötzlich bebte ud donnerte das ganze Gebäude und h aus unterirdischer Tiefe rief plötzlich der alte Vulkan wir sollten nur ruhig sein, er wolle aus Dankbarkeit daß wir ihm heut solch Intresse gewidmet hatten sich schon ins Mittel legen. – Ein noch stärkeres Donnern u Krachen – Die Flügelthür des Nebensaals springt auf und siehe da unter Funkenregen u Flammen speit ein stattlicher Vulkan nach einander in stoßweisen Eruptionen brennende Plumppuddings dann Confekt u Knallbonbons, dann eine Menge Blumenbouquets und zuletzt eine „Fumarole“ nämlich ein Schock Cigarren aus. – Du kannst denken welchen Spaß das machte. – Schließlich ward noch ein alter Kammerherr i just als er eine Rede halten wollte ehe er sich dessen versah von hinten angepackt und in den Vesuv gesteckt. Das war ein Jubel. Ich wollt Du wärst dabei gewesen. –
Übrigens ist es mir jetzt ein Leichtes noch ein Exemplar anzufertigen da die Form ja einmal vorhanden. Wenn Du wirklich j meinst, daß es der Universität Willkommen ist k soll sie gern eins bekommen. Dem lieben alten Jena thu ich [es] von Herzen gern zu Lieb. Schreib mir ob es l wirklich Dein Ernst war. ||
Ich lese jetzt Overbecks Beschreibung Pompeji’s ein vortreffliches Buch durch das mir jetzt eine Menge damals geschauter u unverstandner Dinge plötzlich klar geworden sind. Ich möchte Dirs gleichfalls empfehlen sobald Du irgend Zeit dafür hast. –
Auf der Heimreise von Köln hätte ich bald einen m urgenialen Gedanken ausgeführt. Ich bekam plötzlich Lust nach Jena zu reisen ud Dich auf eigne Weise zu überraschen. Nämlich auf einmal solltest Du mich unter Deinen Zuhörern schauen. Ob Du wohl Deine Contenançe u Professormiene bewahrt hättest? Aber der nahbevorstehende Besuch Gagerns u dann auch die Ungewißheit ob Du n noch läsest oder schon geschlossen u wohl gar bereits auf den Flügeln des Dampfes ud der Liebe nach Heringsdorf geeilt wärst ließ mich den schönen Plan wieder fallen lassen.
Wann sehn wir uns denn zuerst? – Also Du möchtest mich wirklich bei Deiner Hochzeitsfeier haben? Wie sehr bist Du darin verschieden von meinem Freunde Romberg (dem wackren Seemann u jetzigen Navigationslehrer in Bremen). Als nämlich o im October dessen Schwiegereltern mich zu seiner Hochzeit luden begleitete er die Einladung sofort mit einer ernstlichen Abrathung davon. „Denn“, schreibt er wörtlich, „was hättest Du davon lieber Hermann, Du bist stets unter einer Menge fremder Leute, hast p wahrscheinlich eine langweilige Traurede auszuhalten und eine Zahl vielleicht noch entsetzlichere Toaste, kannst Dir bei der großen Fresserei gründlichst den Magen verderben Dir auch möglicherweise einen riesigen Katzenjammer erzeugen ud brachtest mir so ein Opfer davonq mir nicht einmal etwas zu Gute kommt, denn wir Beiden können ja doch Nichts weiter von einander haben als r höchstens den üblichen Kuß in der großen s bekannten Rührscene, die gleich nach der Trauung t stattfindet.“ u Nein mein Hermann ich habe Dich zu lieb um Dir solches zuzumuthen. Aber später sollst Du mich in meinem kleinen liebewarmen Neste desto öfter besuchen.–“ Also Romberg. ||
Und nun sprich auch Du lieber Häckel aufrichtig. Hatte er nicht Recht. Ist es nicht Viel besser ich komme einmal später wenns Euch gelegen ist nach Jena u bin dort eine Woche in Eurer Nähe? – Ich wills nun grade nicht so apodictisch von der Hand weisen denn gern lernte ich einmal Deine Eltern den wackren alten Vater u den frisch kräftigen Bruder kennen aber – hoffe nicht all zu fest, daß ich kommen werde. –
Also ein Stück Krönungsulk von Gottes Gnaden hast Du auch mit genoßen. – Du wirst mit mir der Meinung sein daß von jenem frischen hoffnungsfreudigen Hauche der uns so köstlich entgegenströmte als wir aus dem Süden heimkehrten u namentlich von dem großen Vertrauen das man der preußischen Regierung damals allgemein entgegen trug nur noch ein schwacher Rest geblieben ist.
Haben wir es denn noch immer nicht klar begriffen, daß von dieser Generation deutscher Fürsten keine Hoffnung für Deutschlands Einheit u Macht zu erwarten ist – Herr Gott! wie würden alle Herzen dem Könige Preußens zu fliegen, wenn er nur einmal den Muth hätte offen u frei das deutsche Banner zu entfalten, nur vertrauend auf eine Großmacht – die öffentliche Meinung. –
Ich bin u bleib dabei die unteren Luftschichten sind rein ud nur die oberen voll dicker fauler Dünste, auf Allem drückend u schattend lastend. Ein Sturm muß erst heranbrausen und die Luft reinigen. Nur dann wirds Sonnenschein u Frühling im deutschen Vaterlande ud in Europa werden. Das walte Gott! Amen.
So leb wohl u behalt mich lieb.
Dein H. Allmers
a gestr.: Dir; b gestr.: auf; c gestr.: ein; d gestr.: meinem, eingef.: dem; e gestr.: u Abends; f gestr.: fas; g gestr.: Tage; h gestr.: eine unterirdische; i gestr.: in den Vesuv ehe er; j gestr.: meinst; j gestr.: will ich gern mich; l gestr.: es; m gestr.: urgenial; n gestr.: nicht; o gestr.: wir; p gestr.: mußt; q gestr.: das, eingef.: davon; r gestr.: den; s gestr.: Rühr; t gestr.: üblicher W; u gestr.: Also R;