Allmers, Hermann

Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 2. Januar 1861

Rechtenfleth d. 2tn Januar

1861.

Gruß und Heil Dir und Deinem ganzen Hause!

Der erste Federstrich im neuen Jahre sei Dir geweiht Du lieber treuer Junge, der Du nicht aufhörst mich mit den Beweisen Deiner Liebe zu überhäufen, daß ich fast tief beschämt davon werde, da ich noch immer so gut wie Nichts von all dem Lieben Schönen und Herzerfreuenden vergolten habe. Dies mal freilich mischte sich ein anderes Gefühl in meine jubelnde Freude, als Dein liebes Bild und das intressante Blatt a die heimgebrachten Reisefrüchteb, dh. (frutti di mare) enthaltend, nebst dem Herzens- u dem Papyrusblatt eintraf – nämlich ein gründlicher Ärger. Ein gründlicher Ärger, daß Du c an diesem Weihnachtsfest ohne meine Schuld von meiner Seite mit leeren Händen ausgehen mußtest. Auch ich hatte bei meinem letzten Aufenthalte in Bremen mich für Dichd photographiren lassen. Als ich aber nach her das Bild zu Gesichte bekam, schaute mir ein in meine Züge gehüllter, so grimmiger Bramarbas entgegen daß mire vor mir selber zu grauen anfing. Und wenn mir schon bange ward so würdest Du, trotz all Deinem Umgange mit Meerungeheuern, sicherlich schleunigst davor die Flucht ergriffen haben, wenn f plötzlich aus seiner Papierhülle das wilde und wüthende Eisenfressergesicht Dir entgegen geblickt hätte. An die Wirkung des Anblicks auf Dein liebes zartorganisirtes Bräutchen wage ich nicht einmal zu denken. So schickte ich es denn natürlich nicht an Dich ab und bitte Dich daherg bis ich wieder nach Bremen oder Hannover komme Dich mit dem Bilde, das Du von mir im Herzen trägst zu begnügen. – Noch mehr aber verdroß mich, daß auch mein anderes, mein Hauptchristgeschenk für Dich nicht überkommen konnte. Ich habe nämlich || im Laufe des vorigen Herbstes mit Sorgfalt, Lust und Liebe für Dich eine Arbeit vollendet, die Dir einen oft h gemeinsam besuchten Punct im Süden lebendig i und handgreiflich vor die Seele führen sollte. j Es war mir, wie ich selbst gestehe, gut gelungen und ich war voll herzlicher Freude darüber. Eben vor Weihnachten sollte es an Dich abgesandt werden um recht am Feste selbst einzutreffen. Da plötzlich unterbrach der Eisgang in der Weser allen Verkehr und der Schiffer, der die Kiste an den Spediteur in Bremen liefern sollte, kam unverrichteter Sache wieder zurück, er war nicht zur Hälfte damit hingekommen. Die Post nimmt leider von hier solch umfangreiche Dinge auch nicht mit und so mußt Du Dich auch damit gedulden bis der Winter gnädig ist und die Sonne wieder freundlich auf die Fluten des befreiten und entfesselten Strom’s glänzt. – Was und welcher Art das geheimnißvolle Werk ist ahnst Du nicht im Entferntesten und auch jetzt will ich Dir k den Genuß der Überraschung noch nicht verderben. Du denkst wohl an ein Bild. Gott bewahre! weit gefehlt. Rathe nur hin und her, rathe so viel Du willst Du wirst mein Lebtag nicht darauf kommen, und darin eben besteht ein unbändiger Spaß für mich. –

Wie habt Ihr die Festtage verlebt? ich will doch hoffen daß Du Dich in der Zeit von Deinen geliebten Meerbestien los gerissen hast. Aber vor Allem – wie geht es Deinem lieben armen Mütterchen? Tief und lebendig habe ich es Dir nachgefühlt, wie jäh und schmerzlich der traurige Fall in Euer still glückliches Leben eindrang. In solcher Zeit der allgemeinen Freude und Liebe, wie die heilige Weihnachtszeit, l ist so ein Ereigniß doppelt wehvoll. Ich freue mich indeß m darüber, daß || Du selber so ruhig und unbesorgt dabei bist und n keine eigentlicheo Gefahr siehst. Bringe Deinem lieben treuen Mütterchen meinen Herzensgruß und Glückwunsch auf baldige Heilung.

Dein Bild ist ausgezeichnet, p eine rechte Zierde meines vollgepfropften Stübchens und macht mir viele Freude, daß aber dennoch das Bild „Häckels im Naturzustande“ q bis jetzt noch meinem Herzen näher steht als das des civilisirten Häckel wirst Du in der Ordnung finden, knüpft sich doch an jenen Anblick für mich eine ganze Welt von Erinnerungen und ein schönes reiches Stück Leben. Erst wenn ich Dich einmal in Berlin oder Jena gesehn habe, wird mich auch dies Bild nicht mehr fremd anblicken. Und r freundlichen Dank auch für Papyrus und die intressante Kupfertafel deren Darstellungen s Allen Beiden t nämlich dem lieben Gott, wie Dir zur größten Ehre gereichen. Wahrlich so Reizendes und Wundersames habe ich doch nicht erwartet und ebenso setzt mich die außerordentlich schöne Ausführung der Kupfer in Erstaunen. –

Also Dein Leben, schreibst Du mir, ist so still und einförmig und u nur von drei Dingen ausgefüllt: Radiolarien, Braut und Familie; indessen das meine ist, äußerlich wenigstens nicht viel mannigfaltiger. Ich dichte und denke an meinen Römischenv Schlendereien und fange in nächster Woche wieder zu malen und zu modelliren an. Ich weiß nicht ob ich Dir schon früher geschrieben, daß mir jetzt die Plastik beinahe w von allen Beschäftigungen die liebste und herzerquickendste ist und daß ich ein Talent dafür besitze, wie ich selber nicht im Entferntesten x geahnt habe. Mein erstes Werk, das Haupt Johannis des Täufers hat diesen Herbst in Bremen außerordentlichen Beifall gefunden selbsty bei gewiegten Kennern und nun forme ich das Antlitz Karls des Großen bei dem ich mich zunächst an z Dürers Ideal halte. Ich will Alles dran setzen, daß ich die Züge so recht gewaltig und majestätisch bilde ohne doch alle Milde daraus zu verbannen und wenn ich mit dem Kopfe aa dann || bb von ganzer Seele zufrieden bin sollst Du, wenn Du willst, einen Abguß davon erhalten. – Wär ich doch Künstler geworden! – Dann wäre ich sicher vollkommen glücklich gewesen. – Ein schönes herzerfreuendes Weihnachtsfest aber habe ich gefeiert und habe wieder dabei zu meiner Freude so recht gesehen, daß ich cc trotz meiner freien Religionsanschauung, doch noch ganz christlich fühlen kann, dd alle ee Kirchenfeste innerlich aufs lebendigste mit zu feiern vermag, an frommen Sitten und Gebräuchen echten Antheil, so wie von heiligen Bildern den tiefsten Eindruck haben kann. Jahre lang, ja eigentlich seit meiner Confirmation war ich allem kirchlichen Leben völlig entfremdet. Erst in Rom bin ich wieder mit diesem in Harmonie getreten. Was ff aber gg solche Wandlung bewirkt hat weiß ich kaum selber; warhh es Jugenderinnerung, Schönheit, Poesie oder Symbolik? ich wag es nicht zu entscheiden, aber ich freue mich von ganzer Seele, daß ich zu solcher wohlthuenden Harmonie gelangt bin und werde Alles daran setzen diesen Standpunct auch ferner zu behaupten. Wir müssen dies Thema noch einmal mündlich besprechen. Am heiligen Christabend habe ich mit zwei hiesigen Bekannten zur großen Freude und Erbauung der Kinder meines Vetters nach mittelalterlicher Weise den Umzug der heiligen drei Könige aufgeführt, begleitet von dem uralten Weihnachtsliede. Ich wollte Du hättest mich einmal als heiliger morgenländischer König gesehn, wie reich, prächtig ii majestätisch und phantastisch ich mich in meinem reichen Ornat mit Krone, Scepter und goldstrahlendem Purpur ausnahm, als ich singendjj mit kk meinen zwei andern ll Reisegefährten dem Braunen und dem Mohren um den Tannenbaum herum zog. –

Und eine Menge lieber herzenswarmer Briefe gabs wieder für mich, daß ich ganz glückselig war; mm ein Brief von Professor Lübke und seinem kleinen herzigen Weibchen, begleitet von einem prächtigen Geschenk nämlich sein (photographisches) Madonnenalbum war darunter, und eines gar aus Rom mit einer schönen antiken Gemme dabei und Briefe aus Wien und München. - Doch da ist das Papier zu Ende. –

Herzensgruß Dir und all Deinen Lieben.

In treuer Freundschaft Dein HAllmers.

a gestr.: mit; b gestr.: Süd; eingef.: Reise; c gestr.: dies mal; d eingef.: für Dich; e gestr.: ehe anfing; eingef.: mir; f gestr.: wenn; g gestr.: also; eingef.: daher; h gestr.: gewisen; i gestr.: vor die; j gestr.: Mit dem; k gestr.: die Freude; l gestr. sie; m gestr.: daß; n gestr.: da; o gestr.: tiefere; eingef.: eigentliche; p gestr.: und; q gestr.: bis; r gestr.: ziehen; s gestr.: Euch; t gestr.: dem; u gestr.: Deine; v eingef.: Römischen; w gestr.: be; x gestr.: gehe; y eingef.: selbst; z gestr.: der; aa gestr.: noch; bb gestr.: so recht; cc gestr.: doch; dd gestr.: so daß ich; ee gestr.: heiligen; ff gestr.: es; gg gestr.: bei; hh gestr.: ist; eingef.: war; ii gestr.: und; jj eingef.: singend; kk gestr.: de; ll gestr.: Be; mm gestr.: auch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-01-1861
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8616
ID
8616