Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 22. November 1860

HERMANN ALLMERS.

Rechtenfleth, 22. Nov. 60.

Mein treuer lieber Haeckel!

Das Bewußtsein meiner Nachläßigkeit wird mir doch nachgerade unerträglich, ich kann Dein nicht gedenken (was doch alle Tage geschieht) ohne daß mein Herz von sehr fatalen Gewissensbißen gepeinigt wird. Wißt ihr hochgelahrten Doctoren gute wirksame Mittel gegen Gewissensbiße? – Ich will mich lieber selbst kuriren und zwar durch a einen Extract von Galläpfeln, den man im gemeinen Leben Dinte nennt. Der hilft wirklich, denn schon jetzt fühl ich etwas Linderung. Aber ich habe im Grunde doppelt zu büßen. Daß ich nicht einmal Deiner lieben Anna zu ihrem Geburtstage geschrieben, ja ihr sogar jenenb Theil meines inneren Ichs ungebunden und unaufgeschnitten übersandt habe. Die Dichtungen meine ich natürlich. Aber ich will Dir sagen wie es kam. Die Exemplare c langten bei mir an, gerade als es noch eben Zeit war sie vor dem Geburtstage hinzubefördern. Ich mußte in Geschäften eine kleine Reise antreten, so konnte weder geschrieben noch gebunden werden. Die Glückwünsche aber, welche sie begleiteten waren nicht minder aus treuem Herzen kommend als, wenn ich sie Schwarz auf Weiß nebenbei geschickt hätte. Das mögt Ihr Beide glauben. Und ein Anderes steht ebenso sicher. Wenn auch Monate und längere Fristen verstrichen ohne daß wir voneinander Kunde hätten, wir kennen uns zu gut um einem Gedanken an Vernachläßigung u Lauheit des Andern Raum zu geben.

Sehr hat mich der freundliche, herzliche und doch durchaus nicht überschwengliche Ton im Briefe Deiner lieben Anna gefreut. Sie ist ein wackres prächtiges Mädchen und || wird sicherlich einmal ein ebenso prächtiges grundbraves Weibchen abgeben. Das geht klar aus jeder Zeile hervor, gerade so klar wie es aus Deinen letzten, sehr confusen und unordentlichen Satzbildungen hervorgeht, daß Du für einen Naturforscher ein schrecklich verliebter Schwärmer bist und es die höchste Zeit ist ordentlicher zu werden, nämlich ordentlicher Professor und – zu heiraten. – So is et. Und mir als altem Junggesellen wirst Du schon ein competentes Urtheil zutrauen, denn ich stehe außerhalb der Bewegung und bewahre daher meinen unpartheiisch contemplativen Standpunct. Jedem Unverlobten rathe ich, stets so lange als möglich ledig zu bleiben. Jedem Verlobten aber so bald als möglich zu heirathen, damit der Verstand wieder klar wird. Hab ich nicht recht?

Daß ich gern Deiner Einladung gefolgt wäre, und hergekommen um als alter Berliner Student den d fünfzigsten Geburtstag meiner alma mater mit zu feiern kannst Du mir glauben. Aber es ging nicht. Der Bau meines Hauses ließ mich keine Woche abwesend sein ud wäre ich einmal in Berlin so bliebe ich dort doch auch gern länger als acht Tage. Möglich, ja sogar wahrscheinlich ist es fast, daß ich indeß im Anfange des nächsten Jahrs einmal dort komme, etwa im März oder April, sowohl um Dich als auch um noch Freund Lünke zu treffen der auf Ostern einen Ruf nach Zürich angenommen hat. Kommt es wirklich dazu so sollen es nette Tage werden auf die ich mich jetzt schon freue und ich will meine drei kunsthistorischen Freunde (Professoren Lübke u Weiß u. Eggers) e meine zwei malenden (Brücke u v. Dörnberg), meinen meißelnden (v Meyenburg), meinen bauenden (Lucä) || und endlich meinen naturforschenden lieben Freund Haeckel nebst den übrigen Merkwürdigkeiten und Annehmlichkeiten Berlins von Grund meiner Seele nach Möglichkeit genießen.

Neues von hier was Dich interessiren könnte weiß ich Dir nicht Viel zu berichten. Mein Bau ist so weit vollendet, wie ich ihn für dies Jahr zu führen gedachte und nun ist bei mir f echte behagliche Winterruhe eingetreten. So wie ich nur den letzten der Arbeiter entlassen hatte ging ich auf 14 Tage nach Bremen wo ich bei meinem g wackeren seemännischen Freunde Romberg (jetzt Navigationslehrer dort und mit Deinem Freunde Betzold bekannt) nach alter Weise mein behagliches Quartir inclusive Hausschlüssel nahm. Diesmal bin ich öfter mit Deinem Freund Struwe zusammen getroffen der mir soh gefallen hat, daß ich ihn als Mitglied unserer lieben Kneipe vorzuschlagen denke. Daß wir Viel oder eigentlich nur von Dir geredet haben kannst Du leicht denken. Mir ist indeß noch immer nicht gelungen Deinen lieben Tollhausdirector kennen zu lernen. i Die Irrenanstalt der Focke vorsteht ist nämlich über eine Stunde von B. entfernt u selten kommt er in die Stadt.

In diesen Tagen erwarte ich noch einen Ofen, damit ist mein Atelier fertig und dann wird einj Schaffen losgehen, daß esk eine Lust sein soll. Ich will mich aber freuen wenn ich all die Bilder, die ich jetzt im Kopf und Herzen tragel dort los bin und auf die Leinwand gesetzt habem. Da wird was an Himmel- und Meeresbläue an Palmen, Pinien, Cypressen, Agaven u Cactus consumirt werden. Kämst Du doch um die nöthigen Felsen zu bewerkstelligen. In der Felsenschwelgerei erreicht Dich doch keiner, das steht fest. –

Wie schön ud beglückend wenn man seine 10,000 lieben netten Kerle hat, das empfand ich neulich n recht wieder. || Ein wahrer Montblanc von Briefen hatte sich während ich in Bremen war auf meinem Tische abgelagert, Briefe aus Ost u West, Nord u Süd – zum Theil prächtigster Art, ja o ein acht Bogen langer war sogar aus Rom dabei von meinem lieben archaeologischen Freund Detlefsen, von dem ich Dir ja sagte, daß er mein Haeckel in Rom gewesen sei. – Er war ebenfalls vorigen Sommer in Neapel und schreibt Manches was auch Dich interessiren wird. Auf Santa Lucia sind jetzt die Zimmer wohlfeil, der Vesuv raucht noch trotz allen Revolutionen in größter Gemütsruhe sein Pfeifchen u läßt die Lavajauche noch glühen u fließen, die schöne Caramella von Sorrent hat den Podesta der Stadt jüngst geheirathet und die zweite Schwester (wie hieß sie doch?) einen jungen Advokaten; Pagano gedenkt freundlich unser, unser und jener Tage von Capri; das Lied schreibt jeder wackre Deutsche aus dem Fremdenalbum ab in das seinige; Köhler u v. Bok sind in Rom ud senden herzliche Grüße und die allbekannte Bremerin macht abermals ganz Latium unsicher während p Dr Wyneken Nichts mehr unsicher macht sondern mit Tode und etwelchen Schulden abgegangen ist. Gott hab ihn selig. –

Nach Sicilien ist Detlefsen leider nicht gekommen obwohl es überall sicher zu reisen war. –

Und dabei fällt mir ein daß ich noch nicht mal ein einzig dankbares u anerkennendes Wort über Deine schönen Reiseskizzen gesagt habe mit denen Du mir und q Anderen von meinen Freunden einen rechten Genuß geschaffen hast. Ausgezeichnet ist wirklich die Etnabesteigung geschildert so lebendig, klar u anschaulich so wahrhaft schön u edel im Style daß ich offen gesagt wirklich überrascht war. Namentlich das schöne Gleichgewicht in welchem dabei die poetische Schilderung mit der klaren wissenschaftlichen Beobachtung steht r giebt diesem Aufsatz einen bedeutenden aesthetischen Werth welchen ich nie erreicht haben würde. – ||

Ich hatte durch Dich angeregt große Lust unsre Tage im stillen Syrakus zu schildern. Erst habe ich indeß noch eine andre Arbeit vor, etwas neapolitanisches und dabei mußt Du mir nothwendig einen kleinen Dienst leisten. Wir sind ja nie auf der Somma gewesen und gern hätte ich genaue Auskunft aus welchem Gestein sie besteht d. h. ihre Oberfläche und vor Allen jene Felswand, die so steil aus dem Atrio die Cavalli emporsteigt. Beim ersten besten Geognosten, die ja in Berlin rudelweise herumlaufen, kannst Dus erfahren ob es der Kalkstein des ersten Erhebungskraters ist oder ein Produkt von Eruptionen; Trachyt, Lava oder Tuff. Thu mir den großen Gefallen und schreibe mir was Du erfahren hast sobald als möglich, wenns sein kann noch innerhalb 14 Tagen. Weihnachten sollst Du erfahren warum es Eile hat, das Nähere ist vorläufig ein Geheimniß.

Auch die syrakuser Rohrfrage darfst Du nicht vergessen. Hängt doch, wie Du weißt, eine Flasche des edelsten Rheinweins s an ihrer Lösung.

Gern schriebe ich Dir noch ein paar Seiten voll wenn ich noch Stoff ud Zeit hätte aber Mitternacht ist nicht weit. So ruf ich Dir zum Schluße t schon zwar etwas schläfrigu, aber nicht minder herzlich noch tausend Grüße (um eine runde Zahl anzunehmen) hinüber und ebenso viele Deinem u Bräutchen u Deinen anderen Lieben.

Gut Nacht alter Junge. Ein andermal mehr.

Dein treuer

H. Allmers.

a gestr.: mit gutem Ge; b gestr.: den, eingef.: jenen; c gestr.: erschienen; d gestr.: 50; e gestr.: da Eggers, meine drei Bilder der Künstlerfrau [?] verrißen; f gestr.: die; g gestr.: so; h gestr.: recht, eingef.: so; i gestr.: Xxx wahr; j gestr.: soll das, eingef.: wird ein; k eingef.: es; l gestr.: habe, eingef.: trage; m eingef.: habe; n gestr.: nett [?]; o gestr.: einer; p gestr.: Dr Wyneken tot ist – Gott habe ihn selig; q gestr.: meinen; r gestr.: macht; s gestr.: daran; t gestr.: die xxx; u korr. aus: schläfrigen; u gestr.: Bräuth

Brief Metadaten

ID
8615
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Hannover
Datierung
22.11.1860
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
5
Umfang Blätter
3
Format
13,7 x 21,7 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8615
Zitiervorlage
Allmers, Hermann an Haeckel, Ernst; Rechtenfleth (Weser); 22.11.1860; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_8615