Ammann, Wilhelm

Wilhelm Amman an Ernst Haeckel, Bremen, 30. Dezember 1878

Bremen, 30.12.78

Hochverehrter Herr Professor!

Mit Eifer und dem höchsten Interesse habe ich den von Ihnen so klar und einleuchtend a dargelegten Plan der Entwicklungslehre verfolgt und mir aus Ihren Werken, der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ und der „Anthropogenie“, einen Einblick in diese großartig einfache Theorie zu verschaffen gesucht.

Ich habe erkannt, daß, was man gewöhnlich unter „Religion“ versteht, vor dem blendend klaren Lichte der Descendenztheorie in Nichts verschwindet, aber es ist mir doch unerklärlich geblieben, wie solch ein Mythus, der nicht wie die antike Götterwelt, auf der Verkörperung von Naturkräften und Naturerscheinungen beruht, wie das Christenthum seine Wunder, die doch nie geschehen sind, mit einem || solchen Scheine des Concreten umgeben konnte, daß Jünger Christi seine verschiedenen Wunderthaten, wie z.B. die Erweckung des Lazarus, als Facte der Mit- und Nachwelt verkünden konnten.

Waren sie Betrüger oder unterlagen sie einer Sinnestäuschung?

Sie sprechen in Ihren obigen beiden Werken nur sehr wenig von diesen Puncten, indem Sie mehr positiv und aufbauend verfahren.

Ganz gewiß ist es nun für einen Jünger Darwin’s und Haeckel’s bewiesen, daß das Christenthum auf Täuschung beruht, aber trotzdem kann er sich doch die Frage vorlegen, wie diese Täuschung vollführt sei.

Ferner gehen Sie auch ziemlich kurz über den „freien Willen“ hinweg, welcher doch ein Hauptvorwurf der Gegner der Entwicklungslehre ist, wenigstens in den obengenannten || zwei Werken.

Nun möchte ich mir die bescheidene Anfrage erlauben, ob diesen eben berührten Fragen in einem Ihrer andern Werke eine ausführlichere Besprechung gewidmet wird oder ob sich einer der Gelehrten, welche mit Ihnen dieser Wissenschaft sich gewidmet haben, ausführlicher über Sie ausläßt.

Mit der höflichen Bitte, mir einen Fingerzeig geben zu wollen, verbleibe ich in unbegrenzter

Hochachtung

Ihr ganz ergebener

Wilhelm Ammann

Bremen. Kreftingstr. 2

a gestr.: g

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-12-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8457
ID
8457