Banner, B...

B. Banner an Ernst Haeckel, Crailsheim, 15. Januar 1907

Crailsheim, 15.I.’07.

Wilhelmstr: 27.

Hochverehrter Herr Professor!

Durch schwere innere Zweifel & Kämpfe wurde ich schon sehr frühe zum religiosen Kampf zwischen einheitlichem Naturgeschehen & überlieferter Kirchenlehre geführt. Mit echt deutscher Gewissenhaftigkeit kämpfte ich gegen den Abfall an teuer gewordenen Kindheitserinnerungen & doch bereitete mir jede selbst durchgedachte Entdeckung aus der Reihe Goethe-Darwin-Haeckel || neue Freuden – & damals – Schmerzen an meinem Drang zu forschen &, wenn möglich aufzubauen. Den Abschluss fand diese Periode in meinem „Credo“:

Wir glauben all‘ an eine höchste Kraft,

Die Schönheit, Güte zeugt, & Edles schafft;

Wir fühlen stets der Wahrheit ew’gen Trieb

Und finden, was wir suchten, heil’ge Lieb!

Doch diese Periode liegt hinter mir.

Auf dem Münchner Realgymnasium führte ich manchen harten Strauss mit unserem „Religions“-Lehrer. ||

Denn meine Eltern liessen es nicht zu, dass ich aus der Kirche (prot.) austrat. So muss ich als Unmündiger stets mit der Lüge gestempelt herumlaufen: Ein Kämpfer für den Sieg der Geistesfreiheit als „Angehöriger“ der Kirche; offiziell bin ich es ja wohl auch noch. Für Ihren hellstrahlenden Namen, hochverehrter Vorkämpfer des monistischen Gedankens wie für alle jene Helden in unserem schweren Kampf gegen die unwahren Verfechter alter Märchen (mögen || diese auch mitunter des poetischen Zaubers nicht entbehren) habe ich mich stets in die vordersten Reihen der jugendlichen Verteidiger gestellt. So z. B. beim „Schüleraufruf“ des Ingeneurs August Richter, für dessen Zeitung ich ein genaues Referat der Religionsstunde am Realgymnasium lieferte, als Pfarrer Lembert über uns ehrlich nach Wahrheit Strebenden in albern-trivialer Art herfiel. Im Zürcher Freidenker-Verein stellt ich die Anfrage, ob es dem || 1908 in Zürich tagenden europäischen Freidenker-Kongress nicht gelingen könnte einen Schutzparagraphen für Unmündige zu schaffen, deren Eltern das Kind zu Kulthandlungen zwingen, die es nicht überzeugt mitmachen kann. (Ich brachte es dahin, dass ich nicht konfirmiert wurde!)

Da ich auch nicht 20 Jahre alt bin, kann ich als deutscher Staatsangehöriger immer noch nicht aus der Kultgenossenschaft, in die hinein || ich erzogen wurde, austreten.

Ungünstige Familienverhältnisse (mein Vater ist Psychopath!) zwangen mich aus dem Gymnasium austreten & für meine blinde Mama & mich meinen & unseren Lebensunterhalt als Buchhalter zu suchen. Hier bin ich nun von der grossen, herrlichen Bewegung ganz abgeschnitten.

Nun bitte ich Sie, den Ehrenvorsitzenden des deutschen Monistenbundes um || Rat, ob ich dem Bund beitreten kann, ob in Nürnberg oder Stuttgart sich Ortsgruppen befinden, welche Formalitäten ich als Unmündiger berücksichtigen muss u. s. w.

Wenn ich auch noch nichts Positives für den Monismus leisten konnte (Aufklärung im Freundeskreis ist nur Pflicht, kein Werk!), so werden Sie, hochverehrter Herr Doktor, mich & mein ehrliches Streben || doch nicht zurückstossen, denn mit 2 Dezenien ist der Mensch noch nicht soweit, um in diesen Fragen ganz allein gehen zu können, abgesehen davon, dass eine grösstmögliche Mitglieder-Zahl des Bundes wohl die beste Propaganda gegen die römische Finsternis & deren Greuel ist.

Ich bitte Sie also ganz ergebenst um Rat & Vorschläge.

In treuer Verehrung

Ihr

Ganz ergebenster Schüler

B. Banner

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-01-1907
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8166
ID
8166