Behr, H. G.

Heinrich Gustav Behr an Ernst Haeckel, Gera, 26. Februar 1878

Hochgeehrter Herr Professor!

Ihren gestrigen Vortrag habe ich angehört u. mit größtem Interesse verfolgt.

Nur ausser den beiden schönen Tafeln vermisste ich eine über die Entwickelung des Auges. Doch dies nebenbei. Sie gedachten rühmlichst des Herrn Professor Huschke, dessen Schüler zu sein von 1836-38 bez. 39 ich die Ehre hatte.

Dieser nahm damals 6 Sinne an, indem er den Gefühlssinn in 2, nämlich den Temperatur- u. Tastsinn spaltete.

Wie spricht sich darüber die heutige Wissenschaft aus?

Wären Sie so gütig, auf diese Frage mir gefälligst zu antworten, so würde || ich nicht verfehlen, darüber im Kaufmann’schen Verein hier zu berichten.

Dürfte ich mir noch erlauben Ihnen über eine der wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit ein Schriftchen zuzueignen, welches ich als praktischer Arzt, nach langjähriger Erfahrung zusammengestellt (denn das Wenigste davon ist ja von mir selbst) um es betreffenden Patienten anstatt eines Receptes anzubieten.

Ich ging mit schwerem Herzen an diese Arbeit. Sie konnte möglicherweise eben so viel schaden, als nützen! Doch ich folgte meiner Ueberzeugung u. kann jetzt sagen, daß die Allermeisten derjenigen, denen ich dieselbe zu übergeben || für passend hielt, mir dankbar waren, mir gestanden daß sie dadurch eines besseren belehrt worden und nur einen Fall habe bis jetzt zu beklagen, in dem sie wenn auch nur vorübergehend einen an Verzweiflung grenzenden Zustand hervorrief (es war ein Onanist, der aber jetzt Heirat hat u. meine Lehren jedenfalls nicht vergessen wird.)

Sehr erfreulich, im allgemeinen Interesse, würde mir sein, wenn Sie, Hochgeehrter Herr, auch über dies heikle Thema, gelegentlich, mir Ihre Ansicht mitzutheilen die Güte haben würden.

Es zeichnet mit größter Hochachtung

Ihr

ergebener

Dr. med. H.G. Behr.

Gera d. 26 Febr

1878

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26.02.1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7879
ID
7879