Beckmann, Otto

Otto Beckmann an Ernst Haeckel, Würzburg, 19. April 1858

Würzburg d. 19. April 58.

Mein lieber Freund!

Dein lieber letzter Brief, den ich so eben wieder gelesen habe, bringt mir Dein Wesen in seiner ganzen Originalität in so lebhafte Erinnerung, dass ich der Versuchung nicht widerstehe, diese Gedanken in einer kurzen Unterhaltung mit Dir zu fesseln.

Zunächst muss ich Dir meinen besten Glückwunsch zum vollendeten Examen sagen oder vielmehr wiederholen; dass ich Deine Freude über die Beendigung dieses traurigen Lebens theile, versteht sich von selbst. Dann folgt mein Dank für Deine liebenswürdige Einladung, der ich aus mehrfachen Gründen nicht nachkommen konnte; Du kannst mir glauben, dass ich mich selbst schon lebhaft gefreut hatte in diesen bald verflossenen Ferien meine Heimath wiederzusehen, den lang entbehrten Genuss des stillen Familienlebens im Kreise meiner durch meine langjährige Abwesenheit zum Theil mira ganz entfremdeten Lieben b zu erneuern und endlich in Berlin sowol den verehrten Lehrer wie den lieben Freund aufzusuchen. Ich habe die Ausführung dieses Planes verschieben müssen, weil es gerathener war, hier zu bleiben und ich habe mich getröstet, was mir, da ich eben nicht gewohnt bin, auf meine Wünsche Erfüllung sobald eintreten zu sehen, auch gelungen ist. Für einen kleineren Abstecher fand sich aber Zeit, Lust war mehr als zu viel vorhanden und da Lachmann mich gerne haben wollte, so bin ich am Palmsonntag hier fortgereist, im Sonnenschimmer auf dem alten Rhein hinuntergeschwommen, habe mich an den Schönheiten seiner Ufer erbaut und gestärkt und bin dann in die Arme meines lieben Freundes gefallen. In der stillen Häuslichkeit, unter dem erquickenden Einfluss der liebenswürdigen Gattin wie der herrlichen || Natur verlebte ich 8 schöne, wonnereiche Tage, wobei ich nur bedaure, dass ich gegenüber der freundlichen, liebevollen Pflege, die mir zu Theil wurde, so wesentlich receptiv gewesen bin, dass Freund Blasius im Stillen gedacht haben mag, der ist aber ernst und zurückhaltend geworden. Es ist aber auch ein zu grosser Gegensatz zwischen meinem einsamen Leben hier, in das nur von Zeit zu Zeit ein gemüthlicher Funke fällt und dem bezaubernden Glück, das die beiden lieben Leutchen sich einander bereiten, es ist sogar bedenklich sich das lange mit anzusehen, denn selbst so kalte Naturen wie ich fühlen Wünsche entstehen, an die erst eine ferne Zeit Erfüllung knüpfen kann. Wir haben zusammen an schönen Nachmittagen allerhand Spritzen gemacht, Godesberg, Rolandseck, Cöln usw. besucht, andere Tage ganz verplaudert in köstlicher Gemüthsruhe, dann entwickelte Frau Doctorin uns eine prächtige Beethoven’sche Sonate oder es entwickelte sich ein Menuett, nach dem die beiden Doctoren einen nie dagewesenen Bärentanz aufführten. Kurz, es war allerliebst und so ungern ich mich auf dem Steamer „Loreley“ eingeschifft habe, um wieder hierher zu dampfen, so gerne denke ich an die freundliche Zeit, die mir für lange wieder das Herz erwärmt hat. Wenn Du mich wirklich in Berlin erwartet hast, wie mir fast scheinen will, da der alte Passow davon geschrieben hatte und auch Bezold es anzunehmen schienc, dann muss ich lebhaft bedauern, Dir unnütze Sorgen bereitet zu haben; aber es liess sich durchaus nicht einrichten, denn abgesehen von Arbeiten, die mich hier festhalten, bereitet sich wie es scheint, eine Revolution in meiner Existenz bevor, von deren Ausgang bis jetzt vielleicht die Götter mehr wissen als ich, von deren Anfang ich vielleicht mehr als erstere, von der || im Ganzen aber sich so wenig Bestimmtes sagen läßt, dass ich Alles bis zu meinem nächsten Briefe erspare, der Dir vielleicht einige unerwartete Aufschlüsse – in welcher Richtung weiss ich auch noch nicht – bringen wird. Du siehst also, es gibt auch anderswo Leute, die im Trüben fischen und kannst Dich mit mir trösten, wenn es überhaupt nöthig ist. Ich kann mir wol denken, dass Du etwas im Unklaren bist über die nächste Zukunft resp. es zu sein glaubst; ob ich Dir darin mit meinem Rathe etwas helfen kann, das ist fraglich, ganz abgesehen davon, dass ich gar nicht weiss, in welchen Regionen sich Deine Pläne bewegen. So viel kann man wol im Voraus annehmen, dass Du an eine akademische Carriere denkst, es ist ja auch kein Grund dagegen anzuführen. Ein Mann, wie Du, der eher über die Fülle der Möglichkeiten als über letztere selbst in Zweifel gerathen kann, wird im Ganzen weniger von den sogenannten Zufälligkeiten beeinflußt, die auf die Entwicklung mancher Menschen, unter denen auch ich anzuführen sein möchte, von grossem Einfluss sind. Die Disziplin, in der Du speziell arbeiten willst, ist auch klar, es scheint sich nur um den Modus zu handeln und in dieser Richtung sind wol die Verhältnisse des Einzelnen am bedeutsamsten. Das Land der Hesperiden hat nicht allein goldene Äpfel erzeugt und es ist nur zu oft, dass man am Ziele seiner Wünsche unbefriedigter wie vorher steht. Weite Reisen sind freilich nett, liebenswürdig, bringen Ehre und Ruf, Lebenserfahrung und Menschenkenntniss die Menge; ob Du auch alle die Schattenseiten derselben Dir recht vergegenwärtigt hast, weiss ich nicht; ob Du Dich dabei zufrieden, glücklich, stets getragen von dem begeisterten Gefühle, der Menschheit zu nutzen, fühlen würdest, weiss ich auch nicht, doch gestehen wir die Möglichkeit zu, so weiss ich nicht, ob es Deine Verhältnisse, Deine Eltern gestatten. Was mir zunächst am plausibelsten scheint, ist das, dass Du nach einigen Studien in diesem Sommer im Herbst eine südlich || endemische Gegend aufsuchst, sei es nun das ausgewaschene Meer von Messina oder der viel durchfischte Busen von Villafranca oder wenn es eine einsame Insel sein muss, eine Klippe der dalmatinischen Küste oder des freundlichen Corfu oder Karpathos oder endlich eine der ungezählten Cycladen, um die das schäumende Meer wunderliche Gestalten liegt – dann eine Reihe schöner Arbeiten publicirst, die recht theuer sind und viele schön gemalte Tafeln führen, wenn es noch nöthig ist, Dich irgendwo habilitirst, um bald als würdiger Professor neben der Vermehrung der Wissenschaft auch der Vermehrung Deines Geschlechtes Deinen Tribut zu zollen. So meine unmassgebliche Meinung, die Dir aus der Seele copirt ist; nicht wahr? –

Mehr kann ich einstweilen nicht sagen, höchstens will ich Dir empfehlen, Dir keine unnöthigen Sorgen zu machen, vielmehr die Sachen anzusehen so einfach oder so complizirt wie sie sind. Gewisse Ideale in der Brust eines strebenden Menschen schaden nichts, vielmehr nützen sie, sind sogar nach der Anschauung der höheren Gelehrten nöthig; aber das Leben, will man es verstehen und zwar analytisch, duldet keine Trugfarben; immer schonungslos bis auf den Knochen schneiden, das ist schlau, wenn auch Täuschungen sich auf Täuschungen häufen und sich erst aus der Fülle solcher Erfahrungen der heitere Kern des selbstbewußten Daseins gestaltet. Von hier ist nichts zu erwähnen als dass endlich Frühling kommt und mit ihm die langersehnte Wärme und das frische Grün. Wissenschaftliche Kreise lodern. Von den Freunden nichts Neues eingelaufen. Bezold bitte ich für seinen werthen Brief zu danken, hoffe übrigens nächstens beantworten zu können. Ich sitze hinter Nieren und anderem Zeug; augenblicklich stelle ich eine kleine Arbeit für die hiesigen Verhandlungen zusammen und zwar über die wenigen Experimente, die ich gemacht habe zur Erläuterung pathologischer Fragen. Wenn man nicht von allen Seiten so mit Schwierigkeiten umgeben wäre in seinen Bestrebungen, dann liesse sich schon mehr machen, aber wo soll man es hernehmen? – Heute haben wir den alten Griechen Zerlandis, dessen Du Dich erinnern wirst, zur letzten Ruhestätte gebracht, er hatte lange und schwer an Spondylosethorax und Lungentuberkulose gelitten. Friedreich ist seit 14 Tagen fort; Förster wird wahrscheinlich im Herbst hierherkommen. Übrigens gut Nacht. Schreibe bald einmal und bewahre in freundlichem Andenken

Deinen kleinen Beckmann.d

a eingef.: mir; b gestr.: und; c korr. aus: schienen; d Text weiter am linken Seitenrand: wo soll man … Deinen kl Beckmann.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-04-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7827
ID
7827