Beckmann, Otto

Otto Beckmann an Ernst Haeckel, Würzburg, 19. Dezember 1856

Würzburg 19. XII. 56.

Ich würde Dich in Deiner carcinomatösen Degeneration will sagen Dissertation nicht beunruhigen, mein Lieber, wenn nicht Herr Kettner zur unschuldigen Veranlassung würde. Sei ihm darum nicht böse. Nämlich beiliegender Zettel zeigt den Namen eines jungen Mannes, der noch im Buche des berühmten Ochsenwirthes steht und sich jetzt in Berlin aufhält; Du wirst nun ersucht, gefälligst in dem Katalog der Studenten nachzusehen und die Adresse des besagten Herrn herzumelden, damit der Kettner auf dem Wege gütiger Uebereinkunft nicht umsonst gespeist hat. Damit wäre ich am Ende und wenn nicht grade Weihnachten würde und meine Familie hier keine besondere Vorbereitung zum Fest nöthig macht, würde ich durchaus schliessen. Nun aber wirst Du noch Einiges mehr lesen müssen. Morgen ist der grosse Tag, wo Herr Dr. Semper endlich wirklich Dr. wird, das ist wol das neueste und größte Ereigniss hier. Leydig sagt mir, dass er in Oberbaiern einige Studien an Entomostraten gemacht, er aber mit seiner Publikation warten würde, bis Du herausgekrebst bist, damit die Leute nicht etwa dasselbe 2mal hörten und da er doch Dich auf diese Bestien (Krebse) aufmerksam gemacht habe. So wenigstens habe ich ihn verstanden. Kölliker arbeitet auch an Gliederthieren Pariser [?] und Chitiniser [?], ebenso erliegen den scharfen Blicken Sempers Massen von Skizzen. Meine Wenigkeit ist mehr bindegewebig, also unnütz. Das das Weihnachtsfest in Familie zu hegen hat, wirst Du jetzt wol besser merken und für Augenblicke vergessen, dass Berlin das besündlichste Nest auf dem Erdboden und dass man vom Hafendamm nach der Universität bequem in 10 Minuten geht; was es ohne Familie zu sagen hat, weiss ich schlauer Weise auch, man bezeichnet das am einfachsten mit dem ominösen Ausdruck O. Trotzdem angenehm die Musse einiger Tage, allerdings mehr in der Vorahnung der Wirklichkeit, denn nichts in Würzburg langweiliger als Festtage. ||

Allgemeine Stimmung belegt, spezielle belegter. Kurzer Schreck, Kalauer atrophisch bis entrobisch, Geist faul, schleierhaft. Alles ist gross, Häckel ist ein grosser Krebsologe, sagt schon die ganze gelehrte Bestiologie. Wenn dieses zootomische Triumvirat sich den medicinischen Doktorhut auf die Stirne stülpt, wird wahrscheinlich der Kreuzberg vor Freude verscheiden, um nicht durch seine Ludrigkeit die wohlthuenden Formen der Mark zu stören und einige Historiker werden weniger um Stoffe zu neuen Werken verlegen sein.

So eben an Boner einen grossen Brief losgelassen; wie ein Vater zu ihm gesprochen, soll sich eine Frau nehmen, zufrieden sein, nicht zu viel Wein trinken und für die Alpen schwärmen. Eine Ermunterung, die mich würdig macht, in die preussische Kammer aufgenommen zu werden, übrigens bitte ich Dich ja nichts davon zu sagen. Wir leben bekanntlich in einer grossen Zeit, denn Katholicismus und Protestantismus reichen sich die brüderliche Hand und unter dem Palmen- um nicht zu sagen, Feigenblatt der Hierarchie werden die Völker schlummern wie Kinder in der Wiege und ein chronischer Hydrocephalus ist sicher dem deutschen Michel. Preussen erobert die freie Schweiz und jedenfalls ist das das beste Mittel, um dies edle Volk von dem eklen Hauch der Touristenschaaren zu befreien, wodurch selbst die Natur mit dem Geifer der Civilisation überzogen wird. Die aurea ceter ist nicht weit. Heute war ich in einem Colleg, das ich zuweilen besuche, nämlich in der Mineralogie. Da sprach der Schulmeister, denn Professor darf man nicht sagen, dass sein Meister Fuchs einmal einen Vortrag in der Münchner Academie gehalten und zwar obgleich er kein Pfarrer gewesen, über das i. Capitel Mose, wo geschrieben steht: זה יהיה ק, es werde Licht und nachher erschien die Sonne. Der geistreiche Mann meinte nun, dass der Granit, der dazu neben krystallinisch anschoss, bei seiner Kristallisation à la arsenige Säure, Licht von sich gegeben und dass daher der Ausspruch „es werde Licht“. ||

Ich konnte nicht umhin den Reproducenten zu bedauern, um so mehr als ich nicht weiss, ob Fuchs ironisch war. u.sw.

– Uebrigens will ich Dein Gemüth nicht beunruhigen, Deinen Salem aleikum. Schreibe bald, versimple nicht akut, auch mit mir wird es wol besser werden. Feire nicht zu viel Weihnachten besonders nicht krebsig und nimm einstweilen meinen ergebensten Glückwunsch zum neuen Jahre, wenn es der Mühe werth ist. Empfiehl mich Deinen verehrten Eltern in aller Ergebenheit.

Dein Beckmann ||

Herrn Häckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-12-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7819
ID
7819