Beckmann, Otto

Otto Beckmann an Ernst Haeckel, Würzburg, 28. November 1856

Würzburg d. 28. November 56.

Mein lieber Häckel!

Deine beiden lieben Briefe sollen nicht ohne eine Reaction hervorzurufen, an mir vorübergehen und zwar schreibe ich schon heute, um Dir einen Beweis zu geben, dass ich noch nicht vollständig versimpelt bin. Vielen Dank für die ausführlichen Nachrichten von der schönen Reise, die Du gemacht und die gewiss auch an Früchten und Erfolgen nicht so arm sein wird, wie Du es mich glauben machen möchtest. Man nimmt unter den positiven Bereicherungen, die man absichtlich suchte und die zum Theil vom Glück abhängig sind, immer eine Fülle der reichsten Anschauungen mit von jeder Reise und darauf kommt es meiner Ansicht nach besonders an. Ich habe durch Deine Mittheilungen wenigstens einen Theil Deiner Erfahrungen mitgemacht und das war für mich einstweilen genug. Du kennst ja das alte Sprichwort: ne inter alter crepidam! – Uebrigens habe ich vor allen Dingen Dir noch einen speziellen Dank abzustatten, denn von dem allgemeinen Dank für Deine vielfachen Freundlichkeiten kann ich heute nicht viel sprechen, weil sonst das Papier zu klein werden wird. Wenn ich auch sonst nächtlichen Aufdringlichkeiten grade nicht gewogen bin, so würde ich doch in dem Falle möglichst überrascht, wie ich zu Hause den rothen Calliko mit Goldschnitt entwickle und den Hafis finde. Das Herz fiel mir 2 Ellen tief in die Ferse denn Du hattest zweifelsohne weissglühende Kohlen auf meinen Schedel gehäuft, da ich den letzten Abend, wo Deine Brusteingeweide einer akuten Verflüssigung entgegenzugehen schienen, grade nicht in der entsprechenden liebenswürdigen Stimmung war, sondern recht wild in die Welt hineinfluchte. Es war mir aber eine grosse Freude und Du hättest mich sehen sollen, mit welcher Heiterkeit und Todesverachtung ich die glühenden Verse durcheilt bin. Uebrigens ist das ein Buch, das durchdacht sein will und eine Lebensanschauung vertritt, zu der sich bei uns der kühnste Materialist nicht emporschwingt. Freilich leben wir auch unter dem Bannfluche nördlicher Winde und nach der Medicin der alten Weiber ist das Blut im Süden viel feister. So viel ist gewiss, dass ich mich sehr gefreut und || wenn mir der Blick einmal trübe, so wende ich mich an Hafis, der in unverwüstlicher Heiterkeit die alte Tollheit wiederbringt. Deine Schilderung Deines Berliner Lebens hat mich wenig frappirt, habe ich mir es doch nicht anders gedacht. Es scheint so a bei uns in unsern öfteren Discussionen über Berlin sich doch ein Tröpfchen Wahrheit verloren zu haben. Uebrigens scheint es mir fast als wenn Du die Sache viel schlechter machst als sie ist, denn man kann ja am Ende nicht mehr verlangen, als Dir zu Gebote steht. Es kommt eine Zeit im Leben, wo man weniger fordert als vielmehr in dem Vorhandenen nach dem Guten sucht, was da ist, was sich fast überall findet; ich will diese Anschauung nicht dringend empfehlen, besonders nicht in allen Beziehungen, weil sie einen lähmenden Einfluss ausüben könnte, sie ist aber unter Umständen der Beachtung werth und sollte unserm Urtheil viel häufiger zu Grunde liegen als es geschieht. Was mich besonders irritirt hat, das sind die Klagen über die Entfernungen, die an Allem hinderlich sind und doch glaube ich, ging Häckel als er noch in Würzburg war, in 10 Minuten bequem von Hafenplatz oder wie die Gegend heißt, nach der Universität u. s. w. Mein Gedächtniss hat seine Schwächen, wie Du siehst. Es freut mich sehr, dass Du so hübsche Entdeckungen an den Krebschen gemacht und so gewiss eine nette Dissertation liefern wirst. Wann geht denn der Schwindel los? Halte Dich nur nicht zu lange dabei auf. Dass Du Virchow so selten siehst, ist nicht gut; wie steht es übrigens mit dem plexus? Hast Du nicht bestimmte Beobachtungen gemacht, die der Veröffentlichung werth? Die Sache scheint sehr wichtig zu sein, wie mir jetzt noch klarer ist als früher. Du schreibst, dass Virchow gefragt, warum ich nicht geschrieben? Ich freue mich über diese Frage insofern als Virchow damit gewissermassen mir die Erlaubniss zu schreiben zugesteht. Er wird nicht wieder fragen, sonst liegt die Antwort im Obigen. Ich habe die Hauptsachen aus meinen Nierenstudien in eine kleine Arbeit gefasst und an Virchow geschickt; Du wirst sie später sehen. Ueber das Leucin etc. habe ich nicht grade mehr Erfahrungen gemacht, sondern nur erweitert und bestätigt. Die letzte Zeit von Virchows Anwesenheit hier hat es ziemlich viel Arbeit gegeben, da wir fleissig die Sammlung geordnet haben und ich || eine nicht geringe Kenntniss von dem Mechanismus der Kataloge erlangt habe. Uebrigens kann ich Dich versichern, dass die Ferien, so wenig sie eigentlich für mich Ferien waren, mir unendlich werth gewesen sind, weil ich in Virchows Nähe gekommen bin und ihn nur mehr habe schätzen und lieben gelernt. Ausserdem habe ich ziemlich viele Sectionen gemacht, die Sammlung fast ganz kennen gelernt und habe mich ziemlich nützlich machen können, also Grund genug, um mit einer gewissen Freude an die Zeit zurückzudenken. Und dies Zurückdenken geschieht nicht so selten, denn die Gegenwart ist flau. Die Studentenzahl hat im Allgemeinen um wenigstens 100 abgenommen; wie viel daran auf Mediziner kommt, weiss nicht nicht, doch wol die Hauptzahl. Die Kliniken sollen übrigens recht voll sein, ebenso sind die Curse ziemlich besucht, Kölliker hat sogar 2 mikrosk. Curse. Das liess sich nicht anders erwarten, ich meine die Verminderung und um so mehr wundert es mich, dass Virchow in Berlin so wenig Zuhörer hat. Friedreich gefällt wie es scheint, bei den Studenten recht gut, er liest spezielle pathol. Anatomie vor einem ziemlich vollen Colleg und gibt eine 3stündig Demonstrat., 6stdg mikrosk. Cursus und hat beide ziemlich besetzt. Weniger scheint er übrigens den Kollegen zu behagen und hat er in der Beziehung offenbar eine sehr schwere und ungemüthliche Stellung, denn eigentlich wollen sie ihn alle nicht. Natürlich fehlt ihm auch die Erfahrung und die Sectionen sind grade nicht immer sehr befriedigend, aber wie würde es Anderen ergangen sein an seiner Stelle? Das wußte Jeder, dass Virchow nicht zu ersetzen sei. Natürlich schlagen nun überall pathologisch-anatomische Bemühungen hervor, Rinecker macht seine Sectionen selbst und erläutert in der physikalischen, wie Pneumonieen aus syphilitischer Blutkrase bei neugebornen Kindern von syphilit. Müttern entstehen; Bamberger fängt selbst an, Stücke von den Organen mit nach Hause zu schleppen und zu untersuchen und sogar der Dr. Beckmann liest einen Kurs über Nierenkrankheiten. Weiteres übrigens bei einer andern Gelegenheit. Die Assistentenstelle habe ich angetreten und plage mich jetzt im mikroskopischen Kurs mit den Leuten herum; übrigens hat Kölliker die Geschichte so eingerichtet, dass jeder von uns 2 mal da ist und so macht sich die Sache einigermassen weniger zeitraubend. Da werden kleine Vorträge gehalten, wobei ich natürlich im Sinne Köllikers sprechen muss, obgleich ich sonst in vielen Punkten kein Anhänger seiner histiologischen Ansichten bin. Eigentlich || ist man in der patholog. Histologie durch Virchow viel weiter und consequenter gekommenb als in der normalen. Umgang schwach, eigentlich gar nicht; hie und da bin ich eines Abends, wenn die Knochen faul sind, mit den Bremern zusammen, recht netten Leuten. Dreier arbeitet auch an einer Dissertation und untersucht dazu die Eihüllen der Wiederkäuer. Ich habe Kottmeier vorgeschlagen, einige Studien über den Einfluss der Leberarterie resp. die Ernährung der Leber im Verhältniss zur Secretion zu machen und werden wir hoffentlich in dieser Beziehung Einiges leisten. Die normale Ernährung der Organe müssen wir vor Allem kennen, um die pathologischen Sachen zu verstehen. Ich habe einige Versuche über Regeneration der Muskeln oder besser Heilung von Wunden in quergestreiften Muskeln gemacht, aber noch keinen Erfolg. Auch habe ich die Haare meiner Achselhöhle vorgenommen, an denen ich einige kuriose Knoten finde. Natürlich untersuche ich noch fleissig und genau die Nieren, so weit es geht. Kölliker arbeitet an elektrischen Organen usw., wie Du weißt; er ist sehr nett gegen mich. Call ist erst seit gestern wieder hier, er hat sich wie Du weißt, um die Assistentenstelle bei Friedreich beworben, es sind aber noch 3 Concurrenten, so dass man nichts bestimmen kann. Das Examen ist, glaube ich, morgen; Call wird Dir nächstens schreiben, er ist ganz wohl und munter. Leydig schreibt an seiner vergleichendenc Histologie, schließt sich ganz ab und kommt nur 3 mal wöchentlich, um seinen 9 Zuhörern Histiologie [!] zu lesen. – Wenn ich früher geschrieben hätte, bevor Du nach Stettin gereist, so würde ich oben an geschrieben haben: videatur, ne respublica (cor) detrimenti capiat! – Jetzt ist vielleicht das Dämonische „Zu spät“ anzuwenden, das Boner und ich in geheimnissvollem Doppelgeschrei öfter hervorbrachten. Das d sind vergangene Zeiten und einsam zermalme ich im Ochsen die harten Rindfleischfladen, um meinen Cadaver auf dem Damm zu erhalten. Einsam ferner geht er auf die Harmonie, um seinen Mokka zu schlürfen und spornstreichs nach Hause oder in das Stübchen auf der Anatomie, das durch Eroberung eines Tisches etwas menschlicher aussieht. Mein neues Logis gewährt mir den Vortheil einer entsprechenden Wärme, guten Bedienung, abendlicher Besuppung und Abgeschiedenheit von der Welt, Aussicht auf einen Garten und andrerseits auf Virchows frühere Wohnung, Nähe der Harmonie und Lage im nobelsten Theile der Stadt. Was will der Mensch mehr?

Uebrigens siehst Du, dass das Papier meinen löblichen Bestrebungen ein Ende macht?

Ich bitte Deinen werthen Eltern meine ergebenste Empfehlung zu machen und wenn Du es nicht schon gethan, Deinem Vater meinen Dank für seine große Freundlichkeit auszusprechen

Im Uebrigen Dein Beckmanne

a gestr.: ziemlich; b korr. aus: gegangen; c gestr.: patholog.; eingef.: vergleichenden; d gestr.: ist; e Text weiter am linken Rand quer zur Schreibrichtung: Ich bitte Deinen … Dein Beckmann

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-11-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7818
ID
7818