Becker, Daniel Georg

Daniel Georg Becker an Ernst Haeckel, Heppenheim, 11. Februar 1907, mit Beischrift von Rosa Becker

Verehrter Freund.

Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihre liebe Sendung.

Die Verzögerung meiner Antwort basiert darin, daß ich bezüglich der Wanderbilder an einen wohlhabenden Freund, ein (nach Heine) „schwammiger Commerzienrath“ aber sehr wohlthätiger Mensch, schrieb „er möchte sich auf die Wanderbilder abonnieren.“ Da könnte ich sie doch leihweise zu sehen bekommen, da er ja wüßte daß ich nicht in der Lage, sie mir anzuschaffen.

Der „Monismus“ wird noch, wie Nansens „Fram“, in der Polarnacht der Gedankenlosigkeit seine liebe Noth haben, bis er mit seinen vernunftgepanzerten Eisenrippen die Massen des durch Lethargie aneinander gekitteten Treibeises durchstampft und durchsägt hat! Möge ihm mühevoll || gebrochene Rinne nicht wieder hinter dem Steuer zusammenfrieren“!

Der Wissende eilt seiner Zeit voraus! Der Nimbus der Anerkennung entwächsta erst mit dem Quadrate der Entfernung dem Grabe des Propheten! O! Die armen Erdenläuschen! Selbstrotzend kleiden sie sich in das Grüngold der Hoffnung, zufrieden, wenn sie sich auf ihrer Mutter Rücken ernähren und vermehren können!

Die Gesellschaft des inneren Reichstages wird uns im Laufe seines Bestandes wohl 120 Millionen Steuern kosten.

Das Überhandnehmen der Erdparasiten fordert gebieterisch den Untergang der noch ohne Kultur gedeihenden Räume. Sowie im Pflanzenreich zur Erhaltung der Arten die größte Pollenverschwendung herrscht, so im Thierreich vom Beginn der Zellentheilung an, bis hinauf zur geschlechtlichen Befruchtung! || Chwolson haben Sie gut heimgeleuchtet!

Ich, als Laie, hätte es kürzer machen dürfen. Etwa so „Ich danke Herrn Chwolson bestens, dafür, daß er mir bei der öffentlichen Erklärung meiner Nichtcompetenzb in Physik und Chemie behülflich war, und bestätige ihm hiermit dankend, daß ihm die Vertiefung in die anderen Disziplinen, einschließlich derjenigen der Lebensart, noch vollkommen abgeht!

Da meine Tochter Rosa, meine Versorgerin auch beschreiben will, räumt den Platz auf dem Papier

Ihr Sie verehrender

Freund

D. G. Becker. ||

[Beischrift von Rosa Becker]

Heppenheim/B.

11.II.07.

Sehr geehrter Herr Professor!

Hiermit entbiete ich Ihnen herzlichen Gruß u. Dank für den interessanten Lesestoff, über welchen sich mein Vater alsogleich hergemacht hat. Er war für die nächsten Stunden blind u. taub für alles Andre! Ihr Bild auf der Postkarte habe ich Vater ausgeführt u. in meinem Zimmer an den Spiegel gesteckt u. da schaut es so gemütlich in die Welt, daß ich ordentlich Lust bekomme, Ihnen mal eine lange Epistel zu schreiben, für heute sind Sie aber noch von dem „Unglück“ verschont. Etwas muß ich Ihnen noch erzählen: Die Zwillinge, von denen ich Ihnen damals schrieb, sind Beide verheiratet, Eine im Schwarzwald, Eine in Karlsruhe, die Freundschaft der Letzteren ist eingerostet, wir hören nichts mehr von ihr, die Erstere ist treu, ich habe sie Weihnachten besucht. Die Mutter, meine liebe Freundin, ist 6 Tage nach der Hochzeit ihrer Letzten gestorben u. das geht mir heute noch nach.

Darüber möchte ich Ihnen mal einen langen Brief schreiben, muß aber erst die dazu gehörige Muße abwarten.

Mit herzlichem Gruße

Ihre

R. Becker.c

a korr. aus: wächst; b korr. aus: Nichtkompetent; c Text weiter am linken Rand von S. 4: Darüber möchte … Ihre R. Becker.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
11.02.1907
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7746
ID
7746