Bessels, Emil

Emil Bessels an Ernst Haeckel, Washington D. C., 10. September 1875

Smithsonian Institution

Washington, D. C. 10/IX/75

Mein lieber Herr Professor.

Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen, die irgendwo liegen geblieben zu sein scheinen und erst vor einigen Tagen in meinen Besitz gelangten. Mittlerweile werden Sie von meiner Mutter einen Brief erhalten haben, denn so möchte ich schliessen, da die Anzahl der von Ihnen gesandten Seperatabdrucken geringer war als die der Adressen, die ich nach Heidelberg sandte. Ich schrieb sofort bei dem Empfange des Briefes und nun ist Alles in Ordnung. Wie ich aus dem letzten Berichte der Commission zur Untersuchung der Deutschen Meere ersehe, hat auch Eilhard Schulze den Rhizopoden kurza beschrieben u. schlecht abgebildet. Wahrscheinlich wird Ihnen die Figur in die Hand gekommen sein.

Es freut mich zu hören, dass Sie soeben die || dritte Auflage Ihrer Anthropogenie unter der Feder haben. Sie sagen das Buch habe „colossal gewirkt“ und ich: nicht nur drüben sondern sogar hier zu Lande, in dem frommen, quäkerhaft-streng-puritanisch-verstockten-wassertrinkenden Amerika. Das Bild des Autors über den verschiedensten Zeitschriften zu finden. Ja, Sie haben hier in Washington eine schöne Verehrerin, die, eine gewisse gottlose Blaustrümpfigkeit abgerechnet, recht niedlich ist und einen äusserst scharfen Verstand besitzt. Sie legt sich mit Ihnen, beziehungsweise Ihrer Schöpfungsgeschichte zu Bett und steht mit derselben auf; beinahe jeder ihrer Athemzüge ist Häckel u. Häckel, so dass die Affaire, wenn Sie in grösserer Nähe wären, unter Umständen eine ganz bedenkliche Färbung annehmen könnte, um so mehr, als die schöne Frau eher liberale Ansichten vom Leben hegt.

Ich werde Ihnen nächstens einen kleinen Beitrag für die Zeitschrift schicken, der jedoch nicht zoologisch sondern physikalisch ist und über „Wärme-Radiation der Sonne unter hohen Breiten“ handelt. Die Sache dürfte aber mehrb für den Botaniker von nicht geringem Interesse sein, da ich sonderbarer Weise || finde, dass die directe Strahlung mit der zunehmenden Breite an Intensität gewinnt. Hindert Sie nichtc der grosse Procentsatz von Zahlen den Aufsatz aufzunehmen, der die ersten auf directer Beobachtung beruhenden Daten enthält, so würde Freund Schäffer vielleicht die Güte haben die Correctur zu lesen. Ich werde mir gleichfalls erlauben wieder einige Photographien, wie eine kleine Sendung an Costenoble beizulegen, da ich das Paquet durch sichere Gelegenheit (nicht per Post mit welcher mir Verschiedenes verloren ging) schicken kann. Sollten Sie Zeit finden, so möchte ich Sie bitten die Aufsätze ein wenig zu betrachten u. mir zu sagen was Sie davon halten. Es sollend 17 an der Zahl werden, von eben so vielen Vignetten u. einer beschränkten Anzahl von Kupferstichen begleitet. Ich habe mein Bestes gethan den spröden Stoff in eine gefällige Form zu bringen, allein die Behandlung macht riesige Schwierigkeiten, da es unserer reichen Sprache thatsächlich an Worten gebricht, um welche kein Polarbewohner verlegen wäre. Sie haben nichts als Schnee, Eis, Sonne, Mond u. Himmel und sollen daraus ein Bild machen.

Falls ich im Laufe des Winters nach Europa kommen sollte, so werde ich sicherlich Ihrem wohlgemeinten || Rathe folgen und einen Brytonischen Lebensretter mitnehmen. Jedenfalls werde ich Sie nach glücklicher Ueberfahrt besuchen. Inzwischen leben Sie wohl.

Mit den besten Grüssen

Ihr

eiliger u. treu ergebener

Emil Bessels.

a eingef.: kurz; b eingef.: mehr; c eingef.: nicht; d gestr.: werden, eingef.: sollen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10.09.1875
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7526
ID
7526