Bertheau, Georg

Georg Bertheau an Ernst Haeckel, Karlsruhe, 15. Februar 1894

Karlsruhe 15 Febr. 94.

Lieber alter Freund.

Et tu, Brute ? Auch Du feierst morgen Deinen 60 ten Geburtstag! Soll man eigentlich dazu gratuliren oder condoliren , oder Beides? Gratuliren , weil Du 60 Jahre in voller Kraft & meist in guter Gesundheit gelebt hast, oder condoliren , weil Du schon 60 Jahre & zwar weitaus die schönsten & besten hinter Dir hast ? Nimm es auf, wie es gemeint ist, lieber Alter, von Herzen!

Durch Zeitungen erhielt ich die Nachricht Deiner bevorstehenden Feier & will ich nicht zurückbleiben hinter Andern, Dir dazu Glück zu wünschen, d.h. zu der Anerkennung, die Du von allen Dir || nahe oder ferne Stehenden erlangt hast. Viele Steine sind Dir in Deinem Leben von mißgünstigen & beschränkten Menschen in den Weg geworfen worden. Sie haben es aber nicht dahin gebracht, Deinen Namen aus der Kulturgeschichte zu streichen, sondern er wird fortleben bis in entfernte Zeiten.

Seit wir uns zuletzt auf wenige Minuten sahen, damals vor 2 Jahren auf dem Bahnhof von Lugano, hat sich bei mir Manches geändert. Damals war ich auch 60 Jahre alt geworden, aber abgeschafft, todtmüde & glaubte bald fertig zu sein. Seitdem ich aber hier wohne, im eigenen schönen Hause mit Garten, dicht am Hochwald, fange ich wieder an aufzuleben. Nur Ruhe brauche ich noch, viel Ruhe. ||

Meine Frau läßt Dich freundlichst grüßen & auch ich bitte, mich den Deinigen zu empfehlen.

Mögest Du noch viele Jahre in Kraft & Rüstigkeit hinbringen, zum Wohle für Dich, Deine Familie & die Wissenschaft. Dies wünscht in alter Liebe & Treue

Dein

G. Bertheau

Führt Dich einmal Dein Weg hier vorbei, so vergiß nicht bei mir vorzusprechen und – wenn es Dir paßt , einige Tage bei mir zu verbringen.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7489
ID
7489