Bertheau, Georg

Georg Bertheau an Ernst Haeckel, Würzburg, 18. Oktober 1852

Die Nachricht, daß Du Dich endlich definitiv entschlossen hast, hierherzukommen, lieber Ernst, hat mich natürlicherweise sehr gefreut; es wird Dich gewiß nicht reuen, einige Deiner ersten Semester auf einer kleineren & noch dazu süddeutschen Universität, die außerdem so viele Vortheile bietet, zuzubringen. Deine Aufträge habe ich so gewissenhaft wie möglich besorgt. Deine Wohnung ist I District, No 293 bei Dr. Altheim; sie entspricht den Bedingungen, die Du gestellt hast, vollständig, bis auf Einen Punkt: Esa ist nämlich nur ein Zimmer, aber geräumig; die meisten Studirenden haben nur Eines, das vollkommen ausreicht; Du weißt ja selbst, in Berlin hatte ich mit meinem Bruder nur Eins zusammen & wir sind ganz gut ausgekommen; es istb parterre (erhöht), in einem neuen, gesund ge- || legenen, ganz trockenen Hause, mit der Aussicht auf c Garten & Straße; Zugwind kann, wie ich mich hinlänglich überzeugt habe, nie entstehen. Daß es hell ist, versteht sich von selbst. Es liegt 12 Schritte von der neuen Anatomie, ebenso weitd von mir, gegenüber vom Juliusspital; von der Universität liegt es 10 Min. ab; allein Du wirst wohl Dich wenig genug dort aufhalten. Außerdem glaube ich, daß es besser ist, Du hast ¼ Min. zur Anatomie 2 x des Tags hin und zurück zu gehen & ein Mal 10 Min. zur Universität, als 2 x 5 Min. zur Anatomie, & ein Mal 5 Min. zur Universität. Wenn Du die Rechnung nach rechnest, wirst Du für den ersten Fall ein Plus von 10 Min. erhalten.

Das Haus bietet noch andere Vortheile. Die Hausfrau scheint thätig & sorgsam; der Hausherr ist Arzt; sein Zimmer stößt an Deines; außerdem stellt er Dir, was auch nicht zu verachten, || seine Bibliothek zur Verfügung, wie er mir selbst angeboten hat. Das Sopha ist lang genug um Dich bequem darauf zu legen; der Ofen heizt gut, versichert die Frau. Du siehst also, daß ich mich ziemlich genau erkundigt habe. Fast hätte ich vergessen, daß den ganzen Tag über kein Wagen die Straße befährt, daß es also ganz ruhig ist; schön ist sie freilich nicht; allein die schöneren Gegenden der Stadt liegen meist weit ab. Der Preis ist 7 f 30 (incl. Bedienung). – Was den Sitzplatz bei Kölliker betrifft, so brauchst Du keine Angst zu haben; der neuee Saal wird Plätze genug haben; doch werde ich zum Ueberfluß morgen mit Kölliker‘s Assistenten sprechen & mit Kölliker selbst, sobald er angekommen ist; ich habe von Braun Empfehlung an ihn, so daß er mir wohl im Nothfalle Etwas zu Gefallen thun würde.

Als guten Gasthof empfehle ich Dir den Würtemberger, || ich werde Dich aber selbst auf der Post abholen & dafür sorgen, daß Du augenblicklich einziehen kannst. Gut wirst Du thun, wenn Du Deine unentbehrlichen Sachen mit Dir führst, da Du vielleicht 8 Tage oder länger auf Dein Gepäck warten mußt, besonders wenn Du es per Spediteur schickst.

Ich glaube jetzt Alles gesagt zu haben, was Du vor der Hand zu wissen brauchst, soweit ich Dir damit dienen kann. Empfiehl mich Deinen Eltern auf‘s Beste u. versichere sie, daß ich mich Dir nach Kräften behülflich zeigen werde. Deinem Bruder und dessen Fräulein Braut (alias Frau Gemahlin), die ich leider f persönlich zu g kennen nichth die Ehre habe, hier wäre fast ein „Sinn entstellender Druckfehler“ mit untergelaufeni, überbringe meine herzlichsten Glückwünsche. In einer Woche –

Au revoir

Dein Georg

Würzburg den 18. Oct. 1852

a korr. aus: Sie; b korr. aus: list; c gestr.: Hof; d gestr: viel; eingef.: weit; e eingef.: neue; f gestr.: nicht; g gestr.: kennen; h eingef.: nicht; i mit Einfügungszeichen eingef.: hier wäre […] untergelaufen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-10-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7487
ID
7487