Bertheau, Georg

Georg Bertheau an Ernst Haeckel, Würzburg, 9. Oktober 1852

Erst heute empfieng ich Deinen Brief, lieber Ernst, & beeile mich, Dir gleich Antwort zu geben; er wurde mir von Hause nachgeschickt. Ich hoffe, Du hast meinen ersten Brief, der ungefähr um dieselbe Zeit geschrieben wurde, als der Deinige, jetzt erhalten. Die Adresse ist etwas ungenau, weil ich den Zettel, worauf ich die verschiedenen Adressen meiner berliner Freunde geschrieben, verlegt oder verloren haben [!]. Sollte er Dir nicht zugekommen sein, so bitte ich Dich, ihn auf der Post abzuholen oder Dich zu erkundigen, was aus ihm geworden. Die Aufschrift lautet: „An Hrn. E. H. zu B., vor dem Brandenburger Thor, vis à vis Kroll“.

Mit dem, was Du mir über die hiesige Anatomie geschrieben, hat es allerdings seine Richtigkeit. Kölliker‘s Hörsaala z. B. besaß Sitzplätze höchstens für 40; nun hatte er aber über 100 Zu-||hörer, von denen die meisten im sogenannten Café Kölliker, das die hintere Hälfte desselben Saales einnimmt, & wo geraucht & geschlafen wurde je nach Belieben & Bedürfniß, ihr Unterkommen fanden. Hören konnte man da b wohl, aber Nichts sehen, besonders da Kölliker die üble Gewohnheit hat, Alles an die Tafel zu zeichnen. Wer daher Etwas sehen wollte, mußte schon vor ¾ an Ort & Stelle sein. Aehnlich verhält es sich mit dem Secirsaal, der ebenfalls zu klein ist. Dies Alles fällt jetzt durch den Bau der neuen Anatomie wegc, die mit Beginn des Kurses, spätestens in den ersten Wochen desselben geöffnet wird. Der Saal wo Vorlesung gehalten wird, ist sehr geräumig, 3 x so groß als der frühere, & wird – wenigstens nach den auf dem Boden mit Bleistiftd gezogenen Halbkreisen zu urtheilen – seine gehörige Anzahl Bänke erhalten. Ebenso ist der neue Secirsaal wohl geräumig genug. Dies Bedenken würde also || ziemlich wegfallen. – Chemie wirst Du wohl auch hören; wie es damit in Jena steht, weiß ich nicht; hier befindet sich ein vorzüglicher Chemiker, Scherer, von dessen Analysen Du gewiß schon gehört hast. – Histologie hält ein sehr geschickter junger Privatdozent Dr. Leydig, den ich nebenbei bemerkt, auch frequentiren werde. – Was die Zoologie betrifft, so ist die bei Leiblein, einem alten Manne, schlecht bestellt; ich habe aber gehört, daß der eben erwähnte Leydig, wenn siche Zuhörer genug melden, ein Colleg über Zoologie lesen wird, das jedenfalls weit besser ausfallen wird als das von Leiblein. – Was die Botanik betrifft, so kannst Du allerdings nirgends sie besser hören als in Jena.

Ich hoffe, Dir so unpartheiisch als möglich geschrieben zu haben, obgleich ich nicht verhehlen kann, wie sehr ich bei Deinem Entschlusse || interessirt bin; ich hatte mich schon darauf gefreut, daß unsre kaum begonnene, noch in der Kindheit begriffene Freundschaft hier recht brav aufwachsen u. blühen sollte. Dein Vortheil muß aber all‘ dem vorgehen; was Du nach reiflicher Ueberlegung für gut hältst, mußt Du natürlich thun. Nur Eines bitte ich Dich mit in die Wagschale zu legen, was gewiß Dir und Deinen Eltern nicht gleichgültig sein wird: Jena ist anerkanntermaßen die roheste deutsche Universität; den dort herrschenden Ton habe ich durch Bekannte, die dort studirten, genügend kennen lernen; dies ist besonders für einen jungen Mann, der noch in den ersten Semestern steht, wohl zu erwägen.

Den Katalog der Vorlesungen lege ich bei. Im Uebrigen verweise ich Dich auf meinen vorigen Brief. Vergiß nicht, mich Deinen Eltern zu empfehlen. Ich hoffe, Dich bald hier willkommen zu heißen

Dein

Georg Bertheau

Würzburg 9 Oct. 1852.

P. S. Die Collegien fangen hier erst Ende des Monats oder 1 Nov. an; Du wirst aber wohl daran thun, so bald als möglich hier einzutreffen.f

a hier irrtüml.: Horsaal; b gestr.: Nich; c eingef.: weg; d eingef.: mit Bleistift; e eingef.: sich; f Text weiter am Seitenanfang: P.S. […] einzutreffen.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-10-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7486
ID
7486