Bertheau, Georg

Georg Bertheau an Ernst Haeckel, Würzburg, 4. Oktober 1852

Würzburg 4 Oct. 1852

Seit einigen Tagen befinde ich mich hier, & beeile mich, da ich jetzt für einige Zeit zur Ruhe gekommen bin, Dir, mein lieber künftiger Leibfuchs, Nachricht zu geben. Ich hoffe, es hat Nichts Deinen Plan, nächsten Winter hier zuzubringen, gekreuzt; auf jeden Fall denke ich, wirst Du mir bald antworten, wie es sich damit verhält. Wie ist Dir Deine Badekur bekommen? Und wie befinden sich unsre Berliner Freunde? Hast Du von Althans, Hauchecorne und Kremers Etwas vernommen? Aufa Alle diese Fragen hoffe ich bald in einigen Zeilen Antwort zu erhalten; die Details kannst Du mir mündlich nachtragen. Ebenso erwarte ich von Dir Auskunft über Bulle, Joup & Neuhaus. Den schönen Kreis, in dem ich letzten Sommerb || zubrachte, habe ich oft, sehr oft vermißt; das wirst Du, der auch zu diesem Kreise gehört, & bei allen unsern Zusammenkünften gegenwärtig war, mir leicht glauben. Die letzten 7 Wochen war ich fast lediglich auf meine Familie beschränkt; daß es da, bei dem unersetzlichen Verluste, den wir erlitten hatten, oft traurig genug zugieng, kannst Du Dir leicht vorstellen; ich brachte es nur mit großer Mühe dahin, daß c mich meine Eltern 3 Wochen vor Beginn des Semesters von Hause fortließen; ohne das Beispiel mehrerer meiner Mannheimer Bekannten – Mediziner, die Du hier auch kennenlernen wirst, sehr nette Leute –, die zu gleicher Zeit mit mir von Hause hierher abreisten, wäre es vielleicht gar nicht dazu gekommen. Unterwegs, auf meiner Reise von Mannheim hierher benützte ich die Gelegenheit, Einen meiner || besten Freunde, mitd dem ich ine Heidelberg sehr intim gestanden hatte, auf seinem Gute zu besuchen & verlebte da einige glückliche & sehr vergnügte Tage. – Hier habe ich mich jetzt schon einigermaßen eingelebt & sitze den Tag über fleißig auf der Anatomie. Ad vocem Anatomie: Es ist jetzt ein neues Anatomiegebäude hingestellt worden, das in c. einem Monat bezogen werden wird; das alte ist sehr häßlich & stinkt wie besessen. Doch zu unserem Geschäft!

Unsrer Verabredung gemäß soll ich für Dich ein Logis suchen. Dazu muß ich aber zuvor wissen, ob Du definitiv hierher kömmst, welche Ansprüche Du machst & wie viel Du verwenden willst. Die Wohnungen sind hier schlecht genug, aber nicht besonders theuer. Ein anständiges Wohnzimmer mit Cabinet würde ungefähr 8 fl, ohne Cabinet 6–7 fl kosten. Natürlich wirst Du, wie ich, in der Nähe des Juliusspitals || wohnen wollen. In meinem Hause z. B., das ganz nahe liegt, sind in 3–4 Wochen mehrere Zimmer frei; ich habe sie aber noch nicht einsehen können, weil sie noch bewohnt sind. Ueber alle Punkte, die ich Dir nannte, hoffe ich baldigst Antwort zu erhalten, da in 14 Tagen eine Masse Studenten hierherkommen & alle guten Wohnungen uns vor der Nase wegnehmen werden. Vergiß auch nicht, mir die Adresse unserer gemeinschaftlichen Freunde zukommen zu lassen; ich habe den Zettel, worauf sie standf, verloren; doch wird hoffentlich die Aufschrift dieses Briefes genau genug sein, um an ihren Adressaten zu gelangen. Grüße alle unsre Freunde, die sich gegenwärtig in Berlin befinden & bitte Bulle, ein Ditto bei Dr. Ohrtmann zu besorgen. Zugleich möge er Ohrtmann fragen, ob er wisse, was aus der Lithographie von Neuhaus geworden ist, die mir mit mehrern andern Sachen nachgeschickt werden sollte, die aber nicht ankam. Findet sie sich vor, so soll sie mir Jemand aufheben; wo nicht, bitte Neuhaus, mir eine zu reserviren, bis ich sie nächstes Jahr abhole. Lebe wohl, lieber Junge; ich vertraue auf baldiges Wiedersehn.

Dein Georg Bertheau

P. S. Grüße mir Aennchen.

Meine Adresse ist: District I No 283½ bei Controlleur Späth

a eingef.: Auf; b Verdopplung: Sommer; c gestr.: ich; d eingef.: mit; e eingef.: in; f gestr.: en

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-10-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7485
ID
7485