Berger, Anton

Anton Berger an Ernst Haeckel, Graz, 27. August 1905

Graz, 27.8.05.

Lieber Herr Professor!

Ihr Schreiben hat mich sehr erfreut und ich erlaube mir hier dafür meinen besten Dank abzustatten. Mein herzlichsten Dank bitte ich Lieber Herr Professor für das klassische Bild entgegenzunehmen. Daß die „Herrschenden“ noch immer die Wissenschaft so drücken, das ist sehr traurig (sie wissen auch ganz gut, warum sie es tun).

Bei uns stehen die Verhältnisse genauso, wie sie in Deutschland etc. vor Erscheinen der „Generellen Morphologie“ standen. Man möchte glauben eine Universität sei eine Akademie, ein Heim der Wissenschaft, doch bei uns ist sie dies nicht, sondern eine Trillanstalt.

Wir haben z. B. schlagende Beweise von der Anwesenheit des Diluvialmenschen in unseren steierischen Höhlen doch es kümmert sich kein Mensch darum. Ich möchte sagen wenn die xxx der Fragen nicht interessirt, was soll denn dann interessieren? –

Wenn man die Arbeiten z. B. aus dem zool.-anat. Institut ansieht, so graut einem. Was will denn z. B. heute jemand mit der bloßen Beschreibung eines Tieres, wenn er nicht erkennend in den Bau desselben eindringt od. einzudringen versucht. ||

Am traurigsten ist es bei uns mit Geologie bestellt. Ein hiesiger Geologie-Professor sieht seine Aufgabe als erledigt an, wenn er z. B. sagen wir um eine Gebirgsgruppe aufzunehmen verschiedene Aufschlüsse (Steinbrüche etc.) besucht uma sich Steinchen, fallen. Unrichtigkeit, Fossilienvorkommen, Gesteinsbeschaffenheit etc. notiert den Ort in die Karte eingezeichnet zu Hause dann das Profil (halberdacht) konstruiert etc. das ganze große Werk erscheint dan b in den Jahrbüchern der Geol. Reichsanstalt Wien. –

Ja was will er dann mit dem allen, wenn er nicht untersucht, warum die Sache gerade so ist, und nicht anders wie die Sache entstanden ist etc. Diese Art der Arbeit ist ja keine Geologie sondern eine Geographie.

Nun kann man sich leicht denken, welchen Aufschwung die Phylogenie erreichen kann wenn in die Geologie so gearbeitet wird. Natürlich für die Phylologie können die jetzigen Geologie-Professoren so nichts leisten obwohl es ihre Sache auch wäre, weil sie viel zu wenig biologische Kenntnisse haben. Ja ich möchte sagen sie wissen nicht einmal was ihre Aufgabe ist.

2 Jahre suche ich schon nach der „Syst. Phyl.“ Herum, doch ich kann dieses Prachtwerk nicht bekommen, ich würde mich glücklich schätzen sie studieren zu können.

In der hiesigen Universitätsbibliothek konnte ich sie nicht bekommen, was ich nicht begreife, die anderen Bibliotheken haben das Werk auch nicht. – ||

Da ich nicht über soviel Geld verfüge, was sie kostet, so muß ich nur leider warten bis ich einmal in die Lage komme sie mir zu kaufen gewiß sehr traurig. –

Werke wie zum Beispiel von „dem berühmten Reichert“ sie sind schon vorhanden, oder z. B. von anderen Leuchten der Wissenschaft wie Goette, Dennert, etc.

Also solcher Schund (ich glaube so sagen zu dürfen) wird angekauft.

Bei uns ist es heute auch noch so wie zu Deublers Zeiten.

Man kann sich nur mit dem trösten: „Es ist schon leichter geworden, wird aber noch leichter werden.

Ich werde also, lieber Herr Professor den Rat, den Sie so liebenswürdig waren mir zu geben befolgen und mich zum Lehrer für xxx ausbilden. Und mein Hauptgebiet nebenbei betreiben, denn es wäre doch niederträchtig, das was schon gewonnen sinken zu lassen, aber nein das gibt’s nicht.

Indem ich mir nochmals meinen Dank auszusprechen erlaube

zeichne ich von Dankbarkeit und

Verehrung erfüllt

ergebenst

Berger, Anton

Angergasse 19 V.

H: EHA Jena, Sign.: A 7388. – 1 Dbl., 20,75 x 33,7 cm, egh. Br., 3 S. beschr., Besitzstempel, Anstreichungen mit blauem Stift, nachträglicher Vermerk Haeckels auf Seite 1: „Berger! (50 Mk) | (Anton)“.

a eingef.: um; b gestr.: den

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27.08.1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7388
ID
7388