Berger, Elise

Elise Berger an Ernst Haeckel, Cannstatt-Stuttgart, 14. Februar 1917

Kgl . Wilhelma .

Cannstatt-Stuttgart.

14. II. 1917.

Lieb er hochverehrter Herr Professor!

Vor allen Dingen unseren herzlichsten & innigsten Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag. Möge Ihnen das neue Jahr nur Gutes bringen, besonders Gesundheit. Wie schnell doch die Zeit vergeht, wir denken so oft an Ihren ersten Besuch bei uns anlässlich Ihres 70 sten Geburtstages, als Sie sich nach Rapallo flüchteten! Ihre schönen Aquarelle, die unser Speisezimmer schmücken sind eine wertvolle Erinnerung an diesen Tag.

Ihren lieben langen Brief haben wir mit grosser Freude empfangen und danken Ihnen vielmals dafür. Was Sie uns von Ihren neugeordneten Sammlungen erzählen interessierte uns lebhaft & werden wir bei der ersten Gelegenheit Herrn Prof. Ziegler davon erzählen. Wir wohnen so weit von ihm, dass wir erst eine Begegnung arrangieren müssen, denn sonst fahren wir || umsonst über eine Stunde Strassenbahn !

Die für uns ganz ungewohnte Kälte haben wir gut überstanden, besser als das milde Matschwetter im vorigen Jahr. Wir hatten es aber nicht so kalt wie Sie – tiefer a als 19° Celsius sind wir nie gekommen. Der Neckar war jedoch fest zugefroren. Unsere Kinder haben nun zum ersten Mal alle Winterfreuden so recht geniessen können, besonders da sie seit 14 Tagen „Kohlenferien“ haben. Ich weiss nicht wer sich mehr darüber freute, die Eltern oder die Kleinen. Fritz lernt Schlittschuh laufen, Verna ist aber keine Freundin vom frieren & besonders entzückt ist sie nicht vom Wintersport. Sie hat ganz tüchtige Frostbeulen an ihren Füsschen . –

Vor acht Tagen, als es gerade am Kältesten war, wurden wir Nachts 2 Uhr durch Sirenengeheul & Kanonenschüsse geweckt: Fliegergefahr!! Da hiess es eiligst aus den warmen Betten in den Keller was weniger angenehm war. Zum Glück haben wir seit Januar das ganze Haus & so zogen wir in die untersten Räume wo ein Ofen brannte. Zwei Stunden verbrachten wir in der Dunkelheit, bis das Wiedererscheinen der Strassenbeleuchtung und das Läuten sämtlicher || Glocken uns ankündigte, dass die Gefahr vorüber ist. Die Flieger waren nur bis Karlsruhe gekommen. Vor so etwas sind Sie in Jena bewahrt aber dennoch beneiden wir Sie dort nicht. Man erzählt uns Schreckliches vom Lebensmittelmangel in Nord- & Mitteldeutschland. Heute war Herr Schmidt aus Erfurt bei uns & schilderte uns die Zustände in Leipzig etc. Da leben wir ja im grössten Überfluss (!) im Vergleich mit Ihnen!

Hoffentlich währt der Krieg nicht mehr lang. Unsere U. Boote werden die Gesellschaft schon eines Besseren belehren! Oft bezweifle ich, ob es uns glücken wird England zum Frieden zu zwingen. Hier hört man oft deutlich den Kanonendonner vom Elsass & den Vogesen herüber.

Herrn Roth (Villa Hindone ) geht es leider immer noch sehr schlecht. Er liegt seit Monaten in einem Sanatorium in Oberstdorf. Die Villa ist von franz. Soldaten besetzt, es sollen sogar Kolonialtruppen sein. Auch das Sanatorium Gorbio ist vollständig zerstört, da es einer deutschen Gesellschaft gehörte. Wir hören nichts von Hanburys & an eine Anbahnung & Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen ist in diesem kritischen Augenblick nicht zu denken. Es wird am 21ten d. M. 2 Jahre, dass wir Mortola verlassen mussten. Nun sind wir gute „Schwaben“ geworden und träumen nur noch von den Schönheiten des Mittelmeers.||

Von Frau von Tobold (Prof. Strasburger’s Tochter) erhielt ich unlängst die Anzeige, dass sich die jüngste Tochter mit einem Hauptmann Kriegstrauen hat lassen. Ob der Sohn b Prof. Strasburger jetzt wieder in Frankfurt ist weiss ich nicht, er war lange Zeit im Feld tätig.

Und nun, lieber Herr Professor, habe ich Ihnen so ziemlich A lles, was Sie interessieren könnte, erzählt, denn mein Mann will auch ein Briefchen beilegen. Nochmals herzlichste Wünsche, feiern Sie einen schönen Geburtstag wir werden an Sie denken & eine Tasse Thee auf Ihr Wohl trinken – denn was anderes gibt es nicht.

Seien Sie vielmals gegrüsst c

Ihre treu ergebene

E. Berger .

a gestr .: höher; eingef .: tiefer; b eingef .: der Sohn; c gestr .: von

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7383
ID
7383