Berger, Alwin

Alwin Berger an Ernst Haeckel, [Stuttgart, 16. Februar 1917]

Hochverehrter Herr Professor!

Die allerherzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage! Möge Ihnen ein gütiges Geschick weiterhin die olympische Gesundheit erhalten, deren Sie sich bisher erfreuten, trotz aller Unfälle. Hoffentlich bringt uns das neue Jahr bald den ersehnten Frieden, denn der Krieg und die furchtbare Notlage des Reiches lassen einen zu keiner Ruhe kommen. Man lebt immer in einem aufgeregten Zustand. Gott sei Dank, dass es wenigstens endlich zu dem lang ersehnten U-Bootkrieg gekommen ist. Der wird hoffentlich die Gesellschaft klein bekommen. Auch Amerika wird uns kaum gefährlich werden. Seine wahre Stellung hat es nun enthüllen || müssen. Das eben ist die Segnung einer mutigen klaren Tat, dass sie sofort ihre reinigende Wirkung zeigt. Das sehen wir nun an dem Verhalten aller Neutralen und auch im Innern ist das Volk mit einem Male fest und einig.

Der Krieg ist ja eigentlich schon längst entschieden, nur weigern sich die Feinde es vor sich öffentlich einzugestehen; aber hinauszuhaltena vermögen sie die Sache eben noch lange. Unser Bestreben muss es eben sein, die Leutchen zu dem unbequemen Eingeständnis ihrer Niederlage zu bringen. Das kostet uns freilich noch Anstrengungen.

Der Sieger aber wird in den Augen der Welt ein ganz enorm gesteigertes || Ansehen gewinnen. Und Englands Prestige wird und muss abblättern! Das wird sie am meisten schmerzen, denn die Scharteb auszuwetzen, wird es an allem fehlen.

Wenn ich auch in früheren Jahren diesen furchtbaren Kampf kommen sah, so meinte ich doch er sei einer fernen Zukunft vorbehalten. Nie hätte ich geglaubt, dass wir es erleben würden.

Für mich bedeutet die Kriegszeit trotz in mancher Hinsicht gesteigerten Betriebes, doch eine Zeit der Ruhe. Ich habe daher allmählich meine botanischen Neigungen wieder aufleben lassen, habe Rhipsalis und allerlei andere hygrophile Kakteen gesammelt und habe jetzt mit einem Verleger in Berlin eine vorläufigec d Abmachung getroffen, || dass ich ihm ein Buch über Palmen, hauptsächlich Palmen der Gärten, nach dem Kriege schreiben werde. Ich bin nun daran alles Erreichbare über Palmen zu sammeln und benutze hier fleissig das botan. Museum mit dem Cardinalbuch von Martius. Da ich schon lange für Palmen eine besondere Neigung hatte, geht die Sache ohne Schwierigkeit. Über die Palmen Ceylons und Insulindes finde ich wohl auch noch manches, das allgemein interessieren wird in Ihren Werken, die ich in La Mortola noch habe. Wenn Sie die grosse Güte haben wollten, aus Ihrem Schatz von Photograpien, das eine oder das andere mir freundlichst zu überlassen, würde ich sehr dankbar dafür sein und es mir als eine hohe Ehre anrechnen, wenn diese mein Buch schmücken würden. Etwaige Notizen und Zeichnungen würde ich gern bitten copieren zu dürfen. ‒Ausserdem habe ich für ein grosses 5bändiges Handbuch der Gartenkultur einige Kapitel übernommen, so dass ich wieder gehörig tätig sein kann.

An meine Amtsgeschäfte gewöhne ich mich zwar schwer aber ein Fortschritt ist tatsächlich nicht zu verkennen.e

Merkwürdigerweise freut mich am meisten der Gemüsegarten, namentlich wegen des grossen Nutzens in jetziger Zeit.f

In der Hoffnung, dass Sie Ihren Geburtstag in bester Gesellschaft feiern können, verbleibe ich mit den allerbesten Glückwünschen und Grüssen Ihr sehr ergebener

Alwin Berger.g

a korr. aus: hinaushalten; b eingef.: die Scharte; c korr. aus: einen vorläufigen; d gestr.: Vertag; e Text weiter auf S. 4: An meine … zu verkennen.; f Text weiter auf S. 3: Merkwürdigerweise freut … jetziger Zeit.; g Text weiter auf S. 2: In der Hoffnung, … ergebener Alwin Berger.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16.02.1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7370
ID
7370