Berger, Alwin

Alwin Berger an Ernst Haeckel, La Mortola , Ventimiglia , 9. März 1906

LA MORTOLA,

VENTIMIGLIA,

ITALY.

9. März 1906.

Hochgeehrter Herr Professor!

Ihre freundliche Sendung hat uns ebenso überrascht wie erfreut, und wir danken Ihnen alle beide herzlichst für Ihr Gedenken.

Wir finden das Porträt wundervoll und holen es alle Tage ‚vor‘, es ist sehr gut getroffen „zum Sprechen ähnlich“ pflegt man zu sagen.

Wir hoffen, dass es Ihnen vergönnt war Ihren Geburtstag im besten Wohlsein zu begehen und dass Ihre Gesundheit seit vorigem Herbste sich gebessert hat. Ihrer Gesundheit und alten Lebensfreudigkeit gelten unsere besten Wünsche.

Ob Sie wohl dieses Frühjahr noch an die Riviera kommen werden. Es ist dieses Frühjahr für mich so ziemlich eine arge Enttäuschung. Wir hat-|| ten ausnahmsweise viel Regen im vorigen Sommer und ebenso viel Niederschlag im Herbst, die Vegetation stand wundervoll. Meine Befürchtung war nur, ein Frost könnte alles zerstören, der trat nun glücklicher Weise nur sehr gelinde ein und alles berechtigte zu einem ganz ungewöhnlichen Frühling. Leider aber haben austrocknende Winde meine Erwartungen vernichtet, der Frühjahrsflor geht nicht über das Mittel hinaus. Noch jetzt könnte ein gründlicher Regen vieles bessern, aber leider sieht es nicht danach aus, an der Croce ist es so dürr wie im Juli. –

Ich bin diesen Winter sehr fleissig über meinen Aloe gewesen, aber noch liegt viel vor mir. Ich will eine ordentliche Arbeit liefern, die nach jeder Richtung hin einen Fortschritt bedeuten soll. – Wenn ich mit dieser Arbeit fertig bin, will ich mich mit allem Eifer den Kakteen zuwenden. An dieser Familie lässt sich nämlich in ausgezeichneter Weise die Entwickelung aus der gewöhnlichen belaubten Pflanzenform bis hinauf zu den vollkommensten Anpassungsformen an das Wüstenklima und die Verwandtschaft der einzelnen Gruppen, Gattungen kann man kaum sagen, zur Darstellung bringen. Das möchte ich einmal bis ins Einzelne hinein durcharbeiten. Wenn das geschehen ist und Anklang gefunden hat, dann darf ich wohl auch auf die Mexiko-Reise hoffen. –

Wenn Sie wieder nach L a M ortola kommen, werden wir Ihnen mit Stolz unseren kleinen Jungen vorführen; er gedeiht prächtig. Morgen wird er 23 Monate. Er hat eine ausgesprochene Vorliebe für Tiere und Pflanzen und zeichnet schon „recht hübsch“.

Mit bestem Danke und den herzlichsten Grüssen und Wünschen von uns Beiden verbleibe ich in vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

Alwin Berger.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-03-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7355
ID
7355