Bleek, Wilhelm Heinrich Immanuel

Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek an Ernst Haeckel, Mowbray, 25. Oktober 1874

Mowbray bei der

Kapstadt

25 October 1874

Lieber Ernst,

Ich danke Dir sehr für das werthvolle Geschenk Deiner Anthropogenie, das ich gestern per Post von Leipzig erhielt, und das ich mit dem grössten Interesse lesen werde. Ich sehe es ist sehr schön illuminirt; und ich freue mich sehr diesen Gegenstand so ausführlich behandelt zu sehen. Die Wichtigkeit desselben kann ja nicht genug bekannt werden. Auf Deinem eigenen Fache kann ich Dir allerdings hier nicht mit kritischem Auge folgen. Da musst Du || schon Autorität für mich sein. Desto mehr thut es mir leid in einem Buche, das wie Deines so allgemein als grosse Autorität angesehen wird, den folgenden Satz auf S. 496 zu finden: „Die vergleichende Sprachforschung hat uns neuerdings gezeigt dass die eigentliche menschliche Sprache polyphyletischen Ursprungs ist.“, etc. Da dies eine Frage ist, über die ich vermöge meiner 25 jährigen Studien, die ganz besonders auf diesen Gegenstand gerichtet gewesen sind, ganz || besonders mich zum Urtheile befähigt hoffen darf, so wirst Du hoffentlich etwas darauf geben, wenn ich dir sage dass der nicht-einheitliche Ursprung der jetzt auf der Erde gesprochenen menschlichen Sprachen in keiner Weise bewiesen, oder auch nur wahrscheinlich gemacht worden ist. Im Gegentheil je mehr ich die niedrigsten Sprachformen studiere desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass wahrscheinlich alle noch jetzt a gesprochenen Sprachen zu einer allerdings vor sehr sehr langen Zeiten stattgefundenen Formation hervor ge-||gangen sind. Sie alle besitzen b wahre Pronomina und die davon abhängende Eintheilung im Redetheile. Nun aber zeigt die Geschichte der Sprachentwicklung uns klar wie der Besitz von wahren Pronominen acquirirt ist, und dies in einer Weise, die ich mir unmöglich denken kann, dass sie mehr als einmal statt gefunden hat. Philosophisch müssen wir auch als nothwendig annehmen, dass Sprachstufen vorhergingen, an denen nochc keine wahren Pro-||nomina existirten. Nach Überresten dieser Sprachstufen, nach Sprachen in denen keine wahren Pronomina existiren, habe ich mich aber vergebens umgesehen.

Zu dem Zwecke habe ich eben die Sprachen der niedrigsten Völkerstufen zum ganz besonderen Studium gemacht. Aber ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass alle jetzt gesprochenen menschlichen Sprachen zur höheren Sprachformation gehören. Die Völker eben die diesed der höheren Formation angehörende Sprachen redeten, || hatten dadurch natürlich so grosse Vortheile über die auf niederen Stufen stehenden, dass die Vertilgung der letzteren im Rassenkampfe uns allerdings nicht verwundern kann. Meiner Ansicht nach ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass es uns noch gelingen wird alle jetzt auf Erden gesprochenen Sprachen genealogisch zu klassificiren, trotz der vielen Lücken, die in den Mittelgliedern häufig vorhanden sein werden. Freilich gehört dazu eine viel tiefere Einsicht nicht nur in den Bau der verschiedenen Sprachen und Sprachstämme, sondern auch || eine viel klareres Verständniss für sprachliche Entwicklungsgeschichte beruhend auf einer festen Methode der Sprachvergleichung und feinerer Beobachtungsgabe, als wir es jetzt bei vielen Lingustischen Vielschreibern finden. Und zu diesen muss ich namentlich Deine Autorität F. Müller rechnen. Es ist sehr klar, dass er die Sprachen, über die er schreibt, zumeist solche unter meinen Gesichtskreis kommen, gar nicht versteht, und nur von Grammatiken kopirt, oder sich grammatische Skizzen zusammen schneidert. Er beruht so ganz auf den Arbeiten anderer, ohne jedoch die || Ehrlichkeit zu haben in den meisten Fällen seine Quellen zu nennen, dass er selbst ihre Druckfehler ganz schön abschreibt. Von einer tieferen Einsicht in die Natur dieser Sprachen kann natürlich dabei nicht die Rede sein. Er ist wie ein Zoologe, der z.B. ganze Thierkreise nur aus Beschreibungen kennt, die mehr oder weniger unvollständig u. fehlerhaft sind, ohne die Thiere selbst studirt zu haben. Ein so oberflächliches Arbeiten kann am wenigsten als eine Autorität namentlich in einer der schwierigsten und in der That jetzt noch gar nicht lösbaren Frage e angesehen werden. Er hat dabei gar keinen Sinn für die Behandlung solcher Fragen, und muss es ihm || doch noch wohl einigermassen an kritisch-philologischer und recht philosophischer Bildung fehlen. Doch genug über ihn, – Was ich von Dir wünsche, lieber Ernst, ist nicht dass Du das Gegentheil von dem sagest, was Du oben geschrieben, sondern dass Du in wirklich wissenschaftlicher Weise, dies als eine noch ganz ungelöste Frage betrachtest, und nicht Leute als Autoritäten darüber cittirstf die gar keine sind. Du weisst nur zu gut selbst, dass Beweise von Unmöglichkeit die allerschwierigsten in wissenschaftlichen Untersuchungen sind, nur dass, wo sie mit derg anscheinendsten Sicherheit geführt sind, sie doch und häufig || sehr schnell aufs Haupt geschlagen werden. In unserer Jugend wer würde bezweifelt haben, dass bei der Entfernung der Fixsterne es anders als unmöglich sei, jemals etwas über deren Natur zu erfahren. Doch wissen wir jetzt schon vieles darüber durch Spektrumanalysis. Nur um Dich ins Geheimniss zu lassen in der Sprachwissenschaft lieber Ernst, glaube ich auch jetzt auf ein Methode gekommen zu sein, wodurch wir auf weite Entfernung zurück die Geschichtliche Entwicklung verschiedenartiger Sprachen durchblicken können, und tief in die allgemeine || Sprachengeschichte zurück sehen. Es ist gleichsam eine Spectrumanalysis der Sprachen. Über das einzelne derselben h kann ich Dir jetzt nichts mittheilen. Doch Du magst das alles bezweifeln; desshalb schrieb ich aber nicht, sondern nur um Dich zu bitten, in einem so äusserst populären Buche, wie Deine Anthropogenie ist (hier hat ein Uhrmacher allein viele Exemplare davon gekauft) und verdientermassen, doch keine so unbegründete, unwissenschaftliche und wirkliche Sprachwissenschaft erstickenden Satz (als wenn wir schon wüssten, was noch gar nicht erforscht ist) in allgemeine Circulation || zu bringen. i Den vorgehenden Brief bis zur 7ten Seite hatte ich wie Du siehst vor langer Zeit geschrieben. Jetzt in Krankheit fällt er mir wieder in die Hände. Ich will ihn doch Dir so zusenden. Gerne schrieb ich mehr, aber ich darf noch nicht. Viel Schreiben ist mir verboten. – Uns hier geht es ziemlich gut. Im Februar sind wir in ein neues grosses schönes von uns gekauftes Haus mit grossem Garten nahe bei der Eisenbahn Station gezogen. –

Ich bin sehr besorgt über den lieben Philipp, von dem so schlechte Nachrichten kommen. Viele Grüsse an die Deinen, auch Deine theuerste Mutter u. den lieben Carl mit den Seinen.

In alter Liebe, Dein getreuer Vetter

W. H. I. Bleek

a gestr.: auf; b gestr.: Pro; c eingef.: noch; d gestr.: mit; eingef.: diese; e gestr.: bes; f korr. aus: quitirst; g eingef.: der; h gestr.: mit; i gestr.: Bitte

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
25-10-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7059
ID
7059