Bleek, Wilhelm Heinrich Immanuel

Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek an Ernst Haeckel, Kapstadt, 27. November 1872

Entschuldige den Klatscher!

Kapstadt

27 Nov. 1872

Lieber Ernst,

Noch habe ich Deinen lieben Brief vom 24 Juni zu beantworten. Es freut mich zu hören, dass die Seethiere etc. im besten Zustande angekommen sind. Du meinst wir hätten mit der Verpackung zu umständlich verfahren. Wenn Du aber wüsstest, wie auf diesen Dampfschiffen, u. beim In- u. Aus-laden die Kisten fürchterlich herumgeschmissen werden, so würdest Du keine Verpackung für zu stark halten. Dank für die ₤ 7, die Du a Mutter für die Auslagen schicken wolltest. Ich hoffe nur dass die Sammlung wirklich so viel werth war. Auch vielen Dank für die dritte Auflage der Schöpfungsgeschichte, die mir sehr werthvoll sein wird. Wenn ich sie erhalten habe, werde || ich wohl über Deine ethnologischen Stammbäume Dir einige Bemerkungen mittheilen, da die mir schon zugekommenen Tafeln (wohl Deiner 2ten Auflage) mir manchen Stoff zu bieten scheinen. – Ich sehe Gustav Fritsch greift Dich in den Berichten der Berliner Anthropologischen Gesellschaft an. In Bezug auf das Ohr der Buschmänner hat er wohl Recht; das ist ohne Zweifel ausgezeichnet durch ein beinahe gänzliches Fehlen des Ohrlappens. Ich weiss nicht, habe ich Dir schon geschrieben, dass die hiesige Regierung unter meiner Aufsichtb eine Anzahl von Photographien Eingeborner nach einem von Huxley vorgeschriebenen Verfahren hat anfertigen lassen, darunter eine Anzahl (fünf) Buschmänner, c fertigen || lassen. Die vollen Figuren I. – X. und XVV. sind alle nach Huxley’s Vorschrift nackt mit Maassstab zur Zeit. Die Köpfe von XI. – XV. sind mehr artistisch von unserem besten Photographen hier genommen. Die Gruppen sind auf meine Veranlassung von dem Photographen, der die vollen Figuren etc. angefertigt hatte, d als eine Art Privatspeculation photographirt worden. Ich schicke Dir hierbei eine Liste aller dieser Photographien mit Kostenpreis in shillings (à 10 Silbergr.). Da die ganze Sammlung von diesen Photographien zu 25 Thalern hier am Orte zu stehen kommt, so habe ich Euch nicht gleich solch eine Ausgabe bereiten wollen, obschon Du früher den Wunsch ausgesprochen, dass ich Für Euch hier Photographien von Eingebornen kaufen sollte; sondern || lasse Euch besser die Wahl ob Ihr alle oder welche von diesen Photographien haben wollt. Ich werde mich gerne der Mühe unterziehen, die nothwendigen Personalien Euch dazu beizufügen. Sie können per Post geschickt werden, als Drucksachen. – Mir gegenüber hängt jetzt ein Aquarell Portrait meines Buschmannlehrere , Sud Jantze Tooren (No. I.), das auf der hiesigen Gemäldeausstellung den ersten Preis für Aquarelle erhalten hat. Der Künstler hat es mir geschenkt. Ich hatte ihn bewogen es anzufertigen, da in den Photographien die sehr helle Farbe der Buschmänner nicht ersichtlich ist. Es || ist sehr gut getroffen, und die Farbe im ganzen recht gut. Ich denke daran es nach Europa zu schicken, und dort durch einen Process, der die Farben wiedergiebt vervielfältigen zu lassen. – Wie lange wir unsere Buchmänner noch behalten können, ist unsicher, da die Burschen sehr das Heimweh haben, und alle unsere Anstrengungen ihre Frauen zu entdecken, bisher gescheitert sind. – Was Dein Buch über die Kalkschwämme betrifft, so hatte ich sehr natürlich den Wunsch es zu sehen; und da die hiesige Bibliothek solche Deutsche Werke nicht || anschafft, so frag ich, ob Du eins für uns übrig hättest. Ich hatte allerdings nicht gewusst wie kostspielig das Werk sein würde. – Ebenso hatte ich keine Idee, wie schwer es sein würde, uns benannte Exemplare von Dir übersandten Thieren zurückzuschicken. Du musst desshalb in dieser Beziehung nichts thun was Dir nicht ganz gelegen ist. Für unser Museum würde dies allerdings eine ganz besonders werthvolle Zugabe sein, und die angebotene kleine Sammlung mittelländischer Seethiere, etc. wäre äusserst willkommen. Das Museum wird vom ersten Januar 1873 unter Roland Trimen’s Aufsicht stehen. || Meine Anfrage in Bezug auf die Möglichkeit ihm Euren Doktortitel zukommen zu lassen, muss ich wohl insofern unrichtig ausgedrückt haben, als Du verstanden zu haben scheinst, als wenn er etwas von diesem Vorschlage wisse. Das ist nicht der Fall. So kann ich ihm auch nicht die Bedingungen mittheilen (ausser wenn er mich darum früge), unter denen er bei Euch promiviren könnte. Da ich kein Naturforscher bin, so konnte ich natürlich nicht wissen, ob Trimens wissenschaftlichef Arbeiten (von denen ich nur weiss, dass sie von Charles Darwin sehr anerkannt sind) ihn zu einer solchen Ehre, als die ich vorschlug, berechtigte. Bei näherem Nachdenken kommt mir dies allerdings jetzt selbst zweifelhaft vor; und Du musst das natürlich viel besser wissen. – Im Jahre 1855 auf der Seereise nach Natal schickte ich || von der Küste Südamerikas einen Brief an Professor Lassen in Bonn, worin ich ihn bat Edwin Norris zur Ehrenpromotion vorzuschlagen. Lassen, der natürlich der beste Beurtheiler von Norris’ Verdiensten um die Entzifferung der Keilinschriften war, fand dies ganz passend; und Norris wurde durch das Ehrendiplom überrascht. Erst vierzehn Jahre später, als ich ihn [! ] England ihn wiedertraf, erfuhr er auf wessen Vorschlag diese von ihm sehr wohlverdiente Ehre ihm damals zu Theil geworden. – Aber natürlich Trimen hat noch nicht ein Zehntel der Verdienste meine alten lieben Freundes Norris, der ein wahres Sprachgenie ist, und einen äussert richtigen Blick in Bezug auf Sprachverwandtschaften etc. hat. Norris ist ein selbstgebildeter Mann, der ursprünglich Buchdrucker war. – Uns geht es wohl. Jemima erwartet wiederum ihre Niederkunft in der ersten Hälfte des Aprils. Diesen || Sommer werden wir wohl nicht nach der Kalkbay gehen. Es ist aber möglich, dass wir auf kurze Zeit vielleicht nach Greenpoint (westlich von der Tafelbay) gehen werden. Sollten so umfangreiche Sammlungen, wie wir sie dieses Jahr in der Kalkbay gemacht, nicht so gelegen sein, als kleine, bitte schreibe es uns sogleich, da wir dann, im Falle wir Gelegenheit zum Sammeln haben, uns mehr beschränken werden. Wir werden uns sehr freuen, Photographien Deiner Familie zu erhalten. Bisher haben wir blos (ausser einer alten von Dir) Deinen kleinen lieben Walter, der ein recht hübscher Bursche zu sein scheint. Schreibe mir, wen Ihr von uns habt; dann will ich dieg anderen schicken. Von Hause hatte ich eben einen Brief, worin unter anderem uns mitgetheilt wird, dass der Process in den Sackenschen Stiftungsangelegenheiten zweiter Instanz gänzlich zu unseren Gunsten entschieden ist. Du weisst ja natürlich worum es sich handelt. Die Sache ist von Bedeutung zunächst für Hedwig und Anna, und dann für alle von uns, die weniger Geld-, als Töchter-reich sind. Theodor soll sich viel Mühe mit dieser Angelegenheit gegeben haben. Mich hat dies immer ganz besonders interessirt, zumal da ich zufällig der erste in der Familie war, der 1864 in Bonn beim Durchlesen von Tante Sack’s Testament u. der Stiftungsurkunde sah, dass das Wohnen im Stifte darin blos als ein Recht, aber keineswegs als eine Pflicht der Stiftsdamen angegeben war. Und abgesehen von unseren Familieninteressen freut es mich, dass so einer Klösterlichen Einrichtung, die sich nicht in unsere Zeiten mehr hineinpasst, der Kopf abgeschlagen ist.

Herzlichste Grüsse an Dich und die Deinigen von uns Allen. Dein getreuer

Vetter W. H. I. Bleek.

a gestr.: für; b gestr.: durch mich; eingef.: unter meiner Aufsicht; c gestr.: an; d gestr.: auf; e korr. aus: leher; f eingef.: wissenschaftliche; g eingef.: die

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
27-11-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7056
ID
7056