Bleek, Auguste

Auguste Bleek an Ernst Haeckel, Bonn, 26. August 1870

Bonn den 26t Aug. 70.

Lieber Ernst.

Wenn ich auch sehr gern manchmal durch einen Brief Dich zum schreiben an uns nöthigte um von Dir selbst zu hören wie es Euch geht, so würde ich doch auch heute schwerlich dazu gekommen sein, wenn Wilhelm mich nicht aufgefordert hätte Dir zu melden, daß era einem Geologen Hübner, der einige Tageb zum Besuch bei ihnen war, einen Koranne-Schädel für Dich mitgegeben hätte. Herr Hübner sei aus Chemnitz zu Hause und habe in Freiberg studirt. Er schreibt nicht wann und wie der Herr reist; möglich daß er schon in Europa ist und Du den besagten Schatz schon in Händen hast. Ich habe den Brief vor 3 Tagen erhalten, muß aber gestehen, daß ich vergessen Dir gleich zu schreiben. Die großartigen Ereignisse, die wir erleben, nehmen nicht nur Gedanken und Gefühle, sondern auch unsre volle Thätigkeit in Anspruch. Es sind hier bereits 14 Lazarethe errichtet für die viel zu arbeiten ist. Viele Aerzte sind von hier beim Heer, so auch Dr. Binz; Dein Freund Lavalette hat die ärztliche Behandlung in einem Lazareth übernommen; || Aegidi ist mit einer Schaar Kranken-Träger und Pfleger auf dem Kampfplatz. Sehr erfreut wurden wir heute Morgen durch einen Brief einer Freundin aus Aachen, die wußte, daß Ernst Naumann in der Schlacht bei Gravelotte am 18t mit im Kampfe war und ungefährdet davon gekommen. Ich hatte und habe um ihn große Sorge, besonders weil ich glaube seine Gesundheit wird die Anstrengungen des Krieges nicht aushalten. Die großartige Erhebung in unsrem Volke vom Fürsten bis zum Bauer hinab, thut sehr wohl und wir haben gewiß alle Ursache uns der Siege zu freuen und Gott zu bitten um fernern Erfolg für das nothwendig zu erreichende Ziel, aber die großen Verluste werfen eine sehr ernsten Schatten über die Freude. Man muß den Blick auf das Allgemeine, auf die Nothwendigkeit der Durchführung des von uns nicht hervorgerufenen Kampfes richten, um den einzelnen persönlichen Herzensjammer zu ertragen. In Sobernheim, wo außer den wiederum nach Frankreich gehenden Truppentransporten, große Züge mit oft über tausend Verwundeten vorbei kommen, die zum Theil dort erquickt und neu verbunden werden, werden nun oder || sind schon 2 kleine Lazarethe eingerichtet; Theodor schreibt es fehlte dort sehr an einer jungen ärztlichen Kraft; weißt Du vielleicht einen jungen Mediziner den Du vorschlagen könntest, so schreib doch an Theodor (Kreis Kreuznach).

Wir haben auch einen Rekonvalescenten einen wackern tüchtigen Brandenburger (Sergeant) im Hause. Hedwig und Anna, letztere verrichtet kleine Hilfsleistungen in der Klinik, wo sehr viel Verwundete sind, lassen Euch Beide herzlich grüßen. Hedwig läßt Dir sagen sie freue sich, daß Deine Behauptung nach der italienischen Reise, die Deutschen würden dem Zurren nicht widerstehen können, zu Schanden geworden.

Auch von mir herzlichen Gruß Deiner lieben Frau. Ich wollte wir sähen Euch mal hier bei uns, vielleicht nächstes Jahr, wenn die Alte noch so lange lebt. Küß Deinen kleinen Walther von der alten Großtante und seid Alle Gott befohlen.

Auguste Bleek.

a eingef.: er; b eingef.: Tage

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-08-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7011
ID
7011