Bonn, 5.7.18.
Lieber Onkel Ernst!
Vater erzählte uns früher einmal, daß Du an der dunkel lila Glockenhaide Freude und Interesse gehabt habest, welche an einer bestimmten Stelle auf dem Venusberg wächst, u. im übrigen selten in Deutschland vorkommen soll.
Ich weiß nicht, ob du Dich dessen noch erinnerst, aber als ich gestern Abend vom Lazarett aus noch einen || Gang auf den Berg machte und die Blumen fand, war mein erster Gedanke Dir mit ihnen einen Gruß vom Rhein zu senden.
Leider haben die Pflanzen in den letzten Jahren sehr abgenommen, u. so habe ich mich heute an den Direktor des botanischen Gartens gewandt mit der Bitte, vollständiges aussterben zu verhindern eventuell durch Verpflanzung in den botanischen Garten. ||
Wir haben mit Bedauern von dem Unfall gehört, der Dich vor längerer Zeit betroffen hat, mit dessen Folgen Du immer noch zu kämpfen hast.
Bei uns geht es verhältnismäßig gut. Natürlich a sind die Jahre u. vor allem der Krieg an uns allen nicht spurlos vorübergegangen, aber die Eltern sind im Verhältnis zu ihrem Alter noch ziemlich frisch. Mein Bruder || Philipp ist Pastor in Saarbrücken, Theodor Arzt in Bielefeld, aber seit 1915 im Westen, zwischendurch 13 Monate in französischer Gefangenschaft. Beide Brüder sind verheiratet.
Ich selbst bin bei den Eltern d. h. nur Schlafgast, da ich als Schwester tätig bin in einem hiesigen Lazarett.
An Deinen Besuch in Bonn 89 oder 90 denke ich noch oft mit großer Freude u. bedauere nur, daß ich Dich in späteren Jahren nicht habe wiedersehen dürfen.
Mit herzlichen verwandtschaftlichen Grüßen auch von den Eltern
Deine Aenni Bleek
a gestr.: ist