Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Bielefeld, 12. Februar 1919

Bielefeld, 12.2.1919

Sehr geehrter Herr Professor!

Ich benutze den heutigen Tag, an dem vor 110 Jahren Charles Darwin geboren wurde, um

Ihnen zu Ihrem 85. Geburtstage meinen herzlichsten Glückwunsch auszusprechen. Wenn ich Ihnen schon heute schreibe, so geschieht das so früh, weil die Briefe jetzt länger wie sonst laufen und weil ich möchte, Sie bekämen diese Zeilen nicht erst nach Ihrem Geburtstage.

Der Tag fällt leider in eine Zeit, wie Sie sie in Ihrem langen Leben nicht jämmerlicher kennen gelernt haben. Es geht zu Ende mit Deutschland, die Feinde werden immer unverschämter und frecher und unser Volk scheint keine Spur von Rückrat und Ehrgefühl mehr zu haben. Wir werden in den || nächsten Tagen neue Fusstritte erhalten und sie demütig hinnehmen. Jetzt werden auch die Fabrikationsmethoden unserer chemischen Fabriken ausgeschnüffelt und bald wird es mit der bevorzugten Stellung unserer chemischen Industrie vorbei sein. Mit der Spinnerei und Weberei und den verwandten Fabrikationen hat man es am Niederrhein ähnlich gemacht. Unser ganzer Handel wird systematisch ruiniert und schliesslich ist das deutsche Volk lediglich ein Arbeitervolk für unsere Gegner. Dann sind wir unschädlich und doch nützlich!

Infolge Ihres 1. Briefes vom 4. d. M. werde ich also die Arbeit über das Protistenreich anfangen und mich zunächst etwas eingehender mit den Protophyten befassen. Ich werde mir die bezügl. Werke von Engler, Oltsmann, Lotsy etc. anschaffen und durcharbeiten. Für Protozoen || habe ich genug Litteratur hier. Da man nicht weiss, bis wann die Verhältnisse bei uns wieder so sind, dass man derartige Bücher mit Aussicht auf Erfolg herausgeben kann, so habe ich Zeit genug, die Arbeit in Ruhe auszuführen.

Unser ‚Schutz und Hilfsbund für Auswanderer’ findet vielen Anklang und nimmt an Mitgliedern lebhaft zu. Wir werden demnächst an die weitere Oeffentlichkeit treten.

Ich hoffe und wünsche von Herzen, dass es Ihnen, lieber Herr Professor, den Umständen nach gut geht. Ich selbst leide seit etwa zwei Wochen an einem hartnäckigen Husten, der nicht weichen will.

In alter Treue und mit den besten Grüssen und Wünschen

Ihr ergebenster Schüler

W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
12-02-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6199
ID
6199