Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Bielefeld, 5. März 1916

DR. WILHELM BREITENBACH

BIELEFELD, 5.3.1916

Zastrowstr. 29.

Sehr geehrter Herr Professor!

Ihre Nachricht, dass die Versammlung des Monistenbundes in letzter Stunde abgesagt worden ist, weil das General-Kommando Schwierigkeiten machte, hat mich nicht sehr gewundert,

gewundert aber habe ich mich darüber, dass die Einberufer der Versammlung sich nicht vorher vergewissert hatten, ob das General-Kommando die Versammlung ungehindert erlauben werde. Dass nun die angekommenen Bundesmitglieder enttäuscht waren, glaube ich gern.

Es war mir interessant zu hören, dass auch von mir gesprochen worden ist und dass man mein Ausscheiden aus dem Bunde vielfach bedauert hat. An diesem Ausscheiden trage ich nicht die Schuld, denn nach dem gegen mich beliebten Benehmen des Vorstandes konnte ich nicht im Bunde bleiben. Ich habe oft betont, sowohl brieflich wie öffentlich, dass ich jederzeit bereit sei, wieder in den Bund einzutreten, wenn man mir eine passende Tätigkeit ermögliche. || Prof. Ostwald hat aber jeden Versuch von dritter Seite, mich dem Bunde wieder zuzuführen,

schroff abgewiesen, wie Sie ja auch leider haben feststellen können. Ich kann meinerseits nicht die Initiative ergreifen, um wieder an den Bundesarbeiten teilzunehmen, sondern muss abwarten, ob man seitens des Bundes an mich heran tritt.

Pastor Traub hatte vor einigen Wochen in seiner Zeitschrift ‚Christliche Freiheit‘ ‚Leitsätze über die Zukunftsentwicklung des deutschen Protestantismus’ veröffentlicht, die mich vielfach zu lebhaftem Widerspruch herausforderten. Wenn eine öffentliche Diskussion über diese Dinge möglich wäre, würde ich sie gern aufgenommen haben – eben vom monistischen Standpunkte aus. Zu meiner Ueberraschung finde ich nun heute in der neusten Nummer der Zeitschrift eine Notiz folgenden Wortlauts:

‚Für Verbreitung der Leitsätze etc.: Dr. Juliusburger – Berlin M. 5,-.

Man hat im Monistenbund einmal den unsinnigen Plan gehabt, Traub zum Schriftführer zu machen, der Dortmunder Pfarrer aber hat das rundweg abgelehnt, da er || wusste, dass er vom Monistenbund himmelweit entfernt ist und gar nicht daran denkt, die Kirche zu verlassen. Er wird im Gegenteil sofort wieder ein Pfarramt annehmen, wenn ihm eins zugänglich wird. Und nun muss man sehen, wie ein ‚Führer’ des Monistenbundes Geld stiftet, um für die rein kirchlichen Ideen des Pastors Traub Propaganda zu machen. Solange derartige Dinge im Monistenbund möglich sind, wird aus ihm nie etwas werden.

Mit freundlichen Grüssen und besten Wünschen

Ihr treu ergebener

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-03-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6174
ID
6174