Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Bielefeld, 26. Juni 1915

DR. WILHELM BREITENBACH

Bielefelda, 26.9.1915

Sehr geehrter Herr Professor!

Hierdurch mache ich Ihnen zunächst die Mitteilung, dass ich in diesen Tagen von Brackwede nach Bielefeld verzogen bin. Das Haus, in dem ich in Brackwede wohnte, ist vor längerer Zeit verkauft worden undb der neue Besitzer wollte selbst hineinziehen. Da ich nun in Brackwede kein für meine Zwecke passendesc Haus finden konnte, so habe ich die Gelegenheit benutzt und bin nach Bielefeld gezogen. Persönlich und wohl auch geschäftlichd wohnt man in einer grösseren Stadt doch gewiss besser als auf dem Lande in einer kleinen Ortschaft. Wir haben hier eine sehr hübsche freiliegende Wohnung gefunden, mit schöner Aussicht auf das Gebirge und nur etwa 15 Minuten vom Walde entfernt, so dass ich in dieser Beziehung nicht schlechter gestellt bin wie in Brackwede. Meine Druckerei pp. ist nur 50 Schritte von der Wohnung entfernt und vier Häuser von der Wohnung entfernt ist die Strassenbahn, mit der ich jeden Morgen zur Oberrealschule muss.

An die Lehrtätigkeit habe ich mich völlig gewöhnt; ein Schulrat aus Münster, der vorige Woche die Anstalt revidierte, lobte sogar meinen englischen Unterricht als praktisch und zeitgemäss. Ich nehme nämlich in ihm immer Bezug auf die Gegenwart und vermeide möglichst die gewöhnlich dummen und nichtssagenden Sätze der üblichen Schulbücher.

In der Naturgeschichte habe ich bis jetzt Botanik getrieben und ich || werde erst in 3 bis 4 Wochen zur Zoologie übergehen. Dass ich mich bei dem Unterricht möglichst an den trefflichen Lehrplan Hermann Müllers anlehne, werden gerade Sie verstehen und billigen. Auf der Untersekunda werde ich menschliche Anatomie und die wichtigsten Grundregeln der Physiologie durchnehmen; wenn die Zeit bis Ostern langt auch noch etwas von den niederen Tieren.

Wir haben jetzt eine ganz neues biologisches Arbeitszimmer, in dem ich häufig mikroskopische Demonstrationen vornehmen werde. Leider sind die Anschauungsmittel, die die Schule hat, nicht sonderlich reichhaltig und in keiner Weise zu vergleichen mit denen, die unsere Lippstädter Schule schon zu meiner Zeit unter Hermann Müller besass.

Immerhin werde ich mein Möglichstes tun, um den Unterricht so fruchtbar zu machen wie ich kann. In der Gestaltung des Unterrichts im Einzelnen habe ich ganz freie Hand.

Ich hoffe, lieber Herr Professor, dass es Ihnen gut geht und dass Sie diese entsetzliche Kriegszeit bis zum vollen Siege unseres Volkes mit erleben. Es hat ja immer mehr den Anschein, als wenn wir doch aus dem gewaltigen Ringen schliesslich siegreich hervorgehen würden, trotz der grossen Anstrengungen Englands, immer mehr Feinde auf uns zu hetzen. Die Opfer, die wir zu bringen haben, sind freilich entsetzlich und man darf wirklich nicht daran denken, was nach dem Kriege werden wird.

Auch unser Monismus leidet unter dem Kriege, neue Literatur über ihn ist mir lange nicht zu Gesicht gekommen. Interessant aber ist jedenfalls, dass an mich aus dem Felde verschiedene Anfragen gekommen sind, wann denn die ‚Neue Weltanschauung‘ wieder erscheinen werde. Ich denke, dass wir sie jedenfalls gleich nach dem Kriege wieder herausgeben können. Es sind || schon so viele Anmeldungen für die dann zu bildende Verlagsgesellschaft eingelaufen, dass mir die Sache ganz sicher erscheint.

Gestern erhielt ich die Nachricht, dass Herr Baurat Fröhlich einen Schlaganfall erlitten hat und dass er jeden Tag sterben kann. Er hat testamentarisch eine Summe vermacht, die zur Herausgabe der in der ‚Neuen Weltanschauung‘ von ihm veröffentlichten Aufsätze in Buchform verwandt werden soll. Die Aufsätze handelten über den Strahlungsdruck und ich halte sie für wertvoll. Herr Prof. Knopf-Jena hat das Manuskript gelesen.

Die Kriegszeit werden Sie hoffentlich benutzt haben um an Ihren Lebenserinnerungen tüchtig zu arbeiten, die Sie uns, d. h. namentlich Ihren Schülern, unbedingt hinterlassen müssen.

Mit herzlichen Grüssen

in alter Treue

Ihr ergebenster Schüler

Dr. W. Breitenbach

Meine neue Adresse ist:

Bielefeld

Zastrowstr. 29.

ZUM TEXT: a gestr.: BRACKWEDE; eingef.: Bielefeld; b korr. aus: un; c korr. aus: pssendes; d korr. aus: geschäftl

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
26-09-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6166
ID
6166