Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 24. Dezember 1914

DR. WILHELM BREITENBACH

DRUCKEREI :: VERLAG

BRACKWEDE, DEN 24.12.1914

Sehr geehrter Herr Professor!

In den verschiedenen Zeitungen las ich vor einigen Tagen, dass der Senat der Universität

Leipzig eine scharfe Kundgebung gegen Prof. Ostwald veröffentlicht hat. Auch soll das

Berliner Tageblatt, (in dem Prof. Ostwald früher doch sonst Artikel veröffentlicht hat), gegen

i[h]n scharf polemisiert haben. Um was es sich bei diesen Kundgebungen im einzelnen handelt, weiss ich nicht genau, ich habe nur hier und da gelesen, dass Prof. Ostwald öffentlich

Bemerkungen gemacht habe, die in dieser Zeit besser unterblieben wären. Dass die Kundgebung des Leipziger Senates jetzt durch die ganze Presse geht, ist höchst bedauerlich,

aber Prof. Ostwald wird doch hoffentlich dadurch veranlasst, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Auch ein Mann, der den brennenden Ehrgeiz hat, in der Oeffentlichkeit fortwährend von sich reden zu machen, muss sich beherrschen können und jetzt haben wir wahrhaftig wichtigere Interessen als auf ummassgebliche Aeusserungen Prof. Ostwalds zu hören. Der Führer des Monistenbundes durfte sich nicht der Gefahr aussetzen, vom Senat der zweitgrössten deutschen Universität derart öffentlich gemassregelt zu werden.

Die Zoologie hat in der jüngsten Zeit durch den Tod Weismanns und Langs einen schweren Verlust erlitten. Besonders der Tod Langs wird Ihnen nahe gehen, da Lang doch einer Ihrer älteren und treuesten Schüler war.

Es ist ein wahrer Jammer, dass Prof. Plate nun wieder wegen der Besetzung der Ritter-Professur mit dem Senat Differenzen hat. Wäre der Mann || doch nur nicht nach Jena gekommen!

Der Krieg schleppt sich von Monat zu Monat langsam weiter und man vermag nicht zusagen, wann und wie er enden wird. Die Opfer an Gut und Blut übersteigen alles bisher Dagewesene und der menschlichen Kultur werden ungeheure Wunden geschlagen. Die geldgierigen Amerikaner liefern unseren Feinden Waffen und Munition in gewaltigen Mengen und tragen damit zur unabsehbaren Verlängerung des Völkerschlachtens bei.

Wenn man im Westen jetzt dazu übergeht, die feindlichen Schützengräben zu unterminieren

und in die Luft zu sprengen, so kann man kaum noch von einem regulären Krieg sprechen, das ist einfach gegenseitiges Abschlachten. Etwas Ritterliches hat dieser Krieg nicht mehr an sich.

Hoffentlich befinden Sie sich gut, verehrtester Herr Professor, und ich wünsche von Herzen, dass Sie mit uns Allen die baldige Beendigung des Krieges erleben, um dann Zeuge des gewaltigen Aufschwunges zu sein, den unser teures Vaterland nehmen wird.

Mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Feste und zum Jahreswechsel verbleibe ich in alter Treue

Ihr allezeit dankbarer

Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-12-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6162
ID
6162