Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 27. November 1914

Brackwede, 27.11.1914

Sehr geehrter Herr Professor!

Für die freundliche Uebersendung Ihres Aufsatzes: „Weltkrieg und Naturgeschichte’“sowie

der übrigen Drucksachen sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank. Ich habe den Aufsatz mit vielem Interesse gelesen und freue mich, dass Sie in dieser schweren Zeit Ihr Wort so oft in die Wagschale legen. Seiner Zeit wollte ich Ihnen den Vorschlag machen, den Aufsatz über Englands Blutschuld in einer Sonderausgabe herauszugeben. Da aber bekam ich einen Sonderdruck aus Jena und ich nahm an, Sie hätten dem Verlag des Jenaer Volksblattes die Erlaubnis zur Herausgabe der Sonderausgabe erteilt. Um so mehr wunderte ich mich, später eine Ankündigung der Eisenacher Ausgabe in einer Buchhändlerzeitung zu lesen. Dass der Aufsatz nicht nur bei uns, sondern auch im Ausland Verbreitung gefunden hat, freut mich natürlich. The open Court von Paul Carus hat ja auch eine Uebersetzung gebracht.

Die gewünschten 12 Exemplare von Heft 1 der „Monistischen Bausteine’“habe ich gestern

an Sie abgeschickt. Die Einbanddecken werden Ihnen aus Leipzig zugehen. Die Rechnung

lege ich hier bei. Dr. H. Schmidt’s aktuelle Tätigkeit, z. B. als Redner für den Monistenbund

etc., ist natürlich lahmgelegt. Um so mehr Zeit wird er haben, sich des Phyletischen Archivs anzunehmen und ausser dem Wörterbuch die Geschichte der Entwickelungslehre vorzubereiten.

In Ihrem Brief vom 22. d. M. sprechen Sie die Hoffnung aus, es möge uns in einigen Wochen die Invasion in England gelingen. Gewiss stimme ich mit Ihnen insofern überein, als auch ich glaube, dass England nur im eigenen Land auf die Kniee gezwungen werden kann. Aber ich bin auch fest || davon überzeugt, dass eine Landung grösserer Truppenmassen in England ausserordentlich schwierig ist und ich glaube, es wird noch viele Zeit vergehen, bis wir eine solche Invasion erleben. Dann aber wird der Krieg mit England erst recht beginnen und ich fürchte, er wird recht lange dauern. Etwas anderes ist es, ein Expeditionsheer auf das Festland schicken, etwas anderes, sein eigenes Land gegen einen feindlichen Angriff zu verteidigen. Auch in England weiss man jetzt, dass es ums Ganze geht und dass es sich um die Weltmachtstellung Englands handelt. Wir werden uns also auf einen langen und erbitterten Krieg einzurichten haben. Dass wir als Sieger aus ihm hervorgehen werden, hoffen wir bestimmt, um so mehr, als es den Anschein gewinnt, als wenn England bald in Afrika und Asien genug zu tun bekäme und für Kämpfe in Europa nicht mehr seine ganze Macht einsetzen könnte. Die Fundamente Englands wackeln bedenklich.

Kürzlich erhielt ich ein Exemplar der neuen Haeckel-Medaille von Hans Schwegerle.

Ich will mich an den Vertrieb derselben in den Kreisen meiner Zeitschrift befassen und habe mir zu dem Zweck den einliegenden kleinen Prospekt gedruckt, den ich reichlich zu

verschicken beabsichtige. Sollten Sie Interesse an dem Prospekt haben, so steht er Ihnen in

beliebiger Anzahl zur Verfügung.

In der Senne zwischen hier und Paderborn wird jetzt ein zweites Gefangenenlager gebaut, in dem über 40000 Gefangenen Unterkunft gegeben werden kann. Im alten Sennelager befinden sich bereits über 20000 Mann. Die Zahl der Gefangenen bei uns wird nachgerade unheimlich, da die Ernährung der vielen Hundertausend Mann unsere eigene Volksernährung erschwert.

Ich habe jetzt 3 Neffen im Felde stehen, von denen einer als Offizier in Belgien verwundet

worden ist. Fast jede Familie ist diesmal im Heere vertreten und Jammer und Elend werden

tagtäglich größer. Hier in Biele-||feld und in den Bodelschwingh’schen Anstalten haben wir über 3000 Verwundete. Mein Arzt Dr. Scheffer hat zwei Häuser mit etwa 100 Leuten zu versehen und ich begleite ihn zuweilen bei den Besuchen. Neben den zum Glück leichten Verwundungen, die am zahlreichsten sind, gibt es aber auch viele entsetzliche Verwundungen und Verstümelungen, so dass man nur mit Grausen an das Elend nach dem Kriege denken kann. Wie viel blühende und hoffnungsreiche Jugend, wieviel Manneskraft wird in diesen Zeiten verwüstet!

Für unseren Monismus ist die Zeit jetzt nicht besonders gut. Denn, unterstützt von oben her, blüht nun mehr wie sonst noch, die kirchliche Frömmigkeit und die Pfaffenwirtschaft.

Alle Völker flehen zu ihrem Gott oder zu ihren Göttern und erwarten von ihnen den Sieg

ihrer „gerechten Sache“. Die Monarchen berufen sich in ihren Kundgebungen auf Gott und machen das Volk glauben, ohne diesen gehe es nicht. Die Kirche macht wieder glänzende

Geschäfte und nutzt die Zeit gründlich aus. Wir aber, die wir für die Volksaufklärung und gegen das Pfaffentum kämpfen, wir müssen leider wieder einmal einsehen, wie ungeheuer schwierig auch nur der kleinste Fortschritt ist. Und doch erleidet gerade der kirchliche Gottesglaube jetzt gründlich Schiffbruch. Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Österreicher, Serben, Montenegriner, Türken, Japaner, Egypter, Buren, Inder, Kanadier,

Australier, Neuseeländer und noch viele andere Völker und Nationen erwarten, dass ihr Gott ihnen hilft, sie alle sagen und reden sich und anderen vor: Uns hilft Gott, denn unsere Sache ist allein die gerechte. Und im Namen und Wissen dieses Gottes nun schlachten sich die Völker gegenseitig ab, trotzdem sie oft ganz und gar nichts mit einander zu tun haben, ja sich kaum den Namen nach kennen. Welch ein ungeheurer Blödsinn und welche Herabsetzung des Gottesbegriffes! Man sollte meinen, bei jedem denkenden Menschen müsste dieser Begriff sich || gerade jetzt in ein Nichts auflösen. Und doch sehen wir gerade das Gegenteil. Diese betrübende Erscheinung darf uns aber nicht den Mut nehmen, nach dem Kriege unsere Arbeit wieder aufzunehmen. Ich hoffe sogar, daß dann die Zeit nicht ungünstig für eine energische Propaganda sein wird. Im Augenblick ist kaum etwas zu erreichen, da der Krieg das ganze Interesse des Volkes in Anspruch nimmt und die Zeitungen für nichts anderes Raum haben.

Ich hoffe, verehrtester Herr Professor, dass es Ihnen gesundheitlich gut geht. Auch Sie werden stolz darauf sein, dass es Ihnen noch vergönnt ist, die grosse Zeit zu erleben und Zeuge zu sein von dem neuen Aufstieg unseres Volkes und Landes zu ungeahnter Grösse und Macht.

Mit den besten Wünschen und herzlichsten Grüssen bin ich in deutscher Gesinnnung

Ihr allzeit getreuer Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
27-11-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6161
ID
6161