Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 22. Oktober 1914

NEUE WELTANSCHAUUNG

MONATSSCHRIFT FÜR KULTURFORTSCHRITT…

AUF NATURWISSENSCHAFTLICHER GRUNDLAGE

REDAKTION: DR. W. BREITENBACH, BRACKWEDE I. W.

BRACKWEDE, 22.10.14

Sehr geehrter Herr Professor!

Mit Vergnügen habe ich Ihren „Offenen Brief“ an Hodler gelesen und ich bin sehr gespannt

zu sehen, ob ihr Vorschlag Beifall findet und das Bild aus der Universität entfernt werden kann. Daß inzwischen so viele deutsche Gelehrte, Ihrem Beispiel folgend, auf ihre englischen Titel und Orden verzichtet haben, ist sehr erfreulich. Haben Sie etwas darüber gehört, wie dieses Vorgehen in England aufgenommen worden ist? Wie ich aus dem „Monist. Jahrh.“ erfahre, hat sich Prof. Ostwald nicht angeschloßen. Ich habe das von ihm gar nicht anders erwartet, da er nur auf äußere Ehrungen großen Wert zu legen scheint, wenn er auch hier und da scheinbar das Gegenteil zu sagen scheint. || Die Begründung seines von Ihnen abweichenden Standpunktes kann ich als stichhaltig nicht anerkennen. Jetzt gilt es, jede Gemeinschaft mit diesen Feinden unseres Volkes nicht nur, sondern der menschlichen Kultur überhaupt abzuschütteln. Wer Deutschlands Wohlstand, seine Industrie, seinen Handel vernichten will, der vernichtet auch die Grundlagen und Bedingungen seiner Kultur, seiner Wissenschaft, Kunst und Zukunft. Mit einem solchen Volke können wir bis auf weiteres nicht mehr zusammen arbeiten, seine Ehre ist nicht unsere Ehre. Die ganze Niedertracht Englands entpuppt sich ja tagtäglich deutlicher; immer weitere Völker sucht es gegen uns aufzuhetzen und dabei steigt seine eigene Angst vor einem Einfall der deutschen Barbaren maßlos.

Die N. W. A. hat der Verleger infolge des Krieges einstweilen eingehen lassen. || Wann sie

wieder auferstehen wird, weiß ich nicht. Vielleicht wird man nach dem Krieg eine G.m.b.H. zur Herausgabe bilden können, um von einem einzelnen Verleger unabhängig zu werden. Auch die „Monist. Bausteine“ leiden unter dem Kriege. Es gehen zwar Bestellungen ein, aber ausschließlich in Kommission. Bar verkauft sind von Heft 2 z. B. noch keine 10 Stück. Selbst die bekanntesten Buchhandlungen bestellen nur in Kommission und ich muß auf eine unbestimmte Zeit hin kreditieren, während ich selbst die Herstellungskosten habe bar bezahlen müßen. Mein Geschäft ruht fast vollkommen und wenn nicht bald hier und da Aufträge eingehen, wird die Zukunft sehr böse aussehen. Der Krieg dauert erst knapp 2 Monate. Wie wird das wirtschaftliche Leben nach 6 Monaten aussehen, wie || wenn der Krieg ein Jahr und länger dauert? Man darf gar nicht daran denken! Alle unsere Gedanken und Wünsche sind jetzt bei unserem tapferen Heere, dem wir wünschen, daß es alle Feinde Deutschlands so niederzwingt, daß sie für ein Jahrhundert wenigstens genug haben. In Frankreich naht sich ja die Entscheidung dem Anschein nach und wir zweifeln nicht an dem Ausgang des Ringens, trotz der Engländer und Asiaten und Afrikaner.

Haben Sie auch noch nähere Angehörige im Felde? Wie geht es Ihnen selbst und wie wirkt dieser gewaltigste aller Kriege auf Sie ein? Daß wir diese Heldengeschichte Deutschlands noch erleben!

Deutschland, Deutschland über Alles!

Mit herzlichen Grüßen in treuer deutscher Gesinnung wie immer

Ihr ergebenster

Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
22-10-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6160
ID
6160