Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 19. Januar 1908

Brackwede, 19. 1. 1908

Sehr geehrter Herr Professor,

nachdem alle Vorbereitungen nunmehr beendet sind, kann ich Ihnen mitteilen, dass ich die Redaction der neuen bei Lehmann in Stuttgart erscheinenden monistischen Zeitschrift „Neue Weltanschauung“ übernommen habe. Wir werden noch in diesem Monat ein Propagandaheft

und die erste Nummer herausgeben, das erstere in einer Auflage von 200 000 Exemplaren, das letztere in einer solchen von mindestens 6000. Eine stattliche Anzahl tüchtiger und z. T. sehr bekannter Forscher und Schriftsteller hat mir schon Beiträge eingeschickt oder doch fest zugesagt. Darunter auch einige aus England. Für das erste Heft habe ich u.a. einen Aufsatz geschrieben, in dem ich den neuesten Angriff Reinkes auf Sie zurückweise. Ausser der Monatsschrift, deren Umschlagzeichnung ich Ihnen im Entwurf beilege, werden wir jährlich noch 5 Sonderbände herausgeben. Wahrscheinlich wird darunter auch die Volksausgabe des Deublerbuches von Prof. Dodel sein. Verschiedene Herren haben mir Beiträge, die eigentlich für den Monistenbund bestimmt waren, für meine neue Zeitschrift zur Verfügung gestellt, nachdem sie gehört haben, wie man mich im Bund behandelt hat. Viele Herren, die mich näher kennen, sind deshalb auch schon ausgetreten und weitere werden noch folgen, wenn mein und Schmidts Rücktritt erst weiter bekannt sein wird. Bis jetzt ist das noch nicht der Fall, da die neue Organisation so exact arbeitet, dass die Januarnummer der „Blätter“ noch immer nicht erschienen ist. Wer den Verlag und Druck hat, weiss ich noch immer nicht. Ich höre vom Bund fast nichts mehr, nur ist er mir noch Geld schuldig, das ich trotz wiederholter Mahnung meinerseits und Zusage der Kassenver-||waltung in Hamburg nicht bekommen kann. Eine neue Flugschrift habe ich noch fertig hier liegen, ich kann sie aber nicht verschicken, da ich kein Geld fürs Porto habe.

Ich bin fest überzeugt, dass unser neues Unternehmen Erfolg haben wird. Die Vorbereitungen

sind sorgfältig getroffen, die Fehler des Monistenbundes werden wir sicher vermeiden, wir werden uns nicht durch Unberufene dreinreden lassen, sondern unsern vorgezeichneten Weg unverdrossen gehen.

Vor längerer Zeit sagten Sie einmal in Jena, Sie würden, wenn Sie die Zeit noch erlebten, zum 50jährigen Jubiläum der Selectionstheorie und dem 100 jährigen der Abstammungslehre eine kleine Gedenkschrift verfassen. Wenn Sie diesen Plan ausführen, dann möchte ich schon heute anfragen, ob Sie mir den Verlag der Schrift nicht übertragen wollen. Die Bedingungen würde ich Ihnen ganz überlassen.

Vor einigen Tagen habe ich auch einen Aufsatz über den Monistenbund geschrieben, der schon vor 30 Jahren bestanden hat. Da die Sache nicht bekannt ist, wird sie jedenfalls Interesse erregen. Prof. Pohlig in Bonn hat mir einen kleinen Aufsatz, eine vorläufige Mitteilung, über die Entstehung des aufrechten Ganges der Primaten geschickt, der Sie interessieren wird. Einleiten werde ich das 1. Heft durch einen schönen Aufsatz über das

Goethe´sches Wort: ‚Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion.’ Im übrigen

will ich heute nur noch bemerken, dass die Zeitschrift ganz in monistischem Sinne redigiert

wird, so dass Sie sicher Freude daran haben werden. Denn was auch kommen mag, stets bleibe ich Ihr treu ergebener Schüler. Der Monistenbund, den ich mit so grosser Begeisterung

mitgegründet habe, hat es mir unmöglich gemacht in seinem || Rahmen für die monistische Anschauung weiter zu arbeiten, so habe ich mir denn einen neuen Wirkungskreis für meine Arbeit geschaffen. Ich habe das vor Monaten schon den Herren angedeutet, sie haben aber auf meine Worte nichts gegeben. Wenn jetzt der Bund den Schaden davon haben wird, kann ich das leider nicht ändern. Ich werde jedenfalls meine ganze Kraft für unser hoffnungsvolles Unternehmen einsetzen, und die Bereitwilligkeit, mit der viele Autoren meinem Ruf gefolgt sind, zeigt mir, dass wir Sympathien genug haben werden. Darum kann es für uns nur heissen: Avanti!

Ich hoffe, verehrtester Herr Professor, dass Ihre Gesundheit trotz des kalten Winters eine gute gewesen ist. Im Frühjahr werde ich wohl wieder einmal nach Jena kommen und ich hoffe mich dann von Ihrem Wohlergehen persönlich überzeugen zu können. Das Museum wird dann wohl bald fertig sein.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr treu ergebener Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
19-01-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6039
ID
6039