Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Odenkirchen, 5. April 1900

WILH. BREITENBACH

DR. PHIL.

ODENKIRCHEN, DEN 5. April 1900

Sehr geehrter Herr Professor,

Für die freundliche Uebersendung der Münchener Photographie sage ich Ihnen meinen besten Dank. Das Bild hat mich sehr interessirt, es scheint sehr gut zu sein, und ich bin nun neugierig, das Lenbach´sche Porträt kennen zu lernen. Giebt es keine Nachbildungen desselben?

In der letzten Woche las ich die Schrift von Wilh. Bölsche über Ihr Leben. Die ganze Darstellung hat mir gut gefallen, auch scheint mir die Auffassung Bölsches recht treffend zu

sein. Ich hätte es aber gern gesehen, wenn auch die letzten 20 Jahre Ihres Lebens etwas ausführlicher behandelt worden wären. Ich habe an Herrn Bölsche dieserhalb und wegen einiger andern Punkte geschrieben, und ihm dabei mitgetheilt, wie sehr ich mich gefreut

habe, dass endlich einmal etwas ausführlicheres über Sie für ein grösseres Publikum veröffentlicht wird. Mir selbst war freilich in dem Buche kaum etwas von Bedeutung unbekannt, da ich mich vielfach mit Ihrem Lebensgang beschäftigt || und mancherlei Material

gesammelt habe, welches Herr Bölsche nicht kennt. Hoffentlich hat das Buch guten Erfolg

und trägt dazu bei, Ihren Namen in immer weiteren Kreisen bekannt zu machen und Ihrem

Wirken mehr und mehr die verdiente Anerkennung zu verschaffen.

Mit grossem Interesse habe ich kürzlich auch die kleine Schrift des Privatdozenten L. Plate in Berlin über „Bedeutung und Tragweite des Darwin´schen Selectionsprinzips“ gelesen. Gegenüber den vielfachen und z. Th. recht sonderbaren und unhaltbaren Angriffen, denen neuerdings gerade die Selectionstheorie ausgesetzt gewesen ist, halte ich diese Arbeit für eine sehr verdienstvolle und angebrachte.

Durch einen Zufall bin ich vor kurzem in den Besitz desjenigen Exemplares Ihrer Challenger-

Siphonophoren gekommen, welches Sie s. Z. Professor Preyer dedizirt haben. Da Sie beide zu meinen bevorzugten und bewunderten Lehrern gehören, so ist mir gerade dieser Band nun doppelt werthvoll.

Die Naturwissenschaftliche Gesellschaft in Krefeld hat mich aufgefordert, nächstens einen

Vortrag || über die Geschichte der Zoologie oder der Descendenztheorie im 19. Jahrhundert

zu halten. Ich werde mich wahrscheinlich für das letztere Thema entscheiden und werde dabei dann hinreichend Gelegenheit haben, Ihrer Verdienste ganz besonders zu gedenken. Der Gegenstand reizt mich zu etwas ausführlicher Behandlung und interessirt mich sehr. Giebt es vielleicht bereits eine geschichtliche Darstellung im Sinne meines Themas? Mir ist nichts dergleichen bekannt. Ich meine natürlich besondere Bücher, nicht etwa Darstellungen wie sie sich über verschiedene Punkte z. B. in Ihren Schriften verstreut finden.

Sollte es etwas derartiges geben, so würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich darauf

aufmerksam machen wollten.

In der Hoffnung, dass es Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gut geht, bleibe ich mit den

herzlichsten Grüssen in alter Treue

Ihr ergebenster dankbarer Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-04-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 5977
ID
5977