Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Odenkirchen, 6. Februar 1895

WILH. BREITENBACH

DR. PHIL.

ODENKIRCHEN, DEN, 6. Febr. 95

Sehr geehrter Herr Professor!

Für die freundliche Übersendung Ihres Aufsatzes „Die Wissenschaft und der Umsturz“ aus Max Hardens „Zukunft“ sage ich Ihnen meinen besten Dank. Der Inhalt desselben ist mir aus der Seele gesprochen. Schon gleich im Anfang das „Berliner Konzil“ ist gut; ebenso erfreuen mich die verschiedenen „Bischöfe“ und „Prälaten.“ Die Betrachtung, die Sie an die Beerdigung von Darwin und Helmholtz knüpfen, ist vortrefflich. Die gewissen Herren || haben allerdings keine Ahnung von den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft,

oder sie thun wenigstens so. Sie scheinen ja auch keine Ahnung davon zu haben, daß sie immer mehr Menschen gewaltsam den Socialdemokraten in die Arme treiben, statt sie ihnen zu entfremden. Diese „wundervolle“ Umsturz-Vorlage würde, falls sie auch nur zur Hälfte Gesetz wird, Leute in die schärfste Opposition treiben, die bisher nichts mit den Herren Bebel etc zu thun gewollt haben.

Nun ich denke, die wissenschaftliche || Forschung, besonders die Naturwissenschaft, hat

schon andere Dämme durchbrochen wie den, der jetzt gegen sie aufgeschüttet werden soll. Trotz Pfaffen und Gendarmen und preußischen Staatsanwälten wird die fortschreitende

Entwicklungslehre auch in Zukunft auf der ersten Seite ihres Buches Ihr Motto beibehalten:

Impavidi prog[r]ediamur!

Mit Ihrem freimüthigen Aufsatz haben Sie, wie so oft schon, sicherlich Manchen erfreut, der Ähnliches gedacht hat aber nicht den Muth hatte, es öffentlich || auszusprechen. Wir alle, die nun in Ihnen unsern Meister und Lehrer erblicken, wir wissen Ihnen das tausendfach Dank.

Mit besten Grüßen bleibe ich, hochverehrter Herr Professor, in alter Treue

Ihr ganz ergebenster dankbarer Schüler Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
06-02-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 5948
ID
5948