Brettauer, Josef; Steinach, Simon

Josef Brettauer an Ernst Haeckel, Wien, 15. Dezember 1857

Wien 15.12.57.

Mein lieber Haeckel!

Bitte, ich bekenne mich zum Wiener Gemüthlichkeitsverein, in dessen Statuten ein Paragraph lautet, den Brief eines lieben Freundes u. etwaige erwiesene Aufmerksamkeiten nicht vor Ablauf von 6–8 Wochen zu erwiedern [!]. Du, der Du lange genug in der überaus gemüthlichen österreichischen Haupt- und Residenzstadt gelebt hast u. an der treuen Führerhand unseres unfehlbaren Bruders Bädeker dieselbe nach allen Seiten durchstreiftest, um in allen Gegenden u. allen Schichten zu Deiner großen Zufriedenheit, die zeitweilig in kühnen Selbstmordgedanken ihren Garten u. anständigen Culminationspunkt fand, nationalökonomische Studien anzustellen, wirst die Nichtigkeit u. Tragweite eines solchen Statuts leicht einsehen u. ermessen; Du hast dasselbe meines Erinnerns während Deiner Anwesenheit allhier auch sogleich erfaßt u. oft wochenlang mit einem Schreibebrief gekreist, der dann in einer schönen Mondnacht das Licht der Kirchengasse mit der Aussicht auf 2 dürre Obstbäume erblickte. Auch unsere lieben Freunde Richthofen u. Fockea haben sich zu den Wienern bekannt: so oft ich frage: habt Ihr an Haeckel geschrieben – ach nein, ich muß denn doch einmal dahinter gehen. Lieber Haeckel zürne uns darob nicht, wir denken oft, sehr oft Deiner, jedesmal in Begleitung einer Dosis zarter Vorwürfe gegen uns selbst u. da leistet denn unser Freund Call das Seinige, das zu seiner Länge in einem ganz merkwürdigen Verhältniß || steht. Aber was thun wir denn, was treiben wir?

Abgesehen von den eben erwähnten sich oft wiederholenden Vorwürfen der Undankbarkeit wegen Dir gegenüber, die ich schon zum größten Teil auf meine eigenen Schultern nehmen muß, machen Steinach, Call u. ich uns tagtäglich recht klar, daß wir von Grund u. Rechtswegen büffeln sollten, um unserem bevorstehenden Rigorosum vorzuarbeiten, um dasselbe gleich bei Beginn des nächsten Schuljahres uns vom Hals zu schaffen. Da man aber eine Frage hin genugsam u. bis zur vollständigen Erschöpfung ventiliren kann, so kommen wir jeden Tag auf das Thema des Studirensollens wieder zurück u. sind vor lauter Vorbereitungen noch nicht zum eigentlichen Angriff unserer Arbeit gekommen.

Wir haben Systeme gebaut u. wieder umgeworfen, wir haben zur leichtern Administration des Ganzen Minister eingesetzt u. wieder entlassen, wir haben Experten zu Collegen, welche sich in ähnlicher Lage befinden, ausgesandt, um die gesammelten Erfahrungen in unserem Studienhaushalt zu verwerthen, − kurz, wir haben Alles Mögliche bisher gethan – nur noch nicht studirt. Freund Steinach spielt zuweilen den murrenden Hauskater u. schimpft weidlich darauf los; in meiner Natur liegt ein unseliges Gährungselement, welches zuweilen die stillen Wasser der studirenden Drei gleich Berliner Weißbier in schäumende Unruh oder unruhigen Schaum versetzt u. Call b hat ob zu großer Länge u. zu schmaler Basis keinen gehörigen Schwerpunkt, so daß er zwischen Scylla u. Charybdis wie ein Schilfrohr schwankt, so daß ihn bloß noch ein höherer Gewissensbisse ob bald durchlebter zwölf – sage zwölf – Semester aufrecht erhält.

Aber in welch unglücklicher Stunde konnte uns auch der Gedanke beikommen in Rokitanskys poetisch gehaltenem || Roman das c lieblich milde Capitel „über die Verirrungen der Knochen während ihres Verweilens in dem sündhaften Menschenleibe“ aufzuschlagen, vor welchen unser körperliches Auge Nichts geschaut? Welche Gesichter schneidet da von Seite zu Seite unser lieber Call, welche Stellungen nimmt er ein, welche Ausrufe läßt er hören! Ich kann es Dir nicht beschreiben; des großen Interesse wegen aber, das sie bieten, kann ich es mir nicht versagen, Dir trotz meiner gänzlich abgehenden Zeichenkenntnisse ein möglichst getreues Conterfei von ihm herzusetzen.

[Bild eines großen, schlaksigen Mannes von hinten]

Erklärung der Figur nach Brücke:

„Denken Sie sich das Ganze von Kaulbach gezeichnet; denken Sie sich die Person im Kniegelenke senkrecht auf die Ebene des Papiers um 90° gebeugt u. gleichzeitig um 90° im Hüftgelenk parallel zur Ebene des Papiers; denken Sie sich zur rechten Zeit einen Stahl unter den − − untergeschoben; denken Sie sich ferner das Ganze um 180° gedreht u. – Sie haben die leibhaftige Figur des Herrn Call en face wie er das „hingegossene u. gleichsam erstarrte Osteophyt studirt; verstehn Sie wohl?“

Das sind unsere Privatstudien u. diese involviren auch zugleich unser ganzes Privatleben; nur der Sonntag macht eine Ausnahme, welcher nach alter orientalischer Sitte schon am Samstag Abend seinen Anfang d u. erst gegen den einbrechenden Montag hin sein Ende nimmt; vorerst wird – nach Calls Meinung – im Schottenthor gesimpelt u. da ist es auch, wo wir Richthofen regelmäßig treffen, || wo wir mit Jäger zuweilen unwillkürlich Streifzüge in die „vergleichende Vögelei“ oder Entwicklungsgeschichte mitmachen müssen, woe es zuweilen kleine Sträuße absetzt, wobei oft Du genannt u. vermißt wirst. Nebenbei bemerkt wird Jäger in nächster Zeit doch einsehen, daß er erst Specialuntersuchungen machen muß. Den edlen Sonntag beschließt in der Regel ein solides Kartenspiel, bei welcher Gelegenheit ich ausnahmslos blechen muß. – Wir besuchen auch noch Collegien u. lassen uns bei Skoda etwas über einen noch nicht mit Bestimmtheit constatirten wohl aber zu vermuthenden Zusammenhang über Lebercapillaren u. Gallengänge auftischen, lernen dann manches Schöne bei Arlt u. hören endlich noch einmal Meister Brückes Vorlesungen, bei dem wir leider bis jetzt nicht wieder arbeiten konnten, weil die Nachmittage zu kurz u. öfters durch „die gröbere u. schmutzige Secirsaalsanatomie“ in Anspruch genommen sind; er wünschte sehr, wir möchten unsere Untersuchungen über die Zellen wieder aufnehmen u. ausdehnen, damit wir nicht „todtgeschwiegen“ würden; vielleicht nach Weihnachten. Interessiren wird es Dich zu hören, daß Vietschgau, der frühere Assistent Brückes, Professor der Physiologie in Padua geworden ist u. daß Rollet, der hinter dem Bindegewebe sitzt, dessen Stelle einnimmt. Hast Du Brückes Schriftchen gegen Faraday über Gravitation u. Erhaltung der Kraft gelesen, wo nicht, schreibe es mir u. ich werde es Dir zu verschaffen suchen, es ist nämlich im Augenblick nicht mehr im Buchhandel zu haben. – u. was sagst Du zu seiner Arbeit über die Gerinnung des Blutes? er chemisirt jetzt wieder fleißig u. scheint seine Untersuchungen über die albuminoiden Substanzen fortsetzen u. vervollständigen zu wollen.

Über Ludwig kann ich Dir gar Nichts sagen, da ich leider jetzt gar nicht zu ihm komme u. die Feiertage dazu benutzen will, ihn wieder einmal zu besuchen. ||

23.12.57

Vorstehende Zeilen sind schon seit acht Tagen geschrieben; warum ihnen nicht das wenige noch Beizufügende gleich mitgegeben u. dieselben dann expedirt wurden, weiß ich selbst nicht; es scheint daß die in Wien grassirende Grippe nicht blos mich sondern auch meine Feder erfaßt hat, so daß f sie die Zeit über ihre Sprache verloren hatte.

Ich habe Dir eigentlich blos noch zu sagen, daß ich Deine schöne Arbeit mit vielem Vergnügen gelesen u. ihr viel Glück auf ihrem Laufe durch die wissenschaftliche Welt wünsche. Brücke hat Deiner und Deiner amöbenartigen (d.h. des Krebses) Blutkörperchen in seinem Vortrage bei Gelegenheit der weißen Blutkörperchen rühmend erwähnt u. auch die Krebsblutkörperchen im Colleg gezeigt.

Ich glaube beinahe vermuthen zu dürfen, daß Du mit Deinem Staatsexamen wenn auch noch nicht ganz fertig doch mitten drin steckst u. bald als freier Mensch die ganze Welt auslachen wirst u. vielleicht noch einmal nach Wien kommst. Schreibe mir recht bald was Du treibst u. was Du zu beginnen gedenkst, es interessirt mich sehr; ich will Dir nicht versprechen, aber mir vornehmen, Dir dann bälder zu antworten.

Steinach wird selbst einige Zeilen beifügen; Becker hat jetzt durch eine ganze Woche gegrippt, amüsiert sich übrigens täglich sehr gut bei Arlt, der jetzt Calls zeitweiliges Ideal ist. Ein Ideal muß Call haben, sei es nun eine „höhere Damenconversation mit den klinischen Patienten“ oder ein Profeßor, wie Virchow, Arlt oder ein „großer Scandal mit obligater Krakehlerei.“ Nur ein Ideal! Als er Deinen Brief gelesen, machte er in dem etwas niedern Zimmer einen gewaltigen Sprung, || stieß sich an u. fiel von der gewaltigen Anstrengung erschöpft lautlos aufs Sopha hin. – „Was giebts, was ist??“ – Nach vollen 5 Minuten brachte er in einem von heißen Thränen erweichten Tone die Worte heraus: Virchow läßt Call besonders grüßen! Für diesen Abend war er nicht mehr zu haben; er pumpte Geld u. bestellte sich sogleich den neuen Band von Virchows Archiv. –

Adieu, lieber Haeckel.

Sei bestens gegrüßt von Deinem

Jos. Brettauer

[Nachschrift von Simon Steinach]

Mein lieber Freund! Nachdem Brettauer in gewohnlicher langstieliger Weise alles Interessante u. Uninteressante mitgetheilt hat, erübrigt mir nichts mehr als Dich freundlichst zu grüßen, u. Dir vergnügtere Weihnachten zu wünschen, als wir sie praesumtiver Weise haben werden. Wie mir der Teufel alle Examina hohlte; man g wird trotz vielen Arbeitens doch um kein Haar klüger dabei.

Lebe wohl, u. nimm für heute vorlieb mit dem Wenigen, ein ander Mal mehr

von Deinem

Steinach

a irrtüml.: Fogge; b gestr.: r; c gestr.: m; d gestr.: nimmt; e korr. aus: wobei; f gestr.: Ihr; g gestr.: kommt

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-12-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 5808
ID
5808