Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Marie Eugenie delle Grazie, Jena, 14. Januar 1900

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena, den 14.1.1900

Hochverehrte Freundin!

Ihr langes Schweigen über die „Welträthsel“ hatte mich in Sorge versetzt, daß dieses mein „litterarisches Testament“ nicht Ihren Beifall gefunden, und daß das Viele Dumme ‒ was leider darin stehen geblieben! – die Freude an Einigem Guten desselben verdorben habe. Ihr lieber Brief, der mich zu Neujahr erfreute, hat mich glücklicherweise eines Besseren belehrt; und ich freue mich sehr, daß Sie die Übereinstimmung in unseren philosophischen Grund-Anschauungen doch herausgefunden haben. ||

Der Erfolg dieses Buches (– das ich Ihnen nach Salò hatte senden lassen –)a übertrifft meine kühnsten Erwartungen; in 3 Monaten sind über 6000 Exemplare verkauft worden.

Die Kritik (in Briefen u. Zeitschriften) ergeht sich in den verschiedensten Tonarten, vom wegwerfendsten Tadel bis zum höchsten Lobe. Jedenfalls scheint es sehr anregend gewirkt zu haben.

Die Bedenken, die Sie gegen die praktischen Consequenzen meiner monistischen Philosophie, und gegen die Möglichkeit ihrer allgemeinen Verbreitung äußern, sind gewiß gerechtfertigt. Allein ich als einfacher Naturforscher (‒ und Freund der reinen Vernunft! ‒) habe darüber keine Sorgen; das mögen die hohen Autoritäten der praktischen Vernunft besorgen, die Herren Theologen, Philosophen, Paedagogen, Juristen etc. etc. ||

Die erste Woche des neuen Jahres brachte mir mehrere Überraschungen.

Am 4. Januar erhielt ich von Meister Lenbach mein Porträt als Geschenk, sehr gelungen (in Rembrandt Manier); er hatte den Entwurf sehr schnell (in 3 Stunden) in München im Octoberb gemalt, auf meiner Rückreise von Rom u. Corsica.

– Heut vor 8 Tagen machte mir ein Telegramm aus Turin, daß die dortige Academie der Wissenschaften mir am 6. Januar den großen Bressa-Preis (10.000 Lire) verliehen habe, als Anerkennung für meine „Systematische Phylogenie“ (1894‒96) – das 3-bändige Werk in dem zum ersten Male die consequente Umbildung des organischen Systems durch die Stammesgeschichte des Thier- und Pflanzen-Reichs vollständig durchgeführt ist – die Frucht 30jähriger Arbeit. ||

Der Bressa-Preis wird nur alle 4 Jahre verliehen, als Praemie für die bedeutendste Leistung im Gesammtgebiete der Wissenschaft während dieses Zeitraums (‒ angeblich!! ‒).

Zu Weihnachten erfreute mich die ehrwürdige alte Accademia dei Lincei in Rom durch Zusendung einer ehernen Gedächtniß-Tafel, welche mir als ihrem „Socio Straniero“ gewidmet ist. Daß gerade mein geliebtes Italien mich so ehrt, freut mich besonders!

– Jetzt werfe ich mich wieder ganz auf die „Kunstformen“, von denen Sie das IV. Heft im Februar erhalten werden.

Unserm Freunde, Herrn Professor Müllner, danke ich bestens für seinen freundlichen Neujahrs-Gruss. Ich erwidere seine und Ihre guten Wünsche von ganzem Herzen!

Stets Ihr treuer, Sie hoch verehrender

Ernst Haeckel.

a eingef.: (– das ich ... senden lassen –); b eingef.: im October

 

Letter metadata

Verfasser
Datierung
14.01.1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Wien
Besitzende Institution
Wienbibliothek, NL Marie Eugenie Delle Grazie
Signatur
H.I.N. 90693
ID
53024