Leipzig d. 14 Juni 1879.
Hochgeehrter Herr Professor!
Für die freundliche Zusendung Ihres Vortrages über den Ursprung der Ctenophoren sage ich meinen ergebensten Dank. Er hat mich um so mehr interessirt, als ich auf Grund der Entwicklungsgeschichte zu fast identischen Anschauungen gelangt bin. Da ich annehmen kann, dass eine Uebereinstimmung Ihrer Deduktionen mit den That-Sachen der Entwicklung Ihnen eine erwünschte Bestätigung für die Richtigkeit sein wird, so erlaube ich mir in aller Kürze die wesentlichen Punkte hervorzuheben.
Vor Allem gelang es mir bei sämmtlichen auf die Entwicklung hin untersuchten Arten nachzuweisen, das ein Nahrungsdotter nie bei den Rippenquallen ausgebildet wird, sondern dass die grossen bei den ersten Entwicklungsvorgängen abgetheilten Furchungskugeln stets ihre Zellcharaktere beibehalten und wahre Entodermzellen repräsentiren. Die vier „Dottersäcke“ von Agassiz und Kowalewsky sind als Entodermsäcke zu bezeichnen, welche durch Bildung einer Höhle die Anlage des || Trichters und der peripherischen Gefässe abgeben. Stets grenzt sich der vom Ektoderm aus eingestülpte Magen scharf gegen diese vier primären Entodermsäcke ab, die bald in die Länge wachsen und sich dichotomisch gabelnd allmählich ihre definitive Ausbildung erreichen.
Magen und Gefässsystem verdanken also bei Ctenophoren verschiedenen Keimblättern ihren Ursprung.
Vergleicht man nun einen ungefähr gleichweit entwickelten Medusenembyo (ich wähle dazu ein nach Fol schematisirtes Stadium der Geryonia) mita einem Ctenophorenembryo, so ergibt sich, dass die spätere verdauende Cavität des einen entwicklungsgeschichtlich nicht homolog ist derjenigen des anderen:
[Zeichnung:] Geryonia und Ctenophore
Wohl aber hat sich die orale Ektodermscheibe der Meduse bei den Ctenophoren eingestülpt, um den Magen zu || bilden, indess der Magen der Meduse mit dem Trichter der Ctenophore zu homologisiren ist. Insofern die orale Ektodermscheibe später die Muskelepithelien der Subumbrella und der verdickte Randwulst die Anlage des Schirmrandes, der Fangfäden und des Velum abgeben, so ist die Magenfläche der Ctenophore homolog der Subumbrella der Meduse, der Trichterschlund homolog dem Medusenmund und der Mundrand homolog dem Schirmrand. Aus diesen wesentlichen Homologien lassen sich leicht die weiteren ableiten.
Die Existenz von Cladonemiden, welche in so eigenthümlicher Weise Anklänge an Ctenophoren darbieten, ist natürlich von hohem Interesse. Durch stärkere Ausbildung der Cilien der 8 flimmernden Nesselstreifen und die Umkehrung in der Bewegungsrichtung, welche bei Ctenophoren vorwiegend mit dem Mund voran erfolgt, lassen sich dann die übrigen Eigenheiten in der Ctenophorenorganisation erklären. Vor Allem erkläre ich mirb die Lage des Nervencentrums am aboralen Pol daraus, dass die Randkörper bei der Bewegungsrichtung der Ctenophoren leicht Alterationen ausgesetzt wären, die durch eine geschützte Lage am aboralen Pol vermieden sind. Dort treten sie, weil in die Hauptachse || fallend, in der Einzahl auf und übernehmen die Regulirung der Schwimmplättchenbewegung.
Einen principiellen Gegensatz zwischen Greifzellen und den die Nesselkapseln erzeugenden Zellen kann ich ebenfalls jetzt nicht mehr aufrecht erhalten, zumal neuere Beobachtungen darauf hindeuten, dass die Nessel-Kapseln in dem nach Aussen gewendeten protoplasmatischen Theil c von Muskelzellen ihren Ursprung nehmen. Meine Polemik gründete sich auch wesentlich gegen eine Identificirung des peripherischen Theils der Greifzelle mit einer Nessel-Kapsel als solcher. Ich gebed Ihnen anbei eine schematische Skizze einer Greifzelle.
[Zeichnung:]
Meine ausführliche Arbeit, deren Herausgabe sich leider verzögerte, da ich durch anderweitige Verpflichtungen mannichfach am steten Ausarbeiten verhindert werde, hoffe ich gegen Ende diesses [!] e Herbstes Ihnen zusenden zu können und zeichne bis dahin
hochachtungsvoll und ergebenst
Ihr
Dr. Carl Chun.
a gestr.: und; eingef.: mit; b eingef.: erkläre ich mir; c gestr.: der; d gestr.: füge; eingef.: gebe; f gestr.: Jahres