Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an das Großherzogliche Staatsministerium zu Weimar, Jena, [10. August 1865]

Hohes Großherzogliches Staatsministerium!

a Das Interesse, welches das hohe Staatsministerium für eine gedeihliche Entwicklung der naturwissenschaftlichen Studien an der hiesigen Universität hegt, b und dasc dringende Bedürfniß einer ansehnlichen außerordentlichen Unterstützung zur Hebung insbesondere des zoologischen Unterrichts, veranlaßt mich, demselben die nachstehende Bitte ergebenst vorzutragen.

d Der Umstand, daß das hohe Staatsministerium vor einem halben Jahr die Gründung eines ordentlichen Lehrstuhls für Zoologie an der hiesigen Universität beschloß, gestattet die Voraussetzung, daß dasselbe die hohe Bedeutung dieses Unterrichtszweigs und die Berechtigung desselben auf gleiche Ansprüche, wie sie den übrigen Naturwissenschaften zustehen, anerkennt. So sehr der Unterzeichnete dem hohen Staatsministerium für diese Anerkennung und für den Umstand, daß dasselbe ihm die Vertretung dieses neuen Lehrstuhls übertragen hat, zu lebhaftem Dank verpflichtet ist, so sieht derselbe sich doch zu seinem Bedauern außer Stande, mit den äußerst geringen Mitteln, welche der Anstalt gegenwärtig zu Gebote stehen, bseine Wünsche zu verwirklichen. ||

e Der ordentliche Jahres-Etat von 140 rℓ, welcher dem zoologischen Museum zu Gebote steht, ist so gering, wie er wohl nur auf sehr wenigen Universitäten gefunden wird. Auch f kann dieser geringe Etat nicht einmal einzig zur Erhaltung und Vermehrung der Sammlung verwendetg werden, sondern es müssen auch die Kosten, welche die Benutzung des h zoologischen i (und zugleich mineralogischen) Auditoriums, besonders im Winter erfordert (die Reinigung, Heizung etc.) aus demselben bestritten werden.

Das Bedürfniß entweder einer ansehnlichen Erhöhung des ordentlichen Jahres-Etats, j oder der Gewährung eines entsprechenden außerordentlichen Zuschusses macht sich aber gerade im gegenwärtigen Moment um so fühlbarer, als einerseits das zoologische Museum eine sehr beträchtliche Erweiterung erfahren hat, und andererseits daß ein zoologisches Institut mit dem nächsten Semester ins Leben tritt. Ich werde mir erlauben, diese beiden Angelegenheiten dem hohen Staatsministerium gesondert vorzulegen. ||

k I. Das zoologische Museum

Das Großherzogliche zoologische Museum l ist im verflossenen Sommer einer völligen Umgestaltung und Neuordnung unterworfen worden, wozu einerseits der Gewinn eines neuen mZimmers zur Aufstellung, andererseits die Einverleibung meiner Privatsammlung Veranlassung gegeben hat. Zur Orientirung über die gegenwärtige Aufstellung n und Vertheilung der Thiere erlaube ich mir auf den beiliegenden Plan zu verweisen.

[Grundriss des zoologischen Museums]

Das neue Zimmer, welches auf dem beifolgenden Plane mit IV bezeichnet ist, wurde dadurch gewonnen, daß das Großherzogliche Staatsministerium im vorigen Jahre die von o mir beantragten Wegnahme der Querwand, welche mitten durch dieses Zimmer lief, gnädigst genehmigte. Durch die Wegnahme dieser Wand und den Durchbruch eines nach Norden gelegenen Fensters ist eine sehr geräumiger und heller dreifenstrigerp Saal gewonnen worden, in welchem 5 große Schränke Platz haben, während vorher von den beiden kleinen und dunklen einfenstrigen Zimmern, die durch die Querwand getrennt wurden, das eine gänzlich, das andere fast ganz unbrauchbar zur Aufstellung von Schränken war. || Auch diente in der That der eine dieser kleinen Räume nur als Rumpelkammer, während der andere nur einen einzelnen Schrank, den der Crustaceen U enthielt.

Gegenwärtig sind von den 6 Schränken, welche diesen Saal füllen sollen, erst 3 fertig, nämlich derjenige, welcher die Krebse U q und Käfer und Pflanzenthiere (S) enthält. Die 3 übrigen neuen Schränke sind im Bau begriffen und werden in den nächsten Monaten vollendet und fertiggestellt werden. Die betreffenden Thierklassen sind vorläufig noch in dem Rest der alten unbrauchbaren Schränke untergebracht.

Mit der Beschaffung dieser 3 Schränke ist dann die Reorganisation der Sammlung, welche von meinem Vorgänger Herrn Hofrat Gegenbaur mit dem besten Erfolg begonnen wurde, glücklich vollendet, und ich darf mich deshalb wohl der Hoffnung hingeben, daß das hohe Ministerium die Kosten welche die Beschaffung dieser letzten neuen Schränke noch erfordert, durch 1r außerordentlichen Zuschuß gnädigst decken werde.

Diese Kosten s erlaube ich mir nun zunächst mit den übrigen dringendsten Bedürfnissen des Museums zusammenzustellen. ||

Das Großherzogliche zoologische Museum in seiner gegenwärtigen Gestalt besteht aus 5 Säälen, welche durch 5 Thüren verbunden sind und das Licht durch 13 Fenster erhalten und welche zusammen [Textlücke] Schränke enthalten.

Das erste t Zimmer als der Saal der Säugethiere, mit 3 Fenstern, enthält in 7 Schränken

1. die ganze Klasse der Säugethiere (A-D)

2. die ganze Klasse der Reptile (E, F)

3. die u trockenen Präparate der Klasse der Cephalopteren (Schalen der Schnecken) G.

Das II Zimmer als der Saal der Muscheln enthält in 6 Schränken

1. die eine Hälfte der Vögel Klasse (Raub Klett etc.) H-L

2. die ganze Klasse der Muscheln (Lamellibranchia) N

3. die ganze Klasse der Mollusken (Tunis) M ob. H

4. einen Theil der Schmetterlings-Ordnung (M) unt. H

Das III Zimmer als der Saal der Vögelv enthält in 5 Schränken

1. die andere Hälfte der Vögel Klasse O-Q

2. den anderen Theil der Schmetterlings-Ordnung

3. die Conchylien Sammlung der Großherzogin Amalia.

Das IV Zimmer der Wirbellosen enthält in 6 Schränken

1. Die ganze Klasse der Lurche R

2. den ganzen Kreis der Pflanzenthiere S

3. " Echinodermen T

4. " Würmer V

5. die ganze Klasse der Krebsthiere U

6. die ganze Ordnung der Käfer Yb

Das V Zimmer, Fisch-Sammlung enthält in 4 Schränken

1. die ganze Klasse der Fische (W, Z)

2. " Dintenfische X

3. " Arachniden

4. " Schwämme Spongien ||

Bedürfnisse des Museums.

A. Kosten für die neuenw Schränke.

Noch nicht bezahlt sind:

A I) die bereits fertigen Schränke B 58

C 38

S 63

A II) die in Arbeit begriffenen Schränke T 63

R cc 38

V cc 40

300

Hierzu bemerke ich, daß die baldige Auszahlung der Hälfte dieser Summe sehr wünschenswerth ist, wogegen die andere Hälfte noch Zeit hat.

B Kosten für

I. Gläser

Der Gläser Vorrath ist gänzlich erschöpft, indem x nicht allein die neueny Gläser mit eingeriebenem Stöpsel, deren Anschaffung durch den vor 2 Jahren gnädigst bewilligten außerordentlichen Zuschuß möglich wurde, sämmtlich in der Sammlung aufgestellt, sondern auch die bereits ausrangirten alten, großentheils trüben und blasigen Gläser z aus Mangel an andern zum Theilaa wieder haben verwendet werden müssen. Ein großer Theil von Weingeist Präparaten konnte aus diesen Gründen wie endlich eine Sammlung von mehr als 100 Schlangen, bisher noch gar nicht aufgestellt werden. Für die Deckung dieses dringendsten Bedürfnisses würden 60‒100 rℓ genügen.

C. Kosten für

Pappkasten zur Aufstellung trockener Präparate. ||

Die Anschaffung der Gläser und der dazu gehörigen Conservations-Mittel ist aus dem ordentlichen Etat dieses Jahres nicht mehr zu bestreiten, da derselbe auf 16 rℓ 7 d herabgesunken ist, welche zur Heizung des Auditoriums werden verwendet werden müssen.

Ich darf wohl hoffen, daß das hohe Staatsministerium diese Zuschüsse gerne decken wird, wenn es den jetzigen Zustand der Sammlung mit dem früheren vergleicht, und insbesondere den ansehnlichen Zuwachs erwägt, welchen dasselbe durch die Einverleibung meiner Privatsammlung noch erhalten hat, welche bereits unter die Klassen vertheilt ist, jedochbb für sich allein den 4tencc Saal vollständig ausgefüllt haben würde. In einzelnen Thierklassen, wie namentlich die der Fische etc ist dadurch die Zahl der vorhandenen Arten um mehr als doppelt, die Zahl der Exemplaredd um das Vielfache vermehrt, und die Fische, welche vorher im dem Schrank W Platz hatten, erfüllen jetzt die 4 Schränke W Z der Krebse.

ee Wenn ich hierdurch gezeigt habe, daß ich an der Ausbildung und dem Wachsthum des Museums den ernstlichsten Antheil nehme, wie ich denn auch die ganze verflossene Summe fast allein der Ordnung und Erweiterung desselben gewidmet habe, so darf ich mich wohl der Hoffnung hingegen, daß das hohe Staatministerium seinerseits durch gnädige Verwilligung der nothwendigen Zuschüsse mein eifriges Bestreben unterstützen werde. Die Opfer an Zeit und Mühe, welche ich selbst der Sache bringe, sind um so beträchtlicher, als mir Niemand bei der [Textlücke] ich fast alle Geschäfte allein besorgen muß. ||

II. Das Zoologische Institut

Obgleich ich fürchte, die finanziellen Kräfte des hohen Staatsministeriums ff für die Sammlung bereits stark in Angriff genommen zu haben, komme ich dennoch nicht umhin, auch noch für die eine und andere Seite des Zoologischen Instituts mir die Hülfe desselben ergebenst zu erbitten.

Ein zoologisches Institut gg, welches bestimmt ist, diejenigen Studirenden, welche hhdurch eigene Untersuchungen tiefer in dieii Formen und die Thierkunde einzudringen wünschen, Gelegenheit dazu, und endlich zu zootomischen Übungen zu geben, jj existirt auf den meisten Universitäten und sollte auf allen existiren. An der hiesigen Universität warkk dasselbe bisher zwar nicht dem Namen, wohl aber der Sache nach schon vorhanden, als die betreffenden Studierenden durch zootomische ll und histologische Übungen, welche abwechselnd von meinem Vorgänger Herrn Hofrat Gegenbaur und von mir im Anatomiegebäude gehalten wurden, Gelegenheit zu derartigen Übungen geboten war, und auch benutzt wurde. Nun hat aber die Entfernung des Anatomie Gebäudes von der zoologischen Sammlung den Nachtheil, daß die Benutzung des in letzterem enthaltenen Materials hierbei ganz mm ausgeschlossen oder doch sehr beschränkt war.

Der besondere Wunsch einiger Schüler, welche sich speciell mit Zoologie beschäftigen und die Grherzogliche Sammlung näher kennen zu lernen wünschen, [!] beabsichtige ich nun im nächsten Wintersemester zum ersten Male in nn meinem zoologischen Arbeitszimmer auf dem Großherzoglichen Schlosse einen zoologischen Cursus zu halten. Hierzu bedarf es jedoch nothwendig der Anschaffung einiger der nothwendigsten Hülfsmittel zu zootomischenoo Untersuchungen, Hülfsmittel, die mir auch für die Demonstration in den Vorlesungen über Zoologie dringendes Bedürfniß sind, und die mir bisher nur durch Entleihen von der anatomischen Anstalt zu Gebote standen. Als solche sind zu bezeichnen ||

1. Eine Anzahl anatomischer Instrumente, Messer

2. Eine Anzahl Schüsseln, Teller, Näpfepp, Präparirgläser etc.

3. Ein Reagentien Kasten

4. Einige Mikroskope.

qq Über die Hilfsmittel dieser Art, welche mir bisher bei den wissenschaftlichen Demonstrationen in der Vorlesung über Zoologie und bei einigen zootomischen Übungen zu Gebote standen, bemerke ich folgendes.

1. Das Instrumentarium der obgenannten Hilfsmittel, welches ich bei der Übernahme des zoologischen Museums vorfand, bestand nurrr in 1 Porzellan Schüssel, 1 Napf, 1 alte Pincette und einigen alten Scheeren. Ich habe mich daher ss meines eigenen Privat-Instrumentariums bedient, welches jetzt in Folge dessen schon ziemlich abgenutzt ist.

tt Zu den mikroskopischen Demonstrationen in der Vorlesung habe ich bisher mich theils meiner eigenen (vier) Mikroskope, theils einiger (3‒4) Mikroskope bedient, welche von dem anatomischen Institut entliehen wurden, und zum jedesmaligen Gebrauche entliehen und wieder zurück geschafft werden. Da jedoch diese Instrumente durch den oft wiederholtenuu Transport sehr leiden, und überdies diese Entleihungen für beide Anstalten, die anatomische wie die zoologische mit vielerlei Übelständen verknüpft sind, so erscheint die Anschaffung einiger eigener Mikroskope, die auch zu den zoologischen Übungen genutzt werden können, unerläßlich. Bei dem Preise von cc 50 rℓ für 1 Mikroskop mittlerer Größe [Schluss fehlt]

a gestr.: der Umstand, daß; b gestr.: veran; c korr. aus: daß; d gestr.: Es wird; e gestr.: Durch eine Verkettung von eigenthümlichen Umständen, die größtentheils unglücklicher und zufälliger Natur sind, ist die Entwicklung der zoologischen Wissenschafthier weit hinter den übrigen Wissenschaften und namentlichnhinter dem nächststhenden Fach der Botanik zurückgeblieben. Noch bis vor kurzem sind 2 Decennien verflossen, seitdem | Sowohl wie; f gestr.: ist d; g gestr.: bestritten; eingef.: verwendet; h gestr.: Audit.; i gestr.: mineralog.; j gestr.: als; k Der zu Gebote stehende Jahresetat ist so gering, daß; l gestr.: habe ich; m gestr.: Saals; n gestr.: das neue Zimmer,; o gestr.: dem Unterz; p eingef.: dreifenstriger; q gestr.: und derj; r eingef.: Kosten welche ... noch erfordert, durch 1; s gestr.: welche dies; t gestr.: Saal; u gestr.: Theil; v eingef.: Vögel; w eingef.: neuen; x gestr.: die neuen Gl; y gestr.: alten; eingef.: neuen; z gestr.: wegen gänzlich in der die; aa eingef.: zum Theil; bb gestr.: und welche; eingef.: jedoch; cc eingef.: den 4ten; dd eingef.: Exemplare; ee gestr.: Ich erlaube mir dies hervorzuheben, denn; ff gestr.: durch die; gg gestr.: wie es f; hh gestr.: sich; ii eingef.: tiefer in die; jj gestr.: sollte; kk gestr.: fehlte; eingef.: war; ll gestr.: , vergl; mm gestr.: oder d; nn gestr.: dem; oo eingef.: zootomischen; pp eingef.: Näpfe; qq gestr.: Die; rr eingef.: nur; ss gestr.: sowohl zu d; tt gestr.: Die; uu eingef.: oft wiederholten

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
10-08-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Weimar
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 50106
ID
50106