Siebold, Carl von

Carl von Siebold an Ernst Haeckel, München, 26. Dezember 1870

München den 26ten Dez.

1870.

Verehrtester Herr Kollege und Freund!

Mit größter Freude und Genugthuung entnahm ich aus Ihrem heute Morgen erhaltenen Briefe, daß das geschehen, was ich schon vor längerer Zeit mit meinem Kollegen Zittel besprochen hatte, nämlich daß das Wiener Cultus-Ministerium nichts besseres und richtigeres thun könne, als Sie an die Stelle Knerʼs zu berufen. Wir waren darin übereingekommen, dass Sie diejenige Persönlichkeit seien, welche allein der schwierigen Aufgabe gewachsen wäre, die in Wien seit lange verkommene zoologische Wissenschaft empor zu richten.

Ich war allerdings öfters in Wien, aber nur des Materials wegen, das ich zu meinen zoologischen Arbeiten bedurfte. Die dortigen Vertreter der Zoologie haben ihre Bestrebungen niemals über die Systematik hinaus erstreckt. Von allen jetzt in Wien lebenden Zoologen ist der Entomologe Brauer der einzige, welcher durch seine biologischen Forschungen Interesse erwecken kann. Daß eine solche veraltete sterile Richtung der Wiener Zoologen einen höchst nachtheiligen stagnirenden Einfluß ausüben mußte und wirklich ausgeübt hat, läßt sich überall in Oestreich erkennen. Sie werden also in Wien eine sehr wichtige Aufgabe zu lösen haben, nämlich die Belebung der dort gänzlich darnieder liegenden zoologischen Wissenschaft. Sie besitzen alle Eigenschaften, diese Aufgabe zu lösen, davon bin ich fest überzeugt, und daher kann ich nicht unterlassen, den dringenden Wunsch auszusprechen, Sie möchten den Ihnen angebotenen Ruf annehmen, schon deshalb, um unserer Wissenschaft den großen Dienst zu leisten, die in Oestreich schlummernden zoologischena Kräfte zu wecken, anzuregen und zu weiterer Entwicklung anzuleiten.

Daß man in Oestreich Sinn und Neigung für die zoologische Wissenschaft hat, davon habe ich mich auf meinen Reisen oft genug überzeugt, zugleich habe ich aber auch dabei wahrgenommen, daß es überall in Oestreich an || derjenigen zoologischen Schule fehlt, welche der jetzige Stand unserer Wissenschaft verlangen muß. Diese zoologische Schule zu gründen und durch Ihre Thätigkeit zu beleben, diese Aussicht, eine so schöne große Aufgabe zu lösen, eröffnet sich jetzt Ihnen, ich glaube, Sie dürfen die Uebernahme dieser Ihnen dargebotenen Aufgabe nicht zurückweisen. Jedenfalls sind alle Elemente in Oestreich vorhanden, mit denen sich eine solche Schule gründen und fruchtbringend fort erhalten lässt.

Was nun Ihre speciellen an mich gerichteten Fragen betrifft über die Verhältnisse des Zoologen an der Wiener Universität, so kenne ich die näheren Beziehungen zu wenig, mit denen derselbe als Lehrer und Examinator z. B. zu den damit verbundenen Nebeneinnahmen steht; jedenfalls hängt die Frequenz des Auditoriums für Zoologie auch in Wien, wie an anderen Universitäten, mit dem Umstande eng zusammen, ob die Zoologen für gewiße Studierende (für Mediziner und Pharmazeuten) obligat ist oder nicht. Soviel ich weiß, ist in Wien die Zoologie im Studienplan für Medizin und Pharmacie vorgeschrieben. Nun frägt es sich, ob nicht in der letzten Zeit Kner mitb Schmarda das Examen und deren Gebühren zu theilen hatte, indem durch Protektion dem Schmarda das Examiniren der Pharmaceuten zugetheilt wurde. In diesem Falle sind ihm sicherlich auch die Pharmaceuten als Zuhörer seiner Vorlesung zugefallen. Hier müssen Sie sich vorsehen, bei einem solchen Arrangement kann durch irgend eine Willkürlichkeit die Stellung und der Erfolg eines Fachlehrers sehr verdorben und abgeschwächt werden.

Sie sehen aus diesen Andeutungen schon, wie nothwendig es für Sie ist, sich durch genaue Orientirung über das künftige Terrain Kenntniß zu verschaffen, um bei dem Stellen der Bedingungen nichts zu übersehen. Ich muss Ihnen daher dringend raten, daß Sie sich in Wien persönlich, und zwar möglichst bald präsentiren, es wird Ihnen das noch in vielen anderen Beziehungen außerordentlich nützen. An Ort und Stelle werden Sie || am sichersten erkennen, welche Bedingungen Sie zu stellen haben, unter deren Erfüllung Sie sich allein veranlasst sehen können, ihre jetzigen angenehmen Verhältnisse aufzugeben, um einen neuen, Ihnen fremden Boden zu betreten, den Sie erst für Ihre künftige Wirksamkeit herrichten müssen.

Das zoologische Kabinet der Universität, über welches Kner als alleiniger Vorstand zu disponiren hatte, als ich es zuletzt sah, schien mir für zoologische Vorlesungen zu genügen; wie viel Etat aber dieses Kabinet jährlich zu verwenden hat, weiß ich nicht zu sagen. Das Schlimmste dürften aber die Lokalitäten sein, welche sie dort erwarten, um in denselben die Studenten zum Mikroskopiren und zu selbstständigen Arbeiten anzuleiten. Solche Räumlichkeiten mit Arbeitsplätzen, Instrumenten, Mikroskopen, nöthigen Utensilien u.s.w. existiren dort nicht, da Kner niemals dergleichen zoologische Kurse gab und auch nicht geben konnte. Hier werden Sie sich mit eigenen Augen überzeugen müssen, daß der Boden für dergleichen Leistungen eines Lehrers der Zoologie erst noch geschaffen werden muß und daß dieser Mangel eine Hauptveranlassung sein wird, bestimmte Forderungen und Bedingungen zu stellen. Kner hat mich bei meinem Besuche seines zoologischen Kabinets einige Male in ein Paar kleine finstere Räume geführt, die mir kaum den Namen von Arbeitszimmern zu verdienen schienen, da in denselben alles fehlte, was man als Ausstattung eines Arbeitszimmers, wie sie der jetzige Standpunkt der zoologischen Wissenschaft in Anspruch nehmen muß, erwarten sollte.

Wie ich höre, soll die Wiener Universität mit ihren Attributen, darunter also auch das zoologische Kabinet, aus der innern Stadt in ein neu gegründetes aber noch nicht eingerichtetes Gebäude vor dem Schottenthore übersiedeln. Es muß für Sie von der größten Wichtigkeit sein, den Plan dieses neuen Universität-Gebäudes || einzusehen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß auch für solche Räumlichkeiten vorgesehen ist, welche sich zur Errichtung eines zoologischen Instituts verwenden lassen; denn auf Gründung eines solchen Instituts müssen Sie bestehen, das halte ich für die Hauptaufgabe Ihrer künftigen Wirksamkeit in Wien, wodurch allein dem bisherigen einseitigen Treiben der östreichischen Zoologen gegenüber eine andere und dem Bedürfniße entsprechende Richtung erzielt werden kann.

Das kaiserliche Hof-Naturalien-Kabinet steht mit den Naturalien-Kabineten der Universität in gar keiner direkten Beziehung. Der Vorstand der zoologischen Abtheilung jenes Kabinets ist jedoch äußerst gefällig und liberal. Derselbe sieht es sogar gerne, wenn Männer der Wissenschaft den zoologischen Reichthum des Hofkabinets zu ihren Arbeiten benutzen wollen. Sollte Ihnen diese Art und Weise, das Hof-Naturalien-Kabinet zu Ihren Studien benützen zu dürfen, nicht behagen, indem Sie dabei freilich von dem guten Willen des Personals dieses Kabinets abhängig wären, so müßten Sie es versuchen, sich eine bestimmte, selbstständige Stellung zu diesem Kabinete zu verschaffen. Welchen Weg Sie dazu einzuschlagen hätten, darüber würden Sie die nöthigen Winke durch Herrn Tschermak erhalten können, welchen als Universitäts-Professor es gelungen ist, zugleich an der mineralogisch geologischen Abtheilung des kaiserlichen Naturalien-Kabinets diejenige Stellung einzunehmen, welche Ihnen an der zoologischen Abtheilung desselben Kabinets einzunehmen wünschenswerth erscheint.

Sie sehen, daß Ihre persönliche Orientirung und Betreibung dieser Berufungs-Angelegenheit an Ort und Stelle von Ihrer Seite gar nicht zu umgehen ist. Ich rechne darauf, daß Sie diese Expedition sobald als möglich unternehmen, und empfehle Ihnen in Wien den liebenswürdigen besonnenen Kollegen Brücke, den sie gewiß kennen werden. Brücke, ein Stralsunder, Schüler von Johannes Müller, der schon so lange als Preuße in Oestreich gelebt hat, wird Ihnen gewiß die besten Aufklärungen über die guten und schlimmen Seiten geben können, welche einem Norddeutschen in Wien und Oestreich entgegentreten.||

Sollte es Ihnen wirklich nicht gelingen, in Wien fest zu wachsen, wie es doch Brücke gelungen ist, so werden Sie ebenso leicht, wie Ludwig, den Weg nach Deutschland zurückfinden; ja, ich möchte behaupten, daß der Weg nach München von Wien für Sie leichter zu erreichen sein würde als von einer norddeutschen Universität aus. Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne jenen Punkt noch weiter zu berühren, auf den Sie in Ihrem Briefe hingewiesen haben. Auch ich habe in der letzten Zeit oft daran gedacht, daß Sie einmal meine Stelle hier einnehmen sollten. Früher glaubte ich, Leuckart würde mein Nachfolger werden, indem es nahe lag, daß meine Kollegen Liebig und Bischoff zugleich sich ihres ehemaligen Kollegen in Giessen erinnern würden, wenn die Frage der Berufung eines Zoologen hier zur Sprache kommen sollte. Seitdem aber Leuckart Leipzig mit Giessen vertauscht hat, habe ich diesen Gedanken aufgegeben, weil ich mir sagen mußte, daß Leuckart gewiß gerne das untergehende Giessen verlassen, nicht aber das aufblühende Leipzig aufgeben würde.

Indem ich überzeugt war, daß auch mein Kollege Zittel in der Hauptsache, nämlich darin, daß Sie auf die Berufung nach Wien eingehen müssen, mit mir übereinstimmen wird, habe ich mich beeilt, Ihnen so rasch als möglich auf Ihre Fragen zu antworten, damit Sie von Ihrer Aufregung, die ich sehr natürlich finde, erlöst und in diejenige ruhige Stimmung versetzt werden möchten, in der es allein möglich ist, für solche Angelegenheiten den richtigen Entschluß zu fassen.

Ihnen alles Gute zum Gedeihen Ihrer weiteren Laufbahn, die Sie bis jetzt mit so vielen Erfolgen betreten, von ganzem Herzen wünschend, verbleibe ich

Ihr freundlichst ergebener

C. v. Siebold.

a eingef.: zoologischen; b gestr.: durch; eingef.: mit

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-12-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 50028
ID
50028