Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Eduard Suess, [Jena, ca. 4. Februar 1871]

Hochverehrter Herr College!

Nehmen Sie zunächst meinen herzlichsten Dank entgegen für das freundliche und vertrauensvolle Schreiben, das ich gestern von Ihnen empfangen habe. Die darin entwickelte Idee, an der Universität zu Wien einen Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie zu errichten und mir anzuvertrauen, hat a mein lebhaftestes Interesse erregtb, ohne daß ich gleichwohl bereits im Stande wäre, mich zu entscheiden, ob ich in der That diesen Lehrstuhl übernehmen könnte und dürfte.

Der Wunsch, daß an der größten deutschen Universität ein derartiger Lehrstuhl für allgemeine Naturgeschichte oder generelle Biologie, oder Entwickelungslehre oder empirische Naturphilosophie wie Sie das Ding sonst nennen wollen, errichtet werden möge, hat mich schon seit langer Zeit beschäftigt. Es ist sicher c vorauszusehen, daß derartige Lehrstühle, denen die Vertretung und Verbreitung der höchsten und allgemeinen Aufgaben der biologischen Wissenschaft zur Aufgabe fällt, früher oder später wirklich eingerichtet werden und daß sie die Wissenschaft mächtig fördern werden. Eine andere Frage aber ist es, ob die Zeit dafür jetzt schon || gekommen ist und ob diese Aufgabed sich jetzt schon an der Wiener Universität ausführen läßt. Und gerade in dieser Beziehung drängen sich mir bei reiflichster Erwägung der Sachlage so vielerlei Bedenken auf, daß ich jene Frage fast verneinen möchte.

Schon vor einigen Jahren habe ich diesen Gegenstand wiederholt in Berlin mit e befreundeten und gleichgesinnten Fachgenossen und Freunden der Wissenschaft erörtert, und schon damals wurde mir von mehreren Seiten der Wunsch geäußert, daß ich eine derartige, an der Berliner Universität zu errichtende Stelle, übernehmen möchte. Natürlich ist unter den gegenwärtigen traurigen Unterrichts Verhältnissen in Preußen, unter dem systematisch rückwärtsstrebenden Ministerium Mühler, und wohl noch auf lange Zeit hinaus die Erfüllung jenes Wunsches ganz unmöglich. Jene Besprechungen haben mich aberf damals angeregt, lange über die Sache nachzudenken, die mich zuerst mit enthusiastischem Eifer erfaßte und der ich damals vielleicht unbedingt meine Kräfte gewidmet haben würde. Je mehr ich aber nüchtern und kühl alle Seiten dieser Frage g bei mir erwog, desto mehr kühlte sich jener Eifer ab, und das Endresultat war die Überzeugung, daß die Zeit für die Errichtung derartiger Lehrstühle noch nicht gekommen sei. ||

In ähnlicher Weise scheint mir auch jetzt der vortreffliche Reform Plan Sr. Excellenz des Herrn Unterrichts Ministers v. Stremayr zwar höchst anerkennenswerth, aber kaum realisirbar. Er ist ein in meinen Augen neues Zeugniß dafür, daß Hr. v. Stremayr wie leider nur selten ein Unterrichts Minister, die höchsten Unterrichts-Aufgaben mit klarem Blick richtig erfaßt und in dem h weitreichendsten Sinne zu fördern bemüht ist. Aber ich fürchte, daß Seine Excellenz hierbei allzu sehr von idealen Bestrebungen geleitet wird, deren Durchführung auf dem realen Boden der factischen Verhältnisse auf unübersteigliche Hindernisse stößt.

Mein Bedenken i gegen den Vorschlag schriftlich in gehöriger Weise nieder zu setzen, würde kaum möglich sein. Dagegen werde ich sehr gern bereit sein, Ihnen mündlich die ausführlichste Rechenschaft davon zu geben und meine Ansichten zu entwickeln. Die erwünschte Gelegenheit dazu bietet sich in dem Umstande, daß ich in den bevorstehenden Osterferien eine (schon im letzten Herbst beabsichtigte, aber wegen des Kriegs unterbliebene) Reise nach Triest und Dalmatien unternehme, um dort am Meeresstrande meine seit Jahren begonnene Untersuchung über die Kalkschwämme zu beendigen.

Mein Weg führt mich über Wien und ich werde nicht verfehlen || Sie aufzusuchen und eventuell mit Ihnen oder mit Seiner Excellenz Herrn v. Stremayr den Gegenstand weiter zu besprechen. Ich denke in den letzten Tagen dieses Monats oder spätestens in der nächsten Ferien Zeit von Jena abzureisen und werde Ihnen j den Tag meiner Ankunft in Wien noch vorher melden. Es freut mich, daß ich Ihnen dadurch zugleich die Mühe abnehme, mich hier in Jena aufzusuchen. Für die Bereitwilligkeit, mit der Sie sich dieser Mühe unterziehen wollten, statte ich Ihnen meinen wärmsten Dank ab.

Was meine hiesige Stellung betrifft, so bin ich jedenfalls für die nächsten beiden Semester durch eine gegebene Zusage noch an Jena gebunden, und es würde sich also nur fragen, ob ich günstigen Falls über ein Jahr die angebotene Professur in Wien übernehmen könnte. Ich muß Ihnen aber offen gestehen, daß ich an der Möglichkeit sehr zweifle, aus Gründen, die ich Ihnen mündlich auseinander zu setzen die Ehre haben werde.

Ich darf Sie ergebenst ersuchen Herrn von Stremayr von dem wesentlichen Inhalte dieses Schreibens in Kenntniß zu setzen, [Text bricht ab]

a gestr.: mich; b gestr.: Erregung versetzt; eingef.: Interesse erregt; c gestr.: ein dringendes; d gestr.: Probe; eingef.: Aufgabe; e gestr.: Fachge; f eingef.: aber; g gestr.: erfaß; h gestr.: fruch; i gestr.: schr; j gestr.: dad

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
04-02-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Wien
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 49605
ID
49605