Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Ritter von Stremayr, [Jena, ca. 25. Dezember 1870]

Hochgebietendera Herr Cultusminister!

Das Schreiben Euer Excellenz, durch welches mir eine Berufung als ordentlicher Professor der Zoologie an die Universität zu Wien an Stelle des verstorbenen Prof. Kner

angetragen wird, habe ich vor 3 Tagen erhalten, b und statte zunächst Ew. Excellenz für das ehrenvolle Vertrauen, welches Sie mir dadurch bezeugen, meinen ergebensten Dank ab. Nachdem ich diese, für mich höchst wichtige Angelegenheit von c allen Seiten reiflich erwogen habe, fühle ich mich gedrungen, Euer Excellenz meine darauf bezüglichen Anschauungen im Folgendem mit aller Offenheit und mit demjenigen Vertrauen, zu welchem Sie selbst mich in Ihrem hochgeehrten Schreiben aufgefordert haben, ehrerbietigstd vorzutragen.

Es bedarf wohl zunächst nicht der Versicherung, daß die mir angetragene ehrenvolle Berufung außerordentlich viel Verlockendes für mich hat. Die Versetzung in einen neuene Wirkungskreis, welcher meinen bisherigen um ein Vielfaches an Umfang und Bedeutung übertrifft, die Übersiedelung an eine Universität welche zu den größten, ältesten und angesehenstenf Deutschlands gehört, g die gebotene Benutzung von reichen und umfassenden || wissenschaftlichen Hilfsmitteln aller Art, alle diese und noch andere Vortheile der Wiener Professur üben eine solche Anziehungskraft aus, daß wohl die meisten Universitätslehrer eine solche Berufung ohne Bedenken Folge leisten würden. Ich gestehe daß auch ich den mächtigen Einfluß h dieser Anziehungskraft nach Empfang von Euer Excellenz Schreiben auf das Lebhafteste empfand, daß aber doch andererseits in meiner bisher inne gehabten hiesigen Stellung eine Anzahl von gewichtigen Motiven gegeben sindi, welche mir das Aufgeben derselben keineswegs leicht machen. Diese Motive sind folgende.

Ich bin gegenwärtig gerade ein Decennium an der Universität Jena, an welcher ich Ostern 1861 meine akademische Laufbahn begann, thätig gewesen. Während dieser zehn Jahre habe ich mich ununterbrochen einer stetig zunehmenden Theilnahme in meinem zwar quantitativ beschränkten, aber qualitativ höchst angenehmen Wirkungskreise erfreut. Die akademischen Behörden haben jederzeit meine Wünsche und Bedürfnisse auf das Bereitwilligste erfüllt. j Ein mit allen Hilfsmitteln ausgerüstetes zoologisches Institut ist auf meinen Antrag ins Leben gerufen worden. Ich habe eine zoologische Sammlung einrichten können, wie sie gerade meinen speciellen Neigungen und Bedürfnissen entspricht. Die Regierung hat mir stets ein unbeschränktes Maaß an Lehrfreiheit gewährt, wie Euer Excellenz k aus meinen Schriften ersehenl können. Endlich bin ich || durch die innigsten Bande der Freundschaft mit Collegen und Fachgenossen verbunden, deren Umgang mir zum Theil geradezu unersetzlich ist. Kurz, meine Stellung in Jena hat mir während dieses Decenniums, und zwar in zunehmendem Maaße, Alles das gewährt, was ich überhaupt von einer Universität mittleren Ranges beanspruchen kann. Dies war auch der Grund, weßhalb ich vor fünf Jahren einen ehrenvollen Ruf an die Universität Würzburg ohne Bedenken ausschlug.

Euer Exzellenz werden es unter diesen Umständen gewiß gerechtfertigt finden, wenn ich meine hiesigem Stellung nur mit n Widerstreben aufgebe. o Ehe ich mich entschließe, statt dessen in einen anderen, wenn auch noch so bedeutenden und anziehenden Wirkungskreis einzutreten, muß ichp mir die Erfüllung gewisser Wünsche als Aequivalent für q den aufgegebenen gesicherten Besitz ausbedingen. r Erlauben Euer Excellenz daß ich Ihnen die fünf wichtigsten von diesen Wünschen in Nachfolgendem freimüthig vortrage. Ehe ich überhaupt in officielle und entscheidende Verhandlungen über die Wiener Professur eintrete und dadurch die Freiheit meiner Entschließung bindes, möchte ich zuvor in vertraulicher Weise darüber instruirt sein, ob und in welchem Umfange Euer Excellenz überhaupt in der Lage sind, diese Wünsche erfüllen zu können. ||

In erster Linie würde ich selbstverständlich die Einrichtung eines zoologischen Institutes stellen, welches den Studierenden Gelegenheit zu praktischen zoologischen Übungen, mikroskopischen Beobachtungen und selbstständigen Untersuchungen gewährt. Ein solches Institut, wie es hier auf meinen Antrag errichtet worden ist, besteht allerdings an vielen Universitäten – und so viel mir bekannt, auch in Wien – noch nicht, ist aber durchaus unentbehrlich, um die Zoologie in der wissenschaftlichen Richtungt, wie ich sie an anstrebe, fördern und lehren zu können. u Es ist für ein wirklich fruchtbares Studium der Zoologie eben so unentbehrlich, wie ein chemisches Laboratorium für den Chemiker, ein astronomisches Observatorium für den Astronomen u. s. w. Die erste Einrichtung eines solchen zoologischen Institutes, die Ausstattung seiner Arbeitsräume, die Anschaffung einer größeren Anzahl von Mikroskopen und anderen Beobachtungs-Instrumenten, erfordert natürlich ziemlich bedeutende Summen, während die nachherige Unterhaltung verhältnißmäßig wenig kostspielig ist. v ||

Mein zweiter, sich hieran anschließender Wunsch wäre die Einrichtung einer zoologischen Beobachtungs-Station am adriatischen Meere, in Triest oder in dessen Nähe. Ich beziehe mich hierbei auf die ausführliche Eingabe, welche im w vorigen Jahre Professor Carl Vogt in Genf an Euer Excellenz gerichtet hat. In dieser Eingabe, x welche auch mir und meinem hiesigen Freunde und Collegen, Professor Gegenbaur, zur Begutachtung und Unterstützung zugesandt wurde, ist die außerordentliche Bedeutung, welche das Studium der niederen Seethiere in neuerer Zeit – nicht allein für die Zoologie selbst, sondern auch für viele der wichtigsten philosophischen Fragen – besitzt, ausführlich erörtert worden. In umfassender Weise kann aber dieses Studium nur gefördert werden, wenn dasselbe nicht mehr, wie bisher, den dürftigen Privatmitteln der einzelnen Zoologen überlassen bleibt, sondern durch Errichtung und Ausstattung bleibender zoologischer Observatorien am Meeresstrande, von den Regierungen unter den Schutz ihrer Unterstützung gestellt wird.y Daß sich gerade für die österreichische Regierung im dem Besitze von Triest und dem, an Seethieren außerordentlich reichen Dalmatinischen Küstenstriche, eine ganz vorzügliche und in Deutschland einzige – Gelegenheit darbietet, dieses höchst wichtige Bedürfniß der neueren zoologischen und philosophischen Wissenschaft zu befriedigen, z bedarf für den Scharfblick Euer Excellenz keiner weiteren aa Andeutung. Ich würde nun natürlich die Einrichtung eines solchen Observatoriums nicht in den von Carl Vogt gewünschten Umfange beantragen, da die Einrichtung und Leitung desselben mit den Aufgaben und Pflichten eines || Wiener Lehramtes unvereinbar sein würden. Vielmehr würde ich nur beantragen, daß mir in Triest (oder am besten vielleicht, wie Professor Vogt vorschlug, in den zu dem Schlosse Miramare gehörigen Wohnungen) einige Arbeits-Räume eingerichtet und mit den nöthigen Hilfsmitteln ausgestattetbb würden, in denen ich die Ferien-Zeit mit Beobachtung der Seethiere zubringen und Schüler, welche mich begleiten, in dieses Studium praktisch einführen könnte. Bisher war ich genöthigt, um meine Untersuchungen über Seethiere fortzusetzen,cc jedes Jahr oder doch jedes zweite Jahr, von Jena aus an die Meeresküste zu reisen und daselbst mich immer wieder aufs Neue und nur für kurze Zeitdd einzurichten. Natürlich würde ich aber meinen Zweck weit vollständiger und besser erreichen, wenn mir stattdessen eine bleibende Beobachtungs-Station an der Meeresküste eingerichtet würde. Diese Station würde zugleich, indem sie auch den Studierenden die beste Gelegenheit für jenes Studium bietet, den Unterrichts-Zweck fördern; und gleichzeitig würde es möglich sein, mit verhältnißmäßig geringen Mitteln eine ausgezeichnete Sammlung von den an unseren Küsten einheimischen Seethieren herzustellen – eine Sammlung, wie sie noch gänzlich fehlt und schon seit langer Zeit von unsern besten Zoologen als höchst wünschenswerth hingestellt worden ist. ||

Was überhaupt die zoologischen Sammlungen betrifft, so ee möchte ich Euer Excellenz drittens ff bitten, mir einige Andeutungen darüber zu geben, wie die betreffende Lehrkanzel für Zoologie in dieser Beziehunggg gestellt ist. Soviel ich weiß, ist in Wien das große kaiserliche Naturalien-Cabinet von der kleinen Universitäts-Sammlung gänzlich getrennt. Auf das erstere würde ich keine hh Ansprüche erhebenii. Dagegen würde ich vonjj der kleinen zoologischen Sammlung der Universität welche bloß für den Unterricht bestimmt ist, die alleinige Direction und Verwaltung in Anspruch nehmen müssen. Da die sehr kostbare Anschaffung zahlreicher Arten vonkk ausgestopften größeren Thieren, getrockneten Insecten, Conchylien und dergleichen, ll für den Unterrichts-Zweck gar keine, und für die neuere wissenschaftliche Zoologie überhaupt nur ein höchst untergeordnete Bedeutung besitzt, so würde ich hierauf ganz verzichten, und die zoologische mm Sammlung der Universität nur in dem Umfange für den akademischen Unterricht herzustellen und zu vervollständigen mich bemühen, wie es nn der Unterrichts-Zweck selbst unbedingt erfordert und wie ich dies in Jena mit sehr geringen Mitteln erreicht habe. ||

Was viertens die Höhe des zu erwartenden Gehaltes betrifft, so scheint es mir nach Allem, was ich über das außerordentlich kostspielige Leben in Wien gehört habe und aus eigener Erfahrung weiß, daß mit Rücksicht auf meine Familieoo mein Gehalt nicht unter 6000pp fl wird betragen können. Dabei dürfte insbesondere zu berücksichtigen sein, daß ich auch die jährlich ein oder zweimal anzutretenden Reisen nach Triest aus eigenen Mitteln zu bestreiten haben würde.

Endlich würde ich fünftens, falls die angeführten Wünsche erfüllt werden sollten, qq um genügenderr Garantie dafür bitten müssen, daß mir unter allen Umständen die eingeräumten Vortheile gesichert und unangefochten bleiben.

Da leider die Möglichkeit eines politischen Systemwechsels in Österreich noch nicht ausgeschlossen ist, und da immerhin die rückwärts strebenden Gewalten, die so lange Zeit darin herrschten, nochmals, wenn auch nur vorübergehend zur Herrschaft kommen könnten, so möchtess es ebenso im Interesse der jetzttt von Euer Exzellenz uuvertretenen freisinnigen Richtung wie in meinem eigenen Interesse, dringend geboten sein, meine Stellung derartig zu befestigen, daß ich durchaus nicht vv in jenem Falle unvermeidliche Angriffe zu fürchten haben würde.

Indem ich schließlich Euer Excellenz für das mir geschenkte Vertrauen nochmals meinen ergebensten Dank abstattete, habe ich nur noch die Bitte zu wiederholen, daß Euer Excellenz diese vorläufigen Mittheilungen, Ihrem eigenen Wunsche gemäß, als eine ganz offene und vertrauliche, ohne bindende Entschlüsse entworfene, ansehen mögen, als eine Basis, auf welcher im gegebenen Falle die weiteren officiellen Verhandlungen über die Annahme der Wiener Professur ausgeführt werden könnten. In beiderseitigem Interesse liegt es, daß alle Seiten || der Frage, die einerseits ww die Interessen der Wiener Universität mehrfach berührt, andererseits xx meine ganze fernere Laufbahn entscheidet, offen und allseitig geprüft werden. Was die specielleren Punkte der Verhandlung betrifft – vorzüglich die vorläufigen Kostenanschläge für das Wiener Institut und das Triester Laboratorium – so werde ich natürlich nicht ermangeln, Euer Excellenz auf Ihren Wunsch darüber bereitwilligst meine unmaßgeblichen Ansichten mitzutheilen. Einer geneigten Antwort vertrauensvoll entgegen sehend, bleibe ich inzwischen mit vorzüglicher Verehrung

Ihr ganz ergebener [Unterschrift fehlt]

a korr. aus: hochgeehrter; b gestr.: und gebe mir hierdurch die Ehre. Nachdem ich alle Seiten dieser; c gestr.: welche einen entscheidenden Wendepunkt meiner Laufbahn bildet, von; d eingef.: ehrerbietigst; e eingef.: neuen; f korr. aus: berühmtesten; g gestr.: gehört der collegialische Verkehr mit vielen ausgezeichneten und berühmten Männern der Wissenschaft; h gestr.: Gewicht; i gestr.: bei kühler und nüchterner Erwägung der beiderseitigen Stellungen, nicht minder mächtige Bedenken sich gegen das Aufgeben meines bisherigen Wirkungskreises geltend machen. Gestatten mir Euer Exzellenz, mit wenigen Worten diese Gründe anzuführen; eingef.: in meiner bisher inne gehabten Stellung eine Anzahl von gewichtigen Motiven gegeben sind; in der Einfügung gestr.: Gründen welche nicht ohne reifliche Erwägungen aller Verhältnisse; j gestr.: Die Regierung; k gestr.: sich durch; l gestr.: überzeugen; eingef.: ersehen; m gestr.: so außerordentlich lieb gewordene; eingef.: hiesige; n gestr.: großem; o gestr.: und; p eingef.: muß ich; q gestr.: das; r gestr.: Gest; s eingef.: und dadurch die Freiheit meiner Entschließung binde; t gestr.: Richtung der Neuzeit; u gestr.: Die erste; v gestr.: Die Unterhaltung eines Dieners und eines Assistenten für dasselbe würde genügen.; w gestr.: dieser B; x gestr.: war die; y eingef.: in umfassender Weise … den Schutz ihrer Unterstützung gestellt wird: z gestr.: und dadu; aa gestr.: Beweises; bb eingef.: und mit den nöthigen Hilfsmitteln ausgestattet; cc eingef.: um meine Untersuchungen über Seethiere fortzusetzen,; dd gestr.: Neue; eingef.:Neue und nur für kurze Zeit; ee gestr.: bei dieser Gelegenheit; ff gestr.: zugleich; gg gestr.: überhaupt in Bezug auf die Sammlungen; eingef.: dieser Beziehung; hh gestr.: weiteren; ii gestr.: machen, als daß mir dessen Materialien (eventuell in einzelnen voraussichtlich selten eintretenden Fällen) in liberaler Weise zur Benutzung anvertraut würde; eingef.: erheben; jj gestr.: über; eingef.: von; kk eingef.: zahlreicher Arten von; ll gestr.: nicht; mm gestr.: Unterrichts; nn gestr.: dieser; oo gestr.: ich die Höhe des; eingef.: mit Rücksicht auf meine Familie; pp mit Bleistift korr. in: 7000; qq gestr.: darum; rr gestr.: sichere; eingef.: genügende; ss gestr.: würde; eingef.: möchte; tt eingef.: jetzt; uu gestr.: jetzt; vv gestr.: keinem Falle diese; ww gestr.: über; xx gestr.: Fragen, die über

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
25-12-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Wien
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 49584
ID
49584