Paul Carus an Ernst Haeckel, Chicago, 16. Juni 1891

THE MONIST.

THE OPEN COURT.

EDITORIAL DEPARTMENT.

LA SALLE ILL.

Chicago, Ill.

Den 16ten Juni 1891.

Hochverehrter Herr Professor!

Soeben erhalte ich von T. B. Wakeman aus New York eine Übersetzung Ihres Briefes und Ihrer Thesen. Er fordert mich auf den Brief zu publiciren und ich bin durchaus geneigt dies mit Ihrer Genehmigung zu thun. Doch hätte ich gerne über einige Puncte noch einige Worte der Erläuterung von Ihnen.

Die fünfte These verwirft die Unsterblichkeit der Seele und die Idee eines persönlichen Gottes. Außerdem bekennen Sie sich zum Monismus, stellen aber den letzteren einerseits dem Pantheismus von Goethe und Spinoza andererseits dem Materialismus von Lange und Büchner gleich.

In meiner Auffassung ist Goethischer Pantheismus radical verschieden vom Büchnerschen Materialismus. Dem ersteren pflichte ich gerne bei, während ich den letzteren nicht anerkennen kann. Materialismus, so wie ich den Ausdruck verstehe, versucht alles aus Kraft u. Stoff zu erklären. Goethe würde Empfindungen oder Gedanken nie als Stoffgebilde betrachten. Unter Monismus dagegen || verstehe ich lediglich die Einheit des Universums.

Der Geist des Menschen ist eine bestimmte Abstraction, die nur in Verbindung mit seinem Leibe existirt. Der Leib des Menschen ist eine andere Abstraction. Stoff ist eine gewisse Abstraction; doch ist Stoff durchaus kein erschöpfender oder alles umfassender Begriff. Nach meiner Auffassung von Monismus kann es keinen leiblosen Geist geben; aber Geist ist deshalb weder Stoff noch Kraft, sondern eine Abstraction sui generis.

Die Persönlichkeit Gottes halte ich ebenso wie Sie für eine wissenschaftlich unhaltbare Idee. Doch erscheint mir die Existenz Gottes als unzweifelbar, sobald wir darüber die Natur verstehen, insofern dieselbe nicht ein Chaos, sondern ein gesetzmäßig geordnetes Ganze ist, dessen Erkenntnis die Basis unseres ethischen Handelns ist. Die Gottesidee in diesem Sinne ist der Eckstein von dem, was ich natürliche Religion, oder die Religion der Sittlichkeit oder die Religion der Wissenschaft nennen möchte. Man könnte diese || Auffassung Gottes atheistischen Theismus nennen. Ich würde nichts dagegen haben. Ich pflege sie Entheismus zu nennen.

Wenn unter Persönlichkeit der Seele die vermuthetea Einheit eines mystischen Seelenwesen verstanden wird, so läugne ich dieselbe ebenso wie die Persönlichkeit Gottes. Die Seele ist nicht ein Ego das denkt und fühlt. Vielmehr ist das Denken und Fühlen selbst die Seele. Die Unsterblichkeit eines solchen Wesens zu diskutiren ist deshalb sinnlos, weil dasselbe gar nicht existirt. Anders steht es mit der Seele als unsere Denk- und Fühl-Art. Die Seele als eine besondere Denk- und Fühl-Art ist durch Erblichkeit und Erziehung übertragbar. In diesem Sinne giebt es eine Fortdauer der Seele über den Tod hinaus, und die Idee dieser Unsterblichkeit ist nicht nur eine wissenschaftliche Wahrheit sondern auch von unberechenbar practischer Bedeutung. Individuelle Seelen (Ego-Wesenheiten) giebt es gar nicht. Jede Seele besteht aus einem System von Vorstellungen || und Empfindungen, die Bezug haben auf die uns umgebende Welt. Diese Vorstellungen sind das Product der Thätigkeit nicht des Individuums, sondern der menschlichen Gesellschaft. Der Mensch wird zum Menschen dadurch daß die Menschheit in ihm lebt. Die Seele in diesem Sinne ist ein geistiger Schatz, der von Generation zu Generation übertragen wird und fortlebt. Die Unsterblichkeit der Seele – d. h. die immanente Unsterblichkeit – ist identisch mit Evolution.

Wenn unsere Vorfahren von der Unsterblichkeit der Seele sprachen, so folgten sie dem natürlichen Drange der Selbsterhaltung. Die Hoffnung dieser Selbsterhaltung ist keine Lüge, wenn sie auch oft mißverstanden worden ist. Freilich eine Ego-Wesenheit, wofür man die Seele früher hielt, kann nicht erhalten werden, u. dann ist auch nichts verloren. Das Große und Schöne der Menschenseele aber, die Menschheit im Menschen, das was in Wirklichkeit die Seele ist, Erkenntniß der Wahrheit sowie die menschlichen Ideale, bleiben erhalten auch über den Tod der Individuen hinaus und werden erhalten bleiben, solange die || Existenzbedingungen der Menschheit auf Erden vorhanden bleiben.

Diese Ideen sind nicht reine Speculationen, auch sind sie nicht phantastisch. Das geistige Leben der Menschen mit Einschluß der Entwickelung sittlicher Ideale, ist ebenso gut Gegenstand exacter Naturforschung, wie das physische, das materielle, der Menschennatur. In der Betrachtung dieser Erscheinungen auf dem Gebiete geistigen Lebens können u. müssen wir ebenso sorgfältig in terminologischen Ausdrücken sein, wie wir es in der Physiologie oder irgend einem Zweige der Naturwissenschaften sind. Ich weiß, daß Sie bei aller Concentration, mit der Sie sich Ihren Specialitäten widmen, doch ein warmes Interesse für die philosophischen und ethischen Fragen bewährt haben. Auch sprachen Sie Ihre Sympathie mit der Weltauffassung aus, die The Open Court vertritt. Darum || gerade möchte ich, daß Sie Ihren Thesen eine Interpretation geben, die nicht mißverstanden werden kann. Einige Worte der Erklärung der Puncte, die ich oben besprochen habe, würden sehr willkommen sein.

In der Hoffnung, daß es uns noch einmal vergönnt sein möge, Sie persönlich zu treffen verbleibe ich mit freundschaftlichem Gruß

hochachtungsvoll

ergebenst

P. Carus ||

Beim Copiren ist der Brief verdorben. Wollen Sie gütigst einem vielbeschäftigten Manne verzeihen, daß er den Brief nicht noch einmal schreibt. Ich denke es ist alles gut leserlich.b

a eingef.: vermuthete; b Nachschrift mit Blei am Kopf von S. 1 vermerkt

Brief Metadaten

ID
4924
Gattung
Brief ohne Umschlag
Verfasser
Institution von
The Monist, The Open Court
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
USA
Entstehungsland zeitgenössisch
USA
Datierung
16.06.1891
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
21,4 x 27,6 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 4924
Zitiervorlage
Carus, Paul an Haeckel, Ernst; Chicago; 16.06.1891; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_4924