Hübner, Marie

Marie Hübner an Ernst Haeckel, Breslau, 2. September 1907

Breslau, am 2. September 1907.

Hochverehrter Herr Geheimrat!

Da ich vermuten möchte, daß ein Mitte Juni abgesandtes Kästchen, enthaltend: Schriftliches, ein Bild und drei photographische Platten zur Veranschaulichung eines Vererbungsbeispiels, nicht in Ihre Hände gelangt ist, so erlaube ich mir, anbei das, was ich von dem Verlorenem ersetzen kann – Bild und Tabelle – noch einmal zu senden, da, wie Sie uns mitzuteilen die Güte hatten, Sie noch im Laufe des Sommers einen Auf-||satz über das Thema: Vererbung von Verstümmelungen u.s.w. zu veröffentlichen gedenken. Leider ist das beiliegende Bild nicht so gut als das zuerst gesandte. Die handschriftlichen Notizen des betreffenden Kollegen enthielten nichts, was nicht auf dem Schema zum Ausdruck käme. Zu erwähnen wäre nur die Bitte, bei etwaiger Veröffentlichung keinen Namen nennen zu wollen, welches überhaupt die Bedingung war, unter der ich allein Auskunft erhielt. Deshalb sehe ich mich genötigt, sie auszusprechen.

Über die Erwerbung der tiefen Schnittwunde im oberen Teile der Ohrmuschel, die die in Natur recht sichtbare Einkerbung mit erhöhtem Wundrande zurückließ, teilte der || Kollege uns Folgendes mit. Er kam als siebenjähriger Knabe aus der Schule heim und begeistert von der Geschichte von Ruth, die er in der Schule gehört hatte, wollte er, wie er zu tun pflegte, wenn ihn etwas innerlich recht bewegte, seiner Großmutter eine Predigt über das Thema halten, einen Stuhl als Kanzel benützend. Im Feuer der Rede verlor er das Gleichgewicht, fiel vom Stuhl und zerschlug ein auf der Erde stehendes Gefäß, dessen Scherben ihm am Ohr die tiefe Schnittwunde beibrachten. Er erinnert sich, daß sie so heftig blutete, daß der Arzt geholt werden mußte; doch weiß er nicht mehr, ob irgendwelche Komplikationen bei der Heilung sich einstellten oder andere krank-||hafte Einflüsse den Körper während der Heilung der Wunde infizierten. Genau erinnert er sich wiederum, daß Sohn und Enkeltochter die Eigenheit von Geburt an besessen haben resp. besitzen. Es tat uns leid, nicht auch von den Letztgenannten Bilder des Ohr erhalten zu können; doch fiel es so schwer, überhaupt hier etwas zu erfahren, daß wir sehr froh waren, als wir das eine Bild sicher hatten. Wenn Sie es wünschen sollten, wäre Kollege Kakuschke, der so freundlich war, die Aufnahmen zu machen, gewiß bereit, auch das gesunde Ohr aufzunehmen. Für die Richtigkeit der Tatsachen können wir uns voll verbürgen. Das Fehlen der Bilder von Sohn und Enkel des Kollegen werden Sie lächelnd, verstehend entschuldigen, wenn ich sage, dass Hr. || [Briefschluss fehlt]

[Beilage ]

Herr Rektor Wilhelm Köhler hier zog sich in seinem siebenten Lebensjahre durch den Fall auf ein Porzellangefäß, das dabei in Scherben ging, eine tiefe Schnittwunde in den oberen Teil der linken Ohrmuschel zu, die nach der Heilung auf dem Bilde sichtbare Einkerbung zurückließ, die sich in folgender Weise vererbte:

[Zeichnung eines Stammbaums mit der Vererbung ]

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-09-1907
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 48543
ID
48543