Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an August Schenk, Jena, [17. Mai 1865]

Herrn Professor Schenk

Verehrtester Freund!

Zu meinem lebhaften Bedauern muß ich a auf die von mir in den letzten Monaten gehegte Hoffnung verzichtenb, an der Würzburger Universität als Ihr College wirken zu können. Ich habe mich definitiv entschlossen hier zu bleiben. c

Wenige Tage vor Eintreffen des Berufungsschreibens Ihrer Facultät faßte die hiesige philosophische Facultät den Beschluß eine ordentliche Professor der Zoologie an hiesiger Universität zu gründen und mir dieselbe d anzubieten. Dieser Beschluß wurde von der Regierung sofort sanktionirt und ich mußte das hiesige Anerbieten dem Würzburger um so mehr vorziehen, als die hier mir gestellten Bedingungen fast in jeder Beziehung weit günstiger als die Würzburger sind.

Die hiesige ordentliche Professor der Zoologie, verbunden mit der Direction des zoologischen Museums, || ist in jeder Beziehung vollkommen unabhängig. Ich erhalte die Examina und die Vertretung des Faches in jeder Beziehung ganz allein für mich, ebenso ein eigenes Laboratoriume. Auf diese vollkommene Unabhängigkeit lege ich großen Werth. Ich will lieber der Erste in Jena, als der Zweite in Rom sein. Und Würzburg ist noch kein Rom! Meine Lehrthätigkeit ist dadurch besonders angenehm, daß ich, außer meinem Hauptfach, der Zoologie, auch vergleichende Anatomie, Embryologie und Histologie lesen kann und in diesen Fächern mit f Prof. Gegenbaur, dessen freundschaftlicher Umgang mir höchst werthvoll istg, abwechsle.

Mein hiesiges Gehalt ist von 500 rℓ, die ich bisher bezog, auf 800 rℓ (1400 fl) erhöht worden. Da Wohnung, Lebensmittel etc hier fast um die Hälfte billiger als in Würzburg sind, h so dürfte i diese Summe hier ungefährj denselben Werth haben als 2000 fl in Würzburg, welches mir doch nur 1200 fl bieten konnte.

Die großen Vorzüge, welche Würzburg vor Jena besitzt, k und welche mich, l nachdem m mir die Aussicht eines Wechsels meiner Stellungn eröffnet war, stark zu ersterem hinzogen, verkenne ich auch heute noch nicht. Allein es bleibt, nachdem sich hier meine Stellung so verbessert hat, von jenen Vorzügen fast nur der größere Wirkungskreis übrig, den o Würzburg vor Jena voraus hat.

Unter diesen Umständen habe ich mich nicht entschließen können, meine hiesigen, mir lieb gewordenen Verhältnisse, mit denen ich durch ein eigenes Schicksal und einep Reihe eigenthümlicher Umstände sehr fest verwachsen bin, aufzugeben.

In der Hoffnung, daß trotz der gescheiterten qAussicht auf eine nähere Verbindung die alten freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns fortbestehen werdenr, bleibe ich in alter Verehrung und s Hochachtung

Ihr ergebenster

Hkl.

a gestr.: nun schließlich doch; b eingef.: von mir ... Hoffnung verzichten; c gestr.: so schwankend und ungeneigt ich die letzten 2 Monate über die Entscheidung meines Schicksals war, so leicht ist mir doch zuletzt der bestimmte Entschluß geworden; d gestr.: zu übert; e eingef.: ebenso ein eigenes Laboratorium; f gestr.: meinem Freunde; g gestr.: der mir auch fast unschätzbar ist; eingef.: dessen freundschaftlicher Umgang mir höchst werthvoll ist; h gestr.: so ist; i gestr.: leicht 1400; j eingef.: ungefähr; k gestr.: verkenne ich; l gestr.: die Entscheidung; m gestr.: die; n gestr.: zwischen Beiden; eingef.: meiner Stellung; o gestrichen: die Summe der; p gestr.: und namentlich den Umgang mit G. / an die ich durch eine; eingef.: mit dem ich durch ein eigenes Schicksal und eine; q gestr.: Hoffnung; eingef.: Aussicht; r gestr.: werden; s gestr.: Ergebenheit; eingef.: Hochachtung

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
17-05-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 48537
ID
48537