Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Karl, Hermine und Ernst Haeckel, [Berlin, vor 10. Mai 1865], mit Beischrift Charlotte Haeckels

Meine lieben Kinder. Wir hatten uns recht nach einem Briefe von Ernst gesehnt, der nun heute endlicha angekommen ist und woraus Du ersehen wirst, daß Ernst mit seiner Reise sehr zufrieden ist.

Ich steke jetzt ganz in dem 7 jährigen Kriege. Friedrich II ist trotz seiner Fehler und seines Despotismus doch ein ganz außerordentlicher Mensch, den man bewundern muß und die entgegengesetztesten Eigenschaften in [sich] vereinigte, ein strenger Militär und dabei der empfänglichste Geist für die Wißenschaften, von einer Besonnenheit und durchdringendsten Einsicht in den gefährlichsten Tagen, der in den kritischsten Augenbliken immer das rechte zu finden wußte und gar nicht zu decontenancirn war als ob die Gefahr gar nicht ihm, sondern einem Fremden gelte, den er vertreten und für den er zu handeln habe. In den letzten Kriegsjahren gieng es ihm schlecht, er hatte dem vereinigten Europa gegenüber den Krieg zu führen und seine Kräfte waren beinah aufgezehrt und er selbst zum Untergange den er gewiß nicht überlebt hätte bereit, wenn er nicht auf die wunderbarste Weise errettet worden wäre. So brachte er den Preußischen Staat als eine selbstständige Macht aus den schwersten Krisen heraus und es kommt jetzt nur darauf an, diesen Staat, der sich durch die großartigen Entwikelungen der Zeit ganz neu gestaltet hat, zu erhalten. Dazu bedürfen wir ein militärisch gebildetes Volk und es zeugt von größtem Unverstand, zu glauben, daß es einer solchen Bildung nicht bedürfe und dass man nur so vom Herde des Hauses in die Schlacht gehen dürfe, um zu siegen. Wie sehr haben wir im Jahre 1813. diese Bildung bei der Landwehr vermißt, im Jahre 1814 und 15 war dieb c Landwehr schon militärisch ausgebildet, sie war vollständig in der Disciplin geübt und darum konnten selbst unglükliche Gefechte sie nicht erschüttern. Ich habe daher in der Zeitung die unverständige Rede von Forkenbeck mit großem Widerwillen gelesen, immer || wird das Schlagwort „Landwehr“ gebraucht, um unverständiges Eingehen auf die Vorschläge der Regierung zu hintertreiben. Daß der 3 jährige Dienst unnöthig und der 2 jährige ausreichend sei, darüber ist man allgemein einig. Wenn man aber die 2 jährigen entläßt, so müßen sie jährlich ein Paar Wochen zusammengezogen und wieder eingeübt werden, damit sie das Erlernte nicht vergeßen und wir müßen eine bedeutende Anzahl Exercirmeister, Unterofficiere und Feldwebel haben, um den Leutend das Technische des Dienstes beizubringen. Die Officiere muß man damit behelligen, sonst gehen sie im militärischen Pedantismus unter. Ob diese Officiere jetzt bei uns zu ihrem eigentlichen Beruf zwekmäßig erzogen werden, ist eine andre Frage und man ärgert sich, wenn man hier in Berlin sieht, wie sie ihre Zeit mit den erbärmlichsten Lapalien verderben. Wenn der Krieg kommt, so werden sie von diesen bald ablaßen müßen und wir wollen uns freuen, wenn militärischer Muth sie dann in der Gefahr aufrecht hält.

Stenzels Geschichte von Preußen ist ganz vortrefflich, sie geht aber nur bis zum Ende des 7 jährigen Krieges, von wo ab man sich an „Preuss’ Geschichte Friedrichs II“ halten muß, mit welcher e Stenzel aber gar nicht zufrieden ist, wie sich auch sogleich bestätigt, wenn man beide Geschichten über Friedrichs II Leben bis zur Beendigung des 7 jährigen Krieges vergleicht.

Ich steke jetzt so in diesem Studio drinn, daß es mir gar keine Ruhe läßt. Bin ich damit fertig, dann gehe ich zu dem Hohenstaufen Friedrich II über einem ganz großartigen Menschen anderer Art und das Bild seiner Zeit.

Auch habe ich mir vom Buchhändler „Engel‘s Statistik“ geben laßen, die mich sehr intereßirt und die ich neben bei lesen werde.

Zunächst erwarte ich Dich nun, mein lieber Karl, so ohngefähr zum Bußtage hier bei uns, damit wir Dich wieder einmal sehn und sprechen. Du wirst Tante || Auguste noch hier oder in Potsdam finden und wahrscheinlich auch Theodor und seine Familie wieder sehen.

Ich bin recht begierig, Euer neues Quartier zu sehn und werde, sobald es die Umstände gestatten, mit der Mutter zu Euch kommen.

A Dieu liebe Kinder

Denkt an Eure Alten

f Haeckel

Mein lieber Ernst! Eben sagt mir Mutter, daß Karl morgen herkommt, an welchen ich vorstehenden Brief gerichtet hatte. Da er aber alles enthält, was ich jetzt thue und treibe, so wirst Du daraus vollständig ersehn, wie es mir hier geht und ich könnte nichts anders schreiben, wenn ich auch sogleich unmittelbar an Dich gerichtet hätte. Ich freue mich, daß Du mit Deiner Reise so zufrieden und nun wieder bei Deinem Gegenbauer bist. Wenn Du über Deine dortigen Verhältniße officielle Entscheidung haben wirst, wirst Du uns wohl bald Mittheilung machen. Jetzt haben wir hier vollständigen Sommer und es wird nun mit Macht grün.

Dein Alter Hkl

[Beischrift Charlotte Haeckels]

Schreibe uns, mein lieber Ernst, sobald Du kannst. Ist schon was entschieden wegen Würzburg? Mit herzlicher Liebe

Deine Mutter.

a eingef.: endlich; b korr. aus: sie; c gestr.: die; d gestr.: ihnen; eingef.: den Leuten; e gestr.: Pr; f gestr: Dein

 

Briefdaten

Datierung
vor dem 10.05.1865
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 48204
ID
48204