Bleek, Wilhelm

Wilhelm Bleek an Ernst Haeckel, Kapstadt, 18. – 20. März 1872

Montag b. d. Kapstadt

18 März 1872

Lieber Ernst,

Mit dem morgen abgehenden, diesen Brief Dir bringenden Post Dampfboote „Roman“ schicke ich Dir auch eine Kiste, deren Inhalt auf den beiliegenden Blättern verzeichnet ist. Da der Brief sonst ein doppelter würde, so schicke ich das Inhaltsverzeichnis mit einem andern in ein paar Tagen abgehenden Privatdampfschiff, das übrigens eben so früh, wenn nicht früher als dies eintreffen wird. Das Porto ist mit ihm 8 mal wohlfeiler.a Unter den 19 Nummern darin sind eben 14 Blechdosen für Dich resp. Dein Museum; und da der übrige Platz ausgefüllt werden musste, so habe ich drei Kästchen u. eine Blechbüchse für meine Mutter, u. ein Bücherpacketchen für Haug hineingelegt. Du wirst wohl so gut sein, sie an beide zu schicken. Ich habe die Kiste addressirt

Herrn Professor Haeckel

Jena

Germany

Specimen of natural history

Für das Zoologische Museum

herrschaftliche Dienstsachen

care of G. Thompson Esq.

150 Leadenhall Street

London E C

Ich weiss nicht ob Du solche Sachen durch Deutschland frachtfrei als für Euer Museum bekommen kannst. In dem Falle schreibst Du gleich am besten an Mr. G. Thompson und sagst ihm, was er zu dem Ende zu thun hat. - Jedenfalls dachte ich würde es bei den Deutschen Zollamte vor der Öffnung schützen wenn „Herrschaftliche Dienstsachen“ daraufsteht. ||

Leider habe ich nach Deinem Plane keine Medusen fischen können. Das Netz war fertig, aber nie wollte das Meer ruhig genug sein. Zweimal als es uns ruhig schien, begaben wir uns auf einem Boote in die Bay, aber beide male fanden wir es zu unruhig etwas ausrichten zu können. Das erste Mal hatten wir eine schöne Spazierfahrt nach der Simonsbay, das zweite Mal kriegten wir aber einen gehörigen Schrecken, da das Boot keinen Ballast eingenommen, u. der Wind in sehr gefährlichen Stössen kam, die uns jeden Augenblick in unserer Nussschale mit nicht besonders geschickten oder vorsichtigen Schiffern ins Meer zu schleudern drohte. – Es ist äusserst selten, dass in der Falschen Bay das Wasser ruhig genug zu solchen Fischereien ist, u. während des Monats, den wir dort waren, sahen wir es nie günstig genug, ausser vielleicht ein oder ein anderes Mal am Morgen, u. dann hatten wir auch nicht sogleich ein Boot kriegen, da wir eine halbe Meile von der eigentlichen Kalkbay entfernt || nach der Kapstadt zu wohnten. Dies gerade am 16ten Meilensteine von der Kapstadt gelegene Haus war übrigens für unsere anderweitigen Fünde sehr gut gelegen, indem dicht dabei am Strande eine Anzahl Klippen u. Steine im Wasser lagen, die sich leicht mit einem Stecheisen umdrehen liessen, u. unter denen wir die besten Fünde machten, – dazu noch viele grottoartige Locale, und kleine Buchten worin sich viele kleine curiose Thierchen fanden. Ich hoffe nur, ich habe Dir nicht zu viel Werthloses geschickt; doch fand ich jedenfalls manches bis dahin mir noch Unbekanntes. Freilich manche Sachen, die ich im vorigen Jahre fand, kamen mir, wie es mir scheint, diesmal nicht vor. Da wir sahen dass wir keine Medusen & durch Fischen auf der See bekommen könnten, so lasen wir was wir von am sanften Sandufer aufgeschwemmt kriegen konnten auf, u. schicken Dir || die besten darunter in Ermangelung von besserem. –

Ich danke Dir sehr für die Ehre, die Du mir erwiesen, indem Du einen Kalkschwamm nach mir benannt. Freilich ist mir mein Pathchen doch nach dem Gesichte nach unbekannt, obschon ich es in meinen Händen wohl gehabt habe. Die Ehre Entdecker der Kapschen Kalkschwämme geworden zu sein, ist mir allerdings ganz unbewusster Weise zu Theil geworden. Die Frommen würden sagen „Der Herr gibt es den Seinen, wenn sie schlafen.“ Sollte ich in einer naturwissenschaftlichen Examination einen Kalkschwamm beschreiben oder auch nur aus einer Anzahl verschiedener naturwissenschaftlicher Objekte herausfinden, || so möchte ich leicht wohl durchfallen. Doch habe ich in Troschel u. ein paar anderen Büchern die Beschreibung der Kalkschwämme mir angesehen. Doch bin ich nicht sicher, ob irgend welche diesmal in der Sammlung sind. Sollte es Dir möglich sein unserer öffentlichen Bibliothek ein Exemplar Deines Werkes über die Kalkschwämme zukommen zu lassen? In dem Falle sende es unter folgender Addresse

South African Public Library

Care of Cape Town

Messrs H. S. King & Co

65 Cornhill E. C.

Ferner würde es mir lieb sein, wenn Du von jeder der jetzt gesandten Arten, von denen Du ein Exemplar ganz || gut entbehren kannst, uns in Spiritus mit dem richtigen Namen dabei für unser hiesiges Museum schicktest. Addressire diese nur

Curator

South African Museum

Cape Town.

Du kannst diesmal das Zurückschicken meiner Flaschen u. Büchsen fortlassen. Im Falle ich mehr Flaschen schicke, wird es für mich wohlfeiler sein, Flaschen & hier zu kaufen, als den Transport zu haben.

Ich sehe eben, daß Du besonders um kleines Zeug, das am Seetang festsitzt bittest. Davon haben wir gar nichts diesmal finden können; das hängt wohl damit zusammen, daß wir mehrere Wochen Südoststürme während unserer Anwesenheit || in der Kalkbay hatten. – Unter denen, die mir bei dieser Sammlung geholfen haben, muss ich in erster Linie meine Schwägerinn Lucy C[atherine] Lloyd nennen, die auch schon um die im vorigen Jahre gesandte Sammlung sich äusserst verdient gemacht hat. Zeitweiliges Unwohlsein hat sie diesmal verhindert so viel selbst aus dem Meere u. von den Klippen abzulesen als sie wohl anders gethan hätte. Doch rühren einige seltene Stücke von ihr her, und sie hat sich der sehr mühsamen Arbeit des Wecheln des Spiritus &, in der Kalkbay sowohl wie hier, u. der Verpackung unterzogen. Auch meine Frau hat dabei geholfen. Unter den Sammlern des Haushaltes muss ich auch Edith und Stoffel rechnen, die manches sahen, dass ich nicht sehen konnte u. die erstere namentlich ist fleissig u. freudig eine Sammlerinn gewesen. Sollte der cryptochiton eine neue Art sein, so musst Du ihn nach Stoffel benennen, der die beiden einzigen mir vorgekommenen Exemplare aufgefunden hat. – Ausserdem hat uns ganz besonders Roland Trimen geholfen, der einen Sonntag u. Montag bei uns zubrachte, u. am Montag mit uns auf die Felsen ging; den Nachmittag hatten wir unsere erste verunglückte Medusenfischfahrt, die desshalb in eine Spazierfahrt nach der Simonsbay ausartete. Er hat uns besonders noch mit Rath beigestanden, u. kam auch einige mal mit zum Besuch nach Mowbray um sich die Sachen vor der letzten Verpackung noch anzusehen. Er ist ein verdienstvoller Entomologist. Du kennst ja wohl seine Sachen. Sind sie des Jenenser Doctorhutes werth? Ich hoffe, er soll unser Museum bekommen, das jetzt nach || Layard‘s Weggang der Br[itish] Consul in Para in Brasilien geworden ist) von einem naturwissenschaftlichen Laien, der aber hier einflussreiche Verwandte hat, verwaltet wird. Eine akademische Ehre möchte ein Stein in Trimen‘s Brett hier sein. Trimen ist schon Mitglied der Linnean Society. – Ausser ihm hatte ich an einem Sonntag ( sage es aber nicht in England seiner Mutter) die Hülfe eines Vetters meiner Frau Lieutnant zur See Frederick Jeffreys, der hier erster Lieutnant an Bord des Kanonenbootes „Torch“ war, und jetzt nach der Westküste abgesegelt ist. Er ist sehr intelligent, u. da sich frühere Kapitäne mit denen er gereist, für das Sammeln interessiert hatten, hatte er schon tüchtig mit denen, auch wohl mal für sich selbst || gesammelt, u. war sehr geschickt dabei, machte mich auf manches aufmerksam das ich übersehen. Er interessirt sich sehr für Naturgeschichte u. hatte auch wie mir schien recht gute Kenntnisse. Ich musste ihm Darwins Bücher (Origins of Species u. Descent of man) hier zu verschaffen suchen, um sie an Bord zu lesen.

– 20. März.

Die Kiste geht wirklich mit dem "Roman" Postdampfschiff, das diesen Brief bringt. Uns allen hat der Aufenthalt an der Kalkbay sehr gut gethan. – Ich hoffe mit der Gesundheit Deiner lieben Frau hat es sich fortdauernd gebessert, und ist sie jetzt wieder ganz stark. Die vorletzte Post brachte uns die traurige Nachricht von Onkel Julius‘ Tod, der ja sehr schmerzlich war, so schnell u. doch mit solchen Leiden. Ich hoffe Heinrich u. der Bediente haben sich jetzt ganz von den Pocken erholt. ||

Wie viele [ ]b sehe ich aus meiner Mutter Briefen. Ich habe so eben ein Schreiben von Petermann erhalten, der durchaus das Biblische Ophir nach Südafrika verlegen will, wo Mauch Ruinenreste (wie er meint phönizische) in 20° 14ꞌ S. Br., u. 31° 48ꞌ Ö. L. von Guruuswah entdeckt zu haben meint. Aber die Pfarrer können doch wohl schwerlich anders als aus Indien kommen? Petermann ist doch immer noch überaus sanguinisch?

Mit freundlichsten Grüssen an Deine Frau u. die Potsdamer

Dein treuer Vetter

W. H. Bleek ||

Mit dem Postdampfschiff „Roman“ geschickt, mit dem auch ein Brief vom 20/3 72.

Kalkbay

Im Februar 1872 gesammelt:

Zwölf Flaschen (einschließlich eines mit No. 1-4, 6-8 u. 12. in wenig verdünntem Spiritus (1/3 bis 1/4 Wasser) No. 5 stärkster Spiritus No. 9-11 sehr verdünnter Spiritus (3/4 Wasser), nach einer Alaun- und Salzwassermischung (2 1/2 ounces of each to a gallon of water)

No. 1 Seesterne & & &

Hier ist zu bemerken, dass namentlich die grossen Seesterne ihre Farbe sehr veränderten als sie in den Spiritus kamen. In Natura waren sie nicht nur röthlich, sondern sehr häufig weisslich und bläulich (etwa was die Engländer „purple“ nennen). Sobald sie in den Spiritus kamen, wurden die bläulichen sogleich und mit ersichtlichen || Übergängen dunkelroth. Später verblasste dies wieder etwas u. als der Spiritus gewechselt wurde, erschienen sie ihrer ursprünglichen Farbe wieder etwas näher, obschon sie sie keineswegs erreichten. Als sie so roth wurden, erfüllten sie auch den Spiritus mit rothem Farbstoff, der natürlich mit dem ersten Spiritus abgegossen ist.

In dieser Flasche ist auch ein Thier, das nach Dr. Comrie (Arzt des Kriegsschiffs „Dido“) ein cryptochiton sein soll, und wovon wir nur noch ein Exemplar (in Nr. 6) haben.

No. 2. enthält Kalkröhren mit Würmern, Steine, an denen allerhand Thiere festsitzen, u. andere sehr schwere Sachen.

No. 3. Kalkröhrenwürmer & & & ||

No. 4. Von den in dieser Flasche ganz oben aufliegenden Sachen haben einige der kleineren (u. auch ein kleiner Tintenfisch) erst in einer Alaun- u. Salzwassermischung gelegen, u. sind nachher einige zuerst in sehr verdünntem Spiritus gewesen, andere aber gleich von dem Alaun Salzwasser in starken Spiritus gekommen.

No. 5. See Anemonen. – Diese sind gleich in den allerstärksten Spiritus (ohne irgend einen Zusatz von Wasser) gesetzt. Beim Wechseln in gleich starken Spiritus wurden die, welche sich am schlechtesten erhalten, weggenommen.

Eine Anzahl Anemonen versuchten wir zuerst in der Alaun- u. Salzwassermischung u. dann in Spiritus. Da diese sich aber gar nicht zu halten schienen, so wurden sie alle weggeworfen. Bei einer der letzten Seeanemonen die sich fing, u. die ich, da ich keine || Spiritusflasche zur Hand hatte, zuerst in einen Zinkeimer voll Seewasser setzte, bemerkte ich folgendes curioses Phänomen: Es war eine grosse rothe sehr weiche schleimige mit vielen Spitzen. Ich glaube sie liegt hier noch in der Flasche ziemlich, wenn nicht ganz oben. Sie war ganz lebendig u. schien sich mir selbst ein wenig von der Stelle sich zu bewegen. In demselben Eimer war ein Tintenfisch etwa so lang wie dies Papier breit ist, und eine ziemliche Anzahl (über 20) kleiner Fische, die ich mit meinem Medusen-Netze gefangen, u. die lustig in dem Wasser herumschwammen. Es waren kleine, junge sogenannte „härders“, u. etwa ein Drittel so lang als dies Papier breit ist. Zuerst blieb eins an der Spitze der Meduse hängen, u. wurde allmählig von derselben verschlungen, so blieben mehrere an ihr hängen. Aber was das merkwürdigste || war, war dass allmählig auch fast alle andern Fische Zeichen von Übelfinden zeigten und sich allmählig der Boden des Eimers mit todten oder betäubten Fischkörpern anfüllte. Nur noch etwa ein halbes Dutzend schwammen herum, als wir alle Fische in einem Eimer mit frischem Seewasser versetzten. Eine ganze Anzahl erholte sich dann für eine zeitlang, aber ich glaube es war mit den meisten nur zeitweilig. Jedenfalls mehr als die Hälfte der Fische war von der Seeanemone erschlagen worden. Die Überlebenden liess ich wieder ins Meer zurückwerfen, wo sie lustig umherschwammen. – ||

No. 6. Seescheiben & &

Auch ein cryptochiton (wie Nr. 1)

NB Man verfahre sehr vorsichtig mit dem Glaspfropfen dieser Flasche, da dessen Handhaber abgebrochen war u. nur mit Gummi wieder angeheftet.

No. 7. Seeigel. – Die Farben sind im Leben viel brillanter –

No. 8. Allerlei kleines Zeug. Die elf oben aufliegenden in Gaze eingewickelten von den Engländern brittlestars genannten, waren zuerst in einer Alaun- und Salzwassermischung u. dann in sehr verdünntem Spiritus ehe sie in diesen viel stärkeren Spiritus kamen. ||

No. 9. Die unten am Boden der Flasche liegenden sind alle am Strande Fischhookbay aufgelesen, etwa eine Engl. Meile von der Kalkbay auf dem Wege nach der Simonsbay gelegen.

Es sind 1stens kleine kugelförmige von einer bis zu einigen Linien im Durchmesser, krystalklar, manchmal mit rothen Streifchen oder Pünktchen.

2tens flache runde etwa von der Grösse u. Gestalt eines kleinen Zuckerplätzchens, doch manchmal bis 2 Zoll im Durchmesser. Manche hatten rothe Linien auf der Oberfläche etwa so [Zeichnung] so viel ich mich erinnere. – Beide Arten sind sehr zusammengeschwunden, namentlich die zweite Art.

Oben schwimmen einige kuriose federartige Thierchen, die theils am Strande der Kalkbay u. auch Fischhookbay || aufgelesen u. theils in der See, am Ufer aufgefischt.

No. 10. Sogenannte „Portuguese man of war“ die fast alle am Strande aufgelesen, nach einem Südostwinde. Ich zweifle dass diese sich genug halten; da ich aber keine lebenden (ausser vielleicht einem, der leider unter die andern gesteckt worden ist) kriegen konnte, so sende ich sie des Versuches halber.

No. 11. An der Fischhookbay u. Kalkbay meist am Strande aufgelesen. Unter den aus dem Seewasser genommenen, ist ein scheibenförmiges mit sehr vielen herabhängenden Fäden –

No. 12. Landthierchen aus unserm Garten zu Mowbray 3 2/3 Engl. Meilen von der Kapstadt, am Fusse des Teufelsbergs.||

Büchse

No. 13. Ausser dem Felle eines kleinen Thierchens, das ich an der Kalkbay kaufte, enthält diese Büchse blos Sachen von Damaraland (Otyim-bingue), nämlich eine Strausseneierschaale, ferner eine Anzahl kleiner runder Knollen, die „im Felde mehrere Tagreisen weit“ (von Otyim-bingue) „gegraben werden, und geröstet oder zu Mehl gemahlen die einzige Nahrung der Bergdamarer ausmachen“, sowie auch eine Anzahl „Orambo Nüsse, die wie Kastanien geröstet werden.“

Kasten

No. 14. Muscheln & & &

Für meine Mutter auch ein Kaffernarmband aus Samen gemacht von Julia E. Lloyd

Büchse

No. 15. Ein Stück schwarzes Straussenfell für meine Mutter

Kasten

No. 16. Zwei Strausseneierschaalen und gewöhnliche Muscheln für Mutter &

Kasten

No. 17. Blumen, künstliche Arbeit, für meine Mutter, von meiner Schwägerinn Lucy C. Lloyd

Paquet

No. 18. Ein Paquet für Professor M. Haug in München

Inhalt, drei hottentottische Bücher u. ein Otyiherero (Damara) Buch

Pappschachtel

No. 19. Einige Schmetterlinge u. eine Wassernymphe. Die letztere wurde in meinem Studierzimmer zu Mowbray gefangen; u. hatte zur Zeit glänzende Farben, die jetzt sehr verblichen sind.

Die Schmetterlinge in unserm Garten zu Mowbray gefangen, von meiner Schwägerinn gesammelt. Vielleicht ist ein oder das andere Dir willkommen.

a mit Einfügungszeichen eingef.: Da der Brief…8 mal wohlfeiler.; b Textverlust durch Papierausriss

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-03-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 48124
ID
48124